Der Mann ist Steuerberater und Hobbybastler, handwerklich offenbar unbegabt, denn er hat sich einen Schraubenzieher in den Oberschenkel gerammt. So beginnt ein Handlungsstrang bei „In aller Freundschaft – die jungen Ärzte“: mit der Einlieferung des Bastlers in eine Erfurter Klinik, die Schauplatz der ARD-Serie ist. Der Mann wird auf einer Trage in die Rettungsstelle gerollt. Sofort nehmen sich zwei Mediziner seiner an. Man könnte meinen, sie hätten auf diesen einen Patienten gewartet. Jedenfalls sind keine weiteren Notfälle zu sehen. Kein Flur, auf dem sich Liege an Liege reiht. Keine Pflegekraft, die vor lauter Arbeit nicht weiß, wohin sie zuerst laufen soll. Keine Unterbesetzung. Keine Überforderung. Die Szenerie strahlt aus: Alles wird gut.
Die Realität in deutschen Krankenhäusern sieht vielfach anders aus. Seit Jahren herrscht ein chronischer Mangel an Fachkräften. Nicht nur in Rettungsstellen, doch dort wird dieser Mangel besonders gut sichtbar, weil sie die wichtigsten Zugänge zur stationären medizinischen Versorgung sind. Beschäftigte haben sich inzwischen zu einer bundesweiten Initiative zusammengeschlossen. „Notaufnahmen retten“ heißt sie und soll die Öffentlichkeit auf die Misere aufmerksam machen. Denn die Bevölkerung hierzulande nimmt davon kaum Notiz.
Das ist erstaunlich angesichts der knapp 20 Millionen Patienten, die im Normalbetrieb vor Corona jährlich in deutschen Krankenhäusern behandelt wurden. Zusammen mit ihren Angehörigen bilden sie eine nicht gerade kleine Gruppe, die einschlägige Erfahrungen gesammelt haben müsste. Doch nur während der Pandemie und einer sich zuspitzenden Lage auf den Intensivstationen kam zwischenzeitlich das Thema auf die Tagesordnung. Es ließ sich nicht mehr ausblenden.
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Dagegen erfreuen sich Klinikserien wie „In aller Freundschaft“ eines anhaltend großen Interesses. Es scheint zu faszinieren, wenn Dr. Berger einen Ulcus duodeni entfernt oder Dr. Sturm einer exogenen Depression zu Leibe rückt. Wenn die Damen und Herren Fernsehheiler bei körperlichen oder seelischen Wunden Wunder wirken. Dr. Gruber alias Hans Sigl versammelte 2021 als Bergdoktor im ZDF durchschnittlich mehr als sieben Millionen Menschen pro Folge vor den Empfangsgeräten der Republik und war damit das Gesicht zum zweiterfolgreichsten deutschen Serienformat nach der Krimi-Reihe „Nord bei Nordwest“.
Unerreicht bleibt die Resonanz auf die Schwarzwaldklinik in den Achtzigerjahren. Bat Professor Brinkmann begleitet vom „Tock, tock, tock“ eines EKGs Schwester Christa um Skalpell und Tupfer, schauten 25 Millionen gebannt zu und machten das ZDF konkurrenzlos glücklich. Seitdem flimmerten an die 20 Krankenhausserien aus deutscher Produktion über die Bildschirme, zuletzt ging der empathische Klinikarzt Dr. Ballouz auf Sendung. Dazu Operetten aus dem OP Marke „Grey’s Anatomy“, in den USA opulent inszeniert und in deutschen Wohnzimmern dankbar konsumiert.
Krankenhausserien: Flucht aus der realen Welt
Ein Verdrängungswettbewerb beim Verdrängungswerk: Eskapismus lautet der Fachbegriff – Wirklichkeitsflucht, Weltflucht. „Eskapismus ist bei Krankenhausserien ein zentrales Nutzungsprinzip“, sagt Leonard Reinecke, Medienpsychologe an der Universität Mainz. „Es ist im öffentlichen Diskurs negativ konnotiert, was sich aber aus psychologischer Perspektive als nicht haltbar erweist.“
Eine wichtige Funktion erfüllt diese Flucht aus der realen Welt, die geprägt ist von Unwägbarkeit, Unsicherheit und Unübersichtlichkeit, die ein hohes Potenzial an Stress in sich trägt. Die Funktion ist medizinisch durchaus relevant: Erholung. In der Welt der Serien sind die Verhältnisse nämlich klar geregelt, zumindest am Ende einer Episode. „Ein Krankenhaus ist ein idealer Mikrokosmos“, sagt Reinecke. „Er ist eine gute Projektionsfläche für Eskapismus. Es geht um Menschen, die erkranken, lebensbedrohlich vielleicht sogar, Menschen, für die man viel Empathie entwickeln kann.“ Mitfühlen und einen Bezug zur eigenen Lebenswirklichkeit herstellen – das ist das Prinzip.
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Es geht um die großen Dinge des Lebens, dessen Endlichkeit und das, was Menschen so alles miteinander veranstalten – um Kabale und Liebe. Dabei kommt das Thema ohne Umschweife auf den Tisch, den OP-Tisch. Das Krankenhaus ist die Bühne, in diesem Theater der Therapieansatz nicht entscheidend. Oder nur dann, wenn er die Geschichte voranbringt. „Eine Klinik ist sehr hierarchisch organisiert vom Chefarzt bis zur Hilfsschwester. Da lassen sich gut Konflikte inszenieren“, sagt Reinecke.
Über die tatsächlichen Arbeitsbedingungen für das medizinische Personal, eine Work-Life-Balance in Schieflage, ein unterfinanziertes System, erfährt der Zuschauer nichts. „Es wird erzählt, wie sich Ärztinnen und Ärzte unter hohem Einsatz um das Leben von Patienten kümmern, das schon, aber es bleibt auf der Ebene von Individuen.“
Dabei hält Reinecke Serienformate durchaus für geeignet, um auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam zu machen. „Sie sind ein Schutzraum, in dem man sich in Situationen hineinversetzen und etwas lernen kann.“ Die Unterhaltungsbranche nutzt diesen Effekt bereits. „Im Moment sieht man einen Megatrend hin zu Diversity. Gesellschaftliche Minderheiten werden sichtbar gemacht in positiv besetzten Rollen.“
Zuschauer verlässt die Komfortzone einer TV-Serie
Pablo Hagemeyer fände es gut, wenn ein ähnlicher Trend bei Belangen des Gesundheitswesens erkennbar würde. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie aus Weilheim/Oberbayern berät Fernsehproduktionen wie „Der Bergdoktor“ und „Bettys Diagnose“, hilft mit seinem Team, Drehbücher zu entwickeln. Er sagt: „Systemkritik ist möglich, sie wäre in meinem Sinne als Berater sogar nötig. Ich versuche, die Kreativen davon zu überzeugen, dass wir auch so etwas erzählen müssen.“
Dass es die einzige Ärztin in einer Rettungsstelle mit 40 Patienten während ihrer Schicht zu tun kriegt? „Dann kann das auch spannend sein“, sagt Hagemeyer. „Die Gegenrede lautet aber häufig, der Zuschauer solle nicht mit zu viel Realität überrollt werden. Man wolle ihn abholen und in eine komfortable Zone entführen, in der es zwar Konflikte gibt, es aber nicht zu einer Überforderung kommt.“
Manchmal ist die Überforderung allerdings nur aufgeschoben. Dann, wenn die Komfortzone um einen herum wegbricht und der eigene Weg ins Krankenhaus führt. Aktuelle repräsentative Studien liegen dazu nicht vor, doch deuten ältere Untersuchungen darauf hin, dass die Fiktion falsche Erwartungen an die Realität wecken kann. Anfang der 2000er-Jahre wurden 157 Patienten kurz vor und nach ihrer Aufnahme in eine Klinik gefragt, wie sie das medizinische Personal bewerten und wie oft sie Krankenhausserien schauen. Serien-Junkies stuften Ärzte anfänglich positiver ein als am Ende ihres Aufenthalts. Bei den Serien-Abstinenzlern verhielt es sich umgekehrt.
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Der Chirurg und promovierte Kommunikationswissenschaftler Kai Witzel wiederum präsentierte 2008 dieses Ergebnis einer Umfrage unter 162 Patienten: Wer häufig Krankenhaus- oder Arztserien schaut, hat größere Angst vor einem Klinikaufenthalt, er befürchtet das Schlimmste, ist unzufriedener mit den Visiten, ihm fehlt das opulente Happy End. Der Befund sprach für die sogenannte Kultivierungshypothese der Medienforschung. Sie geht davon aus, dass Menschen, die mehrere Stunden am Tag fernsehen, dazu neigen, Fiktion für Wirklichkeit zu halten.
