Dass Berlin ein Ort der Superlative ist, wissen wir ja längst. Aber wie viel Großartiges diese Stadt hervorgebracht hat, ist über die Jahrzehnte doch ein bisschen in Vergessenheit geraten: vom Fön über das Kondom bis hin zur Litfaßsäule.
Die feiert jetzt gerade Geburtstag, und mit ihr eine Reihe weiterer großartiger Produkte, die aus unserem heutigen Alltag nicht mehr wegzudenken sind – allet eschte Balina! Wir haben für Sie mal sechs ganz besondere Erfindungen aufgeschrieben, die allesamt hier erdacht worden sind und von der Spree aus ihren Siegeszug in die große weite Welt angetreten haben.
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Werbung made in Berlin: Die Litfaßsäule
Totgesagte leben länger. Und im Fall der durchschnittlich knapp drei Meter hohen Litfaßsäule stimmt das umso mehr. Immer wieder hieß es, die runde Form der Plakatpräsentation hätte ausgedient; zu Hunderten wurden sie aus der Stadt entfernt – und später wieder aufgestellt.
24 Litfaßsäulen stehen heute unter Denkmalschutz. Erfunden hat sie der Berliner Ernst Theodor Amandus Litfaß, der „im Volksmund schon zu Lebzeiten mit dem respektvollen Beinamen ‚Reklamekönig‘ versehen“ wurde, schreibt das Berliner Stadtmuseum.
Auch „Säulenheiliger“ soll der Unternehmererbe genannt worden sein. „Sein Vater (…) war der Besitzer einer Buchdruckerei und Verlagsbuchhandlung in der Berliner Adlerstraße 6 – einer seit den 1930er-Jahren überbauten Straße, an deren Stelle sich heute das ehemalige Reichsbankgebäude (Auswärtiges Amt) befindet.“
Litfaßsäule in Berlin-Buch
© Nicole Schulze
Litfaß war ein umtriebiger Verleger und Gründer, politisch engagiert und ideenreich bis zu seinem Tode. Seinen größten Coup landete er mit der Anschlagsäule, auch Annoncir-Säule genannt, wo Informations- und Werbeplakate angeklebt werden konnten. Denn bis dahin wurde überall in Berlin wild plakatiert – ein Ärgernis für viele Anwohner.
Vor 170 Jahren, am 15. April 1855, wurde die erste Litfaßsäule im heutigen Mitte aufgestellt, und zwar an der Ecke Münz-/Grenadierstraße, die seit 1951 Almstadtstraße heißt. Dort steht eine Bronzesäule und erinnert an einen unserer größten und zugleich irgendwie unbekanntesten Erfinder.
Die Gedenk-Litfaßsäule in Mitte ist ihrem Erfinder Ernst Litfaß gewidmet.
© Jörg Zägel via CC BY-SA 3.0/Wikimedia
Mehr als salonfähig: Haaretrocknen ist Fön
Was haben ein Föhn, Tempo, Ohropax und Tesafilm gemeinsam? Na, wissen Sie’s?
Es sind alles eingetragene Markennamen und stehen zugleich synonym für eine Produktkategorie. Denn eigentlich gemeint sind jeweils Haartrockner, Papiertaschentuch, Ohrenstöpsel (siehe unten) und Klebeband. Sagt nur keiner.
Erfunden wurde der Fön, also der echte Fön (ohne h!), damals Foen genannt, hier bei uns. AEG, ein Ur-Berliner Unternehmen, betrieb zum ausgehenden 19. Jahrhundert die Berliner Electricitäts-Werke und sorgte für Strom in der wachsenden Spree-Metropole.
Zudem tüftelte man in der Firma an neuen Heimgeräten für die Berlinerinnen und Berliner: „Die Erfindung der (…) ‚Heißluftdusche‘ ist anfangs noch nicht besonders handlich – sie wiegt stattliche zwei Kilogramm. Zu Beginn bewirbt die AEG das Gerät nicht nur als Haartrockner, sondern auch als medizinischen Apparat zur Linderung von Muskelverspannungen, Rheuma und Furunkel“, schreibt visitberlin.de, das Hauptstadtportal für Berlin-Gäste und alle anderen.
So warb AEG früher mit dem Fön
© AEG/Electrolux Group
Die Berliner Firma Sanitas brachte quasi zeitgleich, nämlich 1908, einen elektrischen Haartrockner auf den Markt, den sie in Anlehnung an den warm-trockenen Gebirgswind Foen nannte und 1909 ins Markenregister eintragen ließ.
