Russland

Nach Putins Entschuldigung bei Israel: Kreml-Sprachrohr definiert Nazismus neu

Die russische Kriegspropaganda schlägt rechtzeitig vor dem 9. Mai eine neue Volte. Der ukrainische Nazismus wird neu definiert.

3 Min
In Russland wird der Begriff „Nazismus“ seit Kriegsbeginn pervertiert.

In Russland wird der Begriff „Nazismus“ seit Kriegsbeginn pervertiert.

© Berliner Zeitung/Uroš Pajović

Was für eine Propaganda-Volte: Der als Kreml-Sprachrohr geltende Fernsehmoderator Wladimir Solowjow hat den Begriff Nazi neu definiert. „Nazismus bedeutet nicht unbedingt Antisemitismus“, sagte er in seiner Talkshow in dem staatlichen Fernsehsender Russia 1. Ein entsprechender Ausschnitt der Sendung von Donnerstagabend wurde über Twitter verbreitet. „Sie sagen, Selenskyj sei Jude und könne deshalb kein Nazi sein", sagt Wladimir Solowjow. Natürlich kann er das sein. Nazismus muss nicht Antisemitismus beinhalten. Nazismus kann antislawisch, antirussisch sein.“ Und genau das treffe auf den ukrainischen Nazismus zu.

Es ist wahrscheinlich, dass dieser Versuch, den Begriff des Nazismus umzuwerten, auch auf den Streit um als antisemitisch kritisierte Äußerungen des russischen Außenministers Sergej Lawrow zurückgeht. Und auf die Entschuldigung, die Wladimir Putin nach israelischen Angaben geleistet haben soll. Dass es eine solche Entschuldigung gegeben hat, teilte jedenfalls das Büro von Ministerpräsident Naftali Bennett nach einem Telefonat mit Putin am Donnerstag mit. Bennett habe die Entschuldigung angenommen und „für die Klarstellung der Einstellung des Präsidenten zum jüdischen Volk und zum Holocaust-Gedenken gedankt“. Vom Kreml gab es für eine solche Entschuldigung zunächst keine Bestätigung.

Putin hat den Begriff des Nazismus seit Kriegsbeginn pervertiert

Lawrow hatte in einem Interview im italienischen Fernsehen zum Krieg in der Ukraine, das am Sonntag ausgestrahlt wurde, in Israel und auch in anderen Ländern für Empörung gesorgt. Moskau begründet den Angriff aufs Nachbarland auch mit einer angeblich erforderlichen „Entnazifizierung“, obwohl der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj jüdischer Abstammung ist. Lawrow sagte dazu, auch Hitler habe „jüdisches Blut“ gehabt. „Das heißt überhaupt nichts. Das weise jüdische Volk sagt, dass die eifrigsten Antisemiten in der Regel Juden sind.

Von Beginn des Krieges gegen die Ukraine hat Putin den Begriff Nazismus pervertiert, indem er behauptet, die Ukraine werde von „Nazis“ regiert und müsse „entnazifiziert“ werden. Nazismus und Faschismus sind für ihn Kampfbegriffe, die allein dazu dienen, den Krieg gegen ein unabhängiges Land und seine Bewohner zu legitimieren. Er hat den Krieg gegen die Ukraine mit diesen Begriffen auch mit dem Großen Vaterländischen Krieg verknüpft, der ja auch ein Krieg gegen den Faschismus war. Eine Geschichtsverdrehung nannte dies der Leiter des Museums Berlin-Karlshorst, Jörg Morré, das an den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion erinnert.

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Deshalb kommt der Versuch der Neudefinition auch rechtzeitig vor dem höchsten nichtreligiösen Feiertag in Russland: dem 9. Mai, an dem der Sieg der Roten Armee über Hitler, über Nazi-Deutschland mit einer Militärparade in Moskau gefeiert wird. Vergangenheit und Gegenwart werden vermischt. In Moskau hängen Plakate, auf denen es doppeldeutig heißt: „Frühling – Der Tag des Sieges ist nah.“ Das Bildmotiv: ein blühender Kirschbaumzweig, um den ein Georgsband als Schleife gebunden ist.

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