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Jede Minute können die Sirenen heulen, kurz darauf Raketen einschlagen – nicht in der Ukraine, nicht in Russland, nicht im Iran oder in Israel, sondern hier. Das Unvorstellbare, es könnte eintreten. Was wären die ersten Ziele in Deutschland? Berlin, Schrobenhausen, Hamburg, Düsseldorf? Noch beim ersten Kaffee am Morgen lese ich die bedrohlichen Nachrichten. Die Analyse über die globale Situation in einer Übersetzung aus dem Russischen bei Facebook sagt den Beginn des Dritten Weltkrieges in den nächsten 48 Stunden voraus, spätestens aber kommende Woche. Denselben Text erhalte ich Minuten später im Original. Beide Texte sind identisch.
Mein Sohn Konstantin muss zur Arbeit. Er arbeitet in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen in Grünau. Der bevorstehende Krieg in meinem Kopf muss den Vorbereitungen fürs Frühstück weichen: Tisch decken, Tee kochen, Brote schmieren. Alltag. Der Junge freut sich auf seine Geburtstagsfeier in zwei Wochen. Ob wir die noch erleben, schießt es mir durch den Kopf. Wenn der Typ mit seiner Analyse zum Kriegsbeginn nun recht hat?
Bundeskanzler Friedrich Merz während eines Statements beim G7-Treffen in Kanada
© Michael Kappeler/imago
Ein Video über TikTok erreicht mich am Frühstückstisch. Es geht um Bundeskanzler Friedrich Merz: Israel macht im Iran „die Drecksarbeit für uns alle“. Heinrich Himmler hatte sich 1943 im Posener Schloss in Bezug auf Hunderte, Tausende Leichen vernichteter Juden ähnlich ausgedrückt. „Wir haben die Drecksarbeit getan für Deutschland“, lauteten seine Worte damals. Der Autor des Videos, er heißt Matthias Rackwitz, hat Strafanzeige gegen Merz gestellt hat.
Meinung: Friedrich Merz und die „Drecksarbeit“ – wie der Kanzler das Völkerrecht mit Füßen tritt
Können Wahlen in der Ukraine den russisch-ukrainischen Krieg beenden?
Sobald mein Sohn vom Fahrdienst abgeholt ist, steige ich aufs Fahrrad, um wie jeden Morgen zum See zu radeln. Auf dem Weg ins Brandenburgische Mittenwalde stehen die Felder voll im Korn – ein wogendes Meer aus Ähren. Davor stehen Mohn- und Kornblumen. Die Trikolore erinnert ein wenig an die Fahne Russlands. Rot, Blau, Weiß, denn die gleißende Sonne macht aus dem goldenen Getreide fast weiße Halme.
Eigentlich ist die Invasion Russlands erst für 2030 geplant, denke ich. Diese Botschaft ist täglich in den meisten Medien Deutschlands zu lesen. Und nun schickt der Feind seine Vorhut direkt auf deutsche Felder, es ist wie eine hinterhältige Landnahme. Ein Glucksen steigt in meinem Hals auf. Doch das Lachen über die eigene Ironie bleibt auf seinem Weg nach oben stecken. Die Lage ist einfach zu ernst. Die Welt schreit nach Krieg. Ich möchte nach Frieden schreien! Schreie laut „Frieden!“. Doch ich bin einsam auf meinem Feldweg. Der Wind entführt die letzten Töne ins Nirgendwo.
Nach einem israelischen Angriff auf ein Öllager in Teheran, Iran, in der Morgendämmerung am Sonntag steigen Feuer und Rauch in den Himmel.
© Ahmad Hatefi/imago
Drohnen, Raketen, Vulkanausbrüche
Am See muss ich kurz warten, bis die anderen aus der Schwimmgruppe eintreffen. Ich checke kurz meine Social-Media-Kanäle. Da sind die Einschläge der Drohnen und Raketen aus der letzten Nacht im Iran. Berichtet wird auch von der Zerstörung eines Krankenhauses in Tel Aviv. In Indonesien ist ein Vulkan ausgebrochen; die aufsteigende Wolke aus Asche und Lava erinnert an eine Atombombenexplosion. Eine Zeitung schreibt: Atomare Katastrophe im Nahen Osten immer wahrscheinlicher. Das Wasser im See ist mit seinen 17 Grad wirklich noch kalt, aber mir treibt es angesichts der Bilder und Schlagzeilen gerade den Angstschweiß auf die Stirn.
Wieder zu Hause steht die Überarbeitung eines Textes auf dem Programm. Doch alle paar Minuten summt mein Telefon mit den neuesten Hiobsbotschaften. Ich kann kaum widerstehen, muss aber, wenn ich irgendwann fertig werden will. Der Abgabetermin rückt immer näher.
Dann sind da noch die Lieder für einen Auftritt mit meinem Chor. Wir singen alles auswendig, auf dem Programm stehen vorrangig russische Volkslieder. In der Singegemeinschaft versammeln sich Wolgadeutsche, Deutsche, Russen und Ukrainer. Es ist ein Friedensprojekt. Mit Lena, sie kommt aus Kiew, haben wir einmal in der Woche Deutschlernen vereinbart. Sie kommt nicht zur Chorprobe. In einer kurzen Pause schicke ich ihr per WhatsApp die Frage, was los ist. „Ich hab die ganze Nacht mit meiner Tochter telefoniert“, schreibt sie zurück. „Bin fix und fertig.“.
Ich weiß, was in Kiew letzte Nacht los war. Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine tobt weiter, auch wenn sich der Fokus in den Nahen Osten verlegt hat. Am Ende ihrer Nachricht schreibt Lena: „Meine Tochter hat überlebt.“ Kann sich das hier eigentlich irgendjemand vorstellen, was das für Ängste sein müssen, wenn es dir selbst oder deinem Kind an den Kragen geht?
Feuerwehrleute löschen einen Brand nach dem Einschlag einer Rakete in ein Wohnhaus während eines massiven russischen Raketen- und Drohnenangriffs in Kiew.
© Efrem Lukatsky/AP
Nach der Probe muss ich zu Hause für meinen Sohn das Abendbrot machen, noch die Wäsche aufhängen. Ich möchte eigentlich am Ende des Tages ein Buch lesen, aber die Gedanken fliegen in die Weltgeschichte. Wird es Krieg in der Welt geben?
Irgendwann stehe ich auf, um ein Tagebuch von 1989 aus dem Regal zu holen. Die Kalenderblätter vom Oktober und November jener Wendejahre nach dem Mauerfall sind dicht beschrieben. An einer Stelle heißt es: „Wie lange wird diese schöne neue Welt halten, was sie jetzt verspricht? Kapitalismus hat immer auch Krieg bedeutet.“ Meine Einschätzung damals ging von 30 Jahren aus, bevor es hier wieder zum Krieg kommen könnte. Ich lag leider nicht sehr falsch.
Andrea-Yvonne Müller wuchs im thüringischen Gotha auf, machte ihr Abitur an der Kinder- und Jugendsportschule in Zella-Mehlis und studierte nach der Schule in Leipzig Journalistik. Sie arbeitete 34 Jahre bei der Märkischen Allgemeinen Zeitung.
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