„Die ersten Geräte bestanden aus Metallgehäusen für das Gebläse. Die Stromzuführung zum Elektromotor erfolgte durch den innen hohlen Holzgriff“, so das Rheinländische Industriemuseum. In den 1950ern wurde Sanitas von der AEG übernommen, und somit auch der Fön als patentierter Markenname.
Das Gerät war zu diesem Zeitpunkt wahnsinnig beliebt und längste ein Massenprodukt, das in vielen Haushalten – nicht nur in Deutschland! – zu finden war. Und das ist bis heute nicht anders, wenngleich nicht alle von uns einen echten Fön haben dürften.
Weil’s so schön prickelt: Die Fassbrause
Im gleichen Jahr, in dem Sanitas den Foen herausbrachte, ertüftelte sich ein Berliner Chemiker einen Bier-Ersatz für seinen Sohn. Das Getränk sollte dem Bier ähneln, auch im Aussehen, aber eben keinen Alkohol enthalten.
„Neben Auszügen aus Äpfeln und Süßholzwurzeln enthielt das würzig-herbe Getränk die brauereitypischen Zutaten Malz und Brauwasser. Es wurde ursprünglich vom Fass gezapft“, weiß die Stiftung Warentest.
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Eine Limo also, aber anders als die anderen. Typisch Berlin halt. Der Erfinder hieß Dr. Ludwig Scholvien, Besitzer der Dr. Scholvien GmbH & Co. Essenzenfabrik.
Die Fassbrause entwickelte sich zu einem äußerst beliebten Erfrischungsgetränk, nicht nur bei Kindern. Allerdings blieb die Verbreitung weitgehend auf Berlin und die DDR beschränkt. Nach der Wende geriet die Fassbrause etwas in Vergessenheit, bis die Kölner Gaffel-Brauerei sie wiederbelebte.
Heute gibt es viele verschiedene Hersteller von Fassbrausen. Da Name und Zusammensetzung nicht geschützt sind, gibt es unzählige Varianten (z.B. mit Holunder oder Himbeere), und kaum noch eine kommt wirklich aus dem Fass.
Ein echter Lichtenberger: Der Eierschneider
Es gibt Produkte, die sind einfach ein bisschen spießig. Aber zugleich so praktisch, dass man sie (ab einem gewissen Alter) einfach zu Hause hat. Der Eierschneider, zum Beispiel. Nie ist es einfacher, ein hartgekochtes Ei sekundenschnell in befriedigend gleichmäßige Scheibchen zu zerteilen, um diese dann auf eine Stulle zu legen.
Als Erfinder gilt Willy Abel, ein Zugezogener, der sein Modell 1912 patentieren und fortan in Lichtenberger Rittergutstraße (heute Josef-Orlopp-Str.) herstellen ließ. Der Ingenieur war sowieso sehr umtriebig, ließ 63 Produkte patentieren, wie das Museum Lichtenberg weiß, erfand auch einen Briefmarken-Automaten, das herzförmige Waffeleisen sowie die Brotschneidemaschine mit rundem Messer.
Berliner Erfindungen: Brotschneidemaschine und Eierschneider
© Dr. Dirk Moldt/Museum Lichtenberg
„Wie innovativ er bei der Erfindung von Haushaltsgeräten ist, zeigt die breite Palette seiner Erzeugnisse, die er in Massenproduktion herstellen ließ. Eigens dafür gründete er im Jahr 1912 die Harras Werke in Berlin-Lichtenberg, deren Alleininhaber und alleiniger Geschäfts- und Betriebsleiter er war. Auf einer Fläche von ca. 4000 Quadratmetern, versehen mit einem eigenen Gleisanschluss, wurden hier Haushaltsprodukte aller Art hergestellt“, so das Museum Lichtenberg.
Der Harras-Original-Eierteiler wurde zum millionenfachen Exportschlager und war besonders in den USA beliebt. Heute gibt es Eierschneider in unzähligen Varianten, sodass man nicht nur Scheiben schneiden, sondern aus dem Ei auch geometrische Muster heraustrennen kann. Es gibt sie in Plastik und aus Edelstahl. Sie kosten zwischen zwei Euro (Ikea) und mehr als 20 Euro (WMF).
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Von Odysseus inspiriert: Ohropax
Das frühe 20. Jahrhundert war eine spannende, weil innovationsreiche Zeit. Große und kleine Erfindungen waren – wie bereits beschrieben – quasi an der Tagesordnung. Eine ganz besondere ist bis heute ein weltweiter, vielfach kopierter Verkaufsschlager: Ohropax.
