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Es geht hier um Ilko-Sascha Kowalczuk: geboren in Ost-Berlin, Historiker, Mitglied in staatlichen Kommissionen zu DDR und deutscher Einheit, Autor und seit einiger Zeit auch präsent und aktiv in sozialen Netzwerken und Plattformen wie YouTube, mit unangepasstem Look, schnodderiger Sprechweise und intelligenten Beobachtungen.
In einer Folge des Podcasts „Hotel Matze“ mit Mathias Hielscher mit dem Titel „Ostdeutschland: das Brennglas unserer Welt“ spricht Kowalczuk zweieinhalb Stunden lang über sich selbst und die Themen, die ihn beschäftigen. Kowalczuks Selbstaussage, er sei „diktaturgeschädigt“, liefert wahrscheinlich den Schlüssel dazu, Kowalczuks eigene Scheuklappen zu erklären, die ihn bemerkenswert oft davon abhalten, wichtige theoretische Erkenntnisse auf die eigene Weltsicht anzuwenden.
Kowalczuks Analysen sind oft scharfsinnig, meist polemisch und bringen einen nicht zu unterschätzenden Erkenntnisgewinn. Er spricht an, dass wir in Deutschland gerne und viel in negativen Narrativen leben und es dringend nötig sei, dass man auch (und gerade über den Osten) auch Positives erkennt und ausspricht. Dass wir uns mehr Investitionen in Bildung durchaus leisten könnten, dass sich aber auch aufgrund der schlechten Lobby der Bildung die Meinung durchgesetzt hat, dass wir uns nicht mehr Investitionen in Bildung leisten sollen. Dass die Einführung der Profitorientierung im Gesundheitswesen dabei ist, das öffentliche Gesundheitssystem zu ruinieren. Dass (nicht nur im Vergleich Ost-West) soziale Ungerechtigkeit herrscht und ein komplexes Bündel an Ursachen dafür besteht. Dass Demokratie keine Konsensangelegenheit ist und immer bedeutet, Kompromisse schließen zu müssen.
Feierlichkeiten anlässlich des 20. Jahrestages der DDR im Jahr 1969 mit u.a. Honecker, Ulbricht, Breschnew. Kowalczuk bezeichnet sich selbst durch seine Erfahrungen in der DDR als diktaturgeschädigt.
© Stana/imago
Er sieht sich als Punk und Rebell
Auf der anderen Seite irritiert Kowalczuk in Texten und Interviews immer wieder mit einer bemerkenswerten Blindheit gegenüber dem eigenen, schwarz-weißen Weltbild. Folgende Passage aus Hielschers Podcast zeigt wohl am besten, woran es bei Kowalczuk krankt. „Man muss den politischen Gegner ganz strikt unterscheiden vom politischen Feind. Mit dem politischen Feind kann es kein Zusammengehen geben. Da soll es nicht mal Gespräche geben. Der steht außerhalb dