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„Ich war im Kinderknast“: Das tragische Schicksal der Verschickungskinder in der BRD

Als junges Mädchen wurde unsere Autorin zur Kinderkur geschickt. Die traumatischen Erlebnisse im Heim kann sie auch nach 45 Jahren nicht vergessen.

Petra Strecker
6 Min
Ein Kind beim Essen in einer Kinderheilstätte

Ein Kind beim Essen in einer Kinderheilstätte

© Christoph Sandig Privatfoto/dpa

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Im Jahr 1980, als ich gerade zehn Jahre alt wurde, musste ich zur Kinderkur – so nannte man es damals. Der Grund war mein starkes Asthma. Meine Eltern wollten mir helfen, suchten Rat bei Ärzten, und die Empfehlung lautete: Höhenluft, gesunde Ernährung, frische Schwarzwaldluft. Und so wurde ich verschickt – nach Saig bei Lenzkirch im Schwarzwald.

Was mich dort erwartete, war allerdings alles andere als heilend. Es war kein erholsamer Aufenthalt, keine Zeit der Genesung oder der Unbeschwertheit. Es war ein Bruch – ein traumatisches Erlebnis, das mich geprägt hat, bis heute. Schon der Abschied war schwer, doch ich war ein kontaktfreudiges Kind, neugierig, offen für Neues. Ich hatte gehofft, Freunde zu finden, Abenteuer zu erleben. Aber ich erinnere mich an keine Namen, keine Kinder, keine Freundschaften. Nichts ist geblieben außer einem Gefühl der Einsamkeit, der Angst, des Eingesperrtseins.

Gemütliches Kinderzimmer war nur Kulisse

Meine Eltern hatten sich vor meiner Abreise die Einrichtung angeschaut. Sie erzählten später, man habe ihnen ein wunderschönes Zimmer gezeigt – mit Holzbetten, liebevoll dekoriert, mit karierten Bettdecken im typischen Schwarzwaldstil. Einladend, freundlich. Was sie nicht wussten: Dieses Zimmer war ein Vorzeigezimmer. Eine Kulisse.

Als ich ankam, war alles anders. Ich wurde in ein Gitterbett gelegt – mit zehn Jahren. Es war zu klein für mich, und abends wurde das Bett verschlossen. Ich konnte nicht mehr heraus. Ich hatte panische Angst. Ich erinnere mich besonders an die erste Nacht. Wie so oft bekam ich nachts einen schweren Asthmaanfall. Ich konnte nicht atmen, konnte mich nicht bemerkbar machen – es gab keine Klingel, kein Notfallknopf, keine Hilfe.

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Ich kämpfte mich in meiner Panik aus dem Gitterbett, stemmte mich mit eingeklemmten Füßen hoch, suchte nach jemandem, der mir helfen konnte. Und ich hatte Glück – in dieser Nacht war die Nachtschwester Maggi im Dienst. Eine freundliche, warme Frau. Sie half mir zu inhalieren, beruhigte mich. Hätte sie nicht Dienst gehabt – ich weiß nicht, was passiert wäre.

Von den Mahlzeiten ausgeschlossen

Damals gab es noch keine Asthmasprays, keine moderne Notfallversorgung. Ich war auf Hilfe angewiesen – auf Menschen. Aber viele dieser Menschen dort waren nicht hilfsbereit. Sie waren streng, kalt, autoritär.

Ich war ein moppeliges Kind. Dick. Und das hatte man mich spüren lassen. Während andere Kinder zum Zunehmen gezwungen wurden, wurde ich vom Essen ausgeschlossen. Ich musste zusehen, wie andere Kinder gezwungen wurden, zu essen – oft unter Tränen. Ich hingegen saß daneben, hungrig, beschämt. Heute leide ich an Adipositas. Und tief in mir ist die Angst geblieben: Ich bekomme nichts zu essen.

Noch schlimmer war das Duschen. Alle Kinder – Mädchen wie Jungen – mussten sich gemeinsam ausziehen, in einer Reihe stehen. Kein Schutz, keine Trennung. Ich war in der Entwicklung, gerade aus dem Kommunionsunterricht gekommen, wo man von Sünde, Scham und Anstand gesprochen hatte – und nun musste ich nackt vor fremden Jungen stehen. Es war erniedrigend. Ein Gefühl völliger Ausgeliefertheit.