Erfunden hat den Namen wie auch das Produkt der Apotheker Maximilian Negwer, der aus Schlesien nach Berlin gezogen war. „Auf der Suche nach einer wirklichen Marktlücke begeistert er sich sofort für die aus seinem Freundeskreis, namentlich einer Jenny Preiss, an ihn herangetragene Idee, den Gehörschutz des antiken Odysseus zu einem zeitgemäßen Produkt weiterzuentwickeln“, steht in der Firmengeschichte.
Odysseus, der antike Seefahrer, hatte der Sage nach die Idee, seiner Mannschaft die Ohren mit Bienenwachs zu verschließen, damit sie nicht dem Gesang der Sirenen erliegen.
So gründete der Apotheker 1907 in der Schöneberger Bülowstraße die „Fabrik pharmazeutischer und kosmetischer Spezialitäten Max Negwer“ und produziert dort Ohrenschützer als „erstes gebrauchstüchtiges Ruheprodukt für jedermann“, schreibt die Firma.
Und weiter: „Die erste Blechdose mit 12 Kugeln Inhalt erscheint im Jahr 1908 zum Verkaufspreis von 1 Mark und wird zunächst über Sanitätsgeschäfte und Kaufhäuser vertrieben.“ Außen steht drauf: „Bestes Nervenberuhigungsmittel“.
Die ursprüngliche Rezeptur ist weitgehend unverändert geblieben: Original-Ohropax bestehen noch immer aus Baumwollwatte, die mit einer Mischung aus Vaseline und verschiedenen Paraffinwachsen getränkt ist.
Neben den formbaren Wachs-Ohrstöpseln gibt es seit den 1990ern auch welche aus Schaumstoff, die sich immer wieder selbst in ihre ursprüngliche kegelartige Form bringen.
Und ganz klar: Die meisten Menschen, die an einer lauten Straße leben oder aufgrund von Schichtarbeit nachts ackern und tagsüber schlafen müssen, wollen auf die kleinen Ruhebringer nicht verzichten.
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Das Kondom kommt aus Prenzlauer Berg: Nahtlose Freude
Streng genommen hat das Kondom viele Väter, denn die Erfindung, so wie wir sie heute kennen, hatte viele Evolutionsstufen durchlaufen. Bereits in der Antike gab es kondomartige Empfängnisverhütung: Die Römer verwendeten Tierblasen. Später, im Mittelalter, wurden Därme oder (wiederverwendbare!) Leinenkondome benutzt – vor allem aber, um sich vor der Syphilis zu schützen.
Richtige Gummis gab es ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Und möglich wurde das überhaupt erst durch Charles Goodyear, der 1839 herausgefunden hatte, dass man aus Kautschuk Gummi herstellen kann. Später brachte er das so erste Gummi-Kondom auf den Markt, es war zwei Millimeter dick und mit einer Naht versehen.
Richtig geil, Pardon, gefühlsecht war das wohl nicht. Diese olle Naht! Nach zahllosen Experimenten ertüftelte der Chemiker Julius Fromm schließlich das erste nahtlose Kondom. Er bürge dafür mit seinem Namen, lautete die Werbung – und so war das erste Markenkondom geboren. Fromms. In Drogerien konnten die Berlinerinnen und Berliner es kaufen.
Aufgewachsen war der Unternehmer im Scheunenviertel und „und gründete 1914 in einem Hinterhof im Prenzlauer Berg eine erste Manufaktur für Parfümerie und Gummiwaren“, steht auf stolpersteine-berlin.de. Denn der in Polen geborene Fromm ist jüdischer Abstammung, war während der NS-Herrschaft zunehmend Repressalien ausgesetzt und „musste seine Firma weit unter Wert an die Patentante Hermann Görings verkaufen“. 1938 emigrierte er nach London und starb dort am 12. Mai 1945.
Der Stolperstein liegt vor dem Haus Friedrichshagener Straße 38 in Köpenick, wohin der Fabrikant seiner Firma verlegt hatte. Er wurde im Oktober 2014 verlegt.
Übrigens: „Der Begriff Kondom war auch im 18. Jahrhundert weit verbreitet; er wird auf einen Dr. Condom (1600 bis 1685) zurückgeführt, der für den englischen König Charles II. ein Verhüterli konstruiert hat“, schreibt das Deutsche Ärzteblatt.
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