Doch reine Luftschlösser bauen auch Klinikserien nicht. „Manchmal haben wir schon einen systemkritischen Ansatz in unseren Stoffen“, sagt Hagemeyer. „Wenn es dramaturgisch hilft, ist das möglich.“ Zum Beispiel: „Wir brauchen eine Laboruntersuchung, damit die Geschichte voranschreitet. In einem Nebensatz könnte es heißen, dass das Labor einen Tag für den Bericht braucht. Das spiegelt die Überforderung einer medizinischen Einrichtung.“
Aus medizinischer Sicht sollte das Drehbuch ohnehin schlüssig sein. „Die Mengenangabe des Medikaments beispielsweise, dessen Name, die Behandlungsstrategie – das muss schon stimmen“, sagt Hagemeyer. „Wir wissen aus der Hypnose, dass man ein, zwei Anker braucht, um das Gefühl zu vermitteln, dass alles seine Richtigkeit hat.“ Allerdings kommt es nicht darauf an, dass die dargestellte Therapie dem neuesten Stand der Wissenschaft entspricht.
Der Bergdoktor: Mails an die Macher der Arztserie
Zwar erhalten die Produzenten des Bergdoktors gelegentlich Mails, deren Verfasser darauf hinweisen, dass eine bestimmte Krankheit heutzutage anders als in der Serie gezeigt behandelt wird. Doch erwartet der Zuschauer eher einen Handlungsrahmen, der in der Vergangenheit liegt. Davon gehen zumindest Serienproduzenten aus – eine Faustregel, keine empirisch belegte Erkenntnis: „Vom Gefühl her haben die Geschichten, die wir heute erzählen, vor zehn Jahren gespielt“, sagt Hagemeyer. Vielleicht, weil früher alles besser war, gefühlt?
Dr. Ballouz überwacht immerhin seinen operativen Eingriff schon mal an einem Bildschirm mittels Kamera, die er in den Bauchraum eines Unfallopfers einführt. Und Dr. Gruber hantiert seit ein paar Jahren nicht mehr mit klassischen Röntgenaufnahmen, die er an die Wand pinnt, sondern mit digitaler Technik. Für den dazugehörigen Patienten kann er sich allerdings schon mal drei Tage Zeit nehmen, so wie dem Klinikkollegen Ballouz für ein Aufklärungsgespräch das eine oder andere entspannte Stündchen zur Verfügung steht. „Das hat nichts mit dem Alltag zu tun, ist aber oft notwendig, um Raum für die Geschichte zu schaffen“, sagt Hagemeyer.
Dass die Corona-Pandemie bislang kaum sichtbar wird, hat auch mit dem Vorlauf für die Produktion zu tun und der Gefahr, dass sich die Lage bei Ausstrahlung längst verändert hat. Ohnehin ist Hagemeyer davon überzeugt, dass die meisten Zuschauer Fiktion und Realität klar voneinander trennen können. Auch darauf deuten Mails hin, die bei den Serienproduzenten eingehen. Und Mails, die Hagemeyer selbst erhält. „Mein Doktorvater zum Beispiel ist immer sehr gespannt und wartet, dass beim Bergdoktor der Helikopter kommt“, sagt der Psychotherapeut und lacht.
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Diejenigen, die sich dann im roten Rettungsdress vom Hubschrauber abseilen, auch die, die in fiktiven Notaufnahmen fiktive Patienten begutachten, sind die Projektionsfläche für Werte, die in der Medizin wichtig sind, abseits der Mechanik einer Operation – für Schmerz, Leid und Linderung. Vor allem für den alles entscheidenden Kampf: mit dem Tod. In deutschen Kliniken sterben pro Jahr rund 400.000 Menschen. „In Krankenhaus- und Arztserien wird dagegen selten gestorben“, sagt Hagemeyer.
Auch der Steuerberater mit dem Schraubenzieher im Bein hat überlebt. Das war ja von Anfang an klar. Alles wird gut. Und die Hoffnung stirbt zuletzt. Im ausgedachten wie im wahren Leben.
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