Das Duschen selbst war kalt, lieblos. Wir wurden abgespritzt, ohne Erklärung, ohne Zuwendung. Körperhygiene als Zwangsritual. Ich fühlte mich nicht gereinigt, sondern beschmutzt – seelisch. Auch der sogenannte Mittagsschlaf war ein Albtraum. Wir mussten draußen auf Liegen schlafen, still, regungslos. Wenn sich jemand auch nur einen Zentimeter bewegte, kam eine der Aufseherinnen – wir nannten sie nur „die Hexe“ – und schlug zu. Kein Trost, kein Verständnis. Nur Angst. Und Gehorsam.

„Ich war im Kindergefängnis, und ich weiß nicht, warum“

Lange dachte ich, es sei nur mir so ergangen. Dass ich übertreibe, empfindlich bin. Ich sagte zu Hause immer: „Ich war im Kinderknast.“ Oder: „Ich war im Kindergefängnis, und ich weiß nicht, warum.“ Meine Eltern verstanden das nicht. Ich konnte es auch nicht in Worte fassen. Wie auch? Ich war zehn. Was ich erlebt hatte, hatte keinen Namen. Nur Schmerz.

Erst Jahrzehnte später – viele Jahre, in denen ich nicht in den Schwarzwald fahren konnte, ohne Schweißausbrüche, ohne Panikattacken, ohne Heulanfälle – sah ich einen Bericht im Fernsehen über Verschickungskinder. Und plötzlich wusste ich: Das war es. Ich war nicht allein. Ich bin Teil dieser Geschichte. Ich gehöre dazu.

Seitdem habe ich sechs weitere Frauen gefunden, die ebenfalls damals in Saig waren. Wir nennen uns heute liebevoll „die Saigmädels“. Der Austausch mit ihnen ist heilsam. Gemeinsam versuchen wir, unser Leid zu verarbeiten. Unsere Erinnerungen decken sich. Die Rituale, die Strafen, die Ohnmacht. All das, was ich lange allein in mir trug, findet nun ein Echo. Es war real. Es war schlimm. Und es war nicht meine Schuld.

Wurden an den Kindern Medikamente ausprobiert?

Wir sprechen heute offen darüber. Über unsere Ängste, unsere Träume, unsere Krankheiten. Viele von uns sind chronisch krank geblieben – körperlich wie seelisch. Und immer wieder stellen wir uns die Frage: Gab es damals Medikamente, die an uns ausprobiert wurden?

Ich erinnere mich nur bruchstückhaft an die erste Nacht. Danach ist vieles verschwommen. Wurden wir ruhiggestellt? Gab es Schlafmittel, Beruhigungsmittel? Wir wissen es nicht. Das Heim war privat geführt. Es gibt keine Unterlagen mehr, keine Einsicht, keine Transparenz. Doch es würde mir helfen, manches besser zu verstehen. Vielleicht auch, warum ich mein Leben lang krank war – und bin.

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Ein Lichtblick in all dem Dunkel ist für mich die Arbeit von Anja Röhl, die mit großem Engagement das Thema Verschickungskinder in die Öffentlichkeit gebracht hat. Sie hat Stimmen gehört, Schicksale gesammelt, Missstände benannt. Ihre Arbeit gibt uns Betroffenen ein Stück Würde zurück. Heute, mit Abstand, sage ich: Ja, ich war ein Verschickungskind. Und ich bin es noch. Denn das, was ich dort erlebt habe, lebt in mir weiter. Aber ich spreche darüber. Und ich bin nicht mehr allein.

Petra Strecker wohnt in Mühlheim an der Donau und ist Mutter von drei Kindern. Mit zehn Jahren wurde sie zur Kinderkur geschickt – ihre erste Reise und ein einschneidendes Erlebnis, das sie bis heute prägt. Sie beschreibt gerne ihre persönlichen Erlebnisse in Kurzgeschichten.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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