Kolumne

Julian Assange stirbt einen Tod in Raten: Wo ist die mediale Empörung?

Anfangs profitierten westliche Medien von seinen Enthüllungen. Jetzt fühlen sich wenige berufen, für Assange ins Feld zu ziehen.

Mandy Tröger
3 Min
Julian Assange sitzt schon jahrelang in Haft. Ihm droht die Auslieferung in die USA.

Julian Assange sitzt schon jahrelang in Haft. Ihm droht die Auslieferung in die USA.

© dpa/Dominic Lipinski

Neulich lief ich vom Bahnhof Südkreuz in Richtung Innenstadt. Der Fußweg war mit „Free Assange“-Logos gepflastert. Stimmt, da war doch was! Julian Assange, Gründer der Enthüllungsplattform Wikileaks, sitzt im Gefängnis und das seit Jahren, derzeit im Hochsicherheitsknast in Großbritannien. Er soll an die USA ausgeliefert werden. Dort drohen ihm bis zu 175 Jahre Haft – für die Veröffentlichung geheimer US-Dokumente im Jahr 2010.

Eine Berufung gegen die Auslieferung wurde abgewiesen. Reporter ohne Grenzen und der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) kritisierten diese Entscheidung scharf. Assange verdiene „einen Orden und nicht eine lebenslange Haftstrafe“, so der DJV. Er habe US-Kriegsverbrechen aufgedeckt, im Irak zum Beispiel. Die Täter, nicht er, sollten zur Rechenschaft gezogen werden. Auch 37 Bundestagsabgeordnete fordern einen Stopp der Auslieferung. Sie hätte einen „abschreckenden Effekt“ auf die Presse- und Meinungsfreiheit, meinen sie. Es geht also um etwas. Trotzdem (oder genau deshalb) steht der Fall Assange im medialem Abseits.

Mandy Tröger
Berliner Zeitung/Mike Fröhling

Mandy Tröger

Mandy Tröger schreibt für die Berliner Zeitung eine wöchentliche Kolumne.

Von Isolationshaft ist bislang wenig zu lesen

Dabei kämen laut Nils Melzer, UN-Sonderbeobachter für Folter, im Fall Assange rechtliche und politische Mittel zum Einsatz, die bei anderen Fällen undenkbar wären. In zwanzig Jahren Arbeit habe er „nie erlebt, dass sich eine Gruppe demokratischer Statten zusammengeschlossen hat, um ein einzelnes Individuum so lange Zeit und unter so wenig Berücksichtigung der Menschenwürde und der Rechtsstaatlichkeit bewusst zu isolieren, zu dämonisieren und zu missbrauchen“, sagt er. Melzer arbeitet mit Opfern von Krieg, Gewalt und politischer Verfolgung. Er weiß, wovon er redet. Den Medien scheint das egal. Isolationshaft, Hetzkampagnen, Menschenrechtsverletzungen. Zu lesen ist davon wenig bis nichts.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Immerhin erhielt Julian Assange jetzt den Günter-Wallraff-Preis und kam so wieder in die Presse. Laut Jury habe der Wikileaks-Gründer einen „bedeutenden investigativen Beitrag zur Nachrichtenaufklärung geleistet“ und dabei „stets immense Repressalien“ in Kauf genommen. Ganz vorn dabei: die „unerbittliche Verfolgung […] durch die USA“. Beobachter sprechen von zielsicheren Informationskampagnen – Assange solle mundtot gemacht werden. Nicht umsonst polarisiert sein Name: Für die einen ist Assange ein verdächtigter Vergewaltiger, Narzisst, ein Egoist und Hacker, der schlecht riecht. Für die anderen ist er Reformer, Freiheitskämpfer und der „Kammerjäger der Demokratie“. Ein Mann, der Licht ins Dunkle der politischen Macht brachte und die Ratten rennen ließ. Die Wahrheit liegt hier nicht im Auge des Betrachters. Sie liegt in der Frage, welche Informationen warum ans Licht kommen (oder eben nicht). Sie liegt auch in der medialen Lücke zum Fall Assange.

Günter Wallraff nennt den Fall Assange einen „Tod auf Raten“

Anfangs profitierten Medien in den USA, Großbritannien und Deutschland von den Wikileaks-Enthüllungen. Jetzt fühlen sich wenige berufen, für ihn ins Feld zu ziehen. „Ich kann nicht verstehen, warum viele Medien nicht erkennen, dass es um sie geht“, kommentierte Assanges Anwältin. Im Rücken sitzt ihnen die Angst der Kontaktschuld. Günter Wallraff nennt den Fall Assange einen „Tod auf Raten“: Eine Person, an der ein Exempel statuiert wird, siecht dahin. Und die, die es betrifft, sehen zu und hoffen, sie kommen heil davon. Auch das ist Pressefreiheit in westlichen Demokratien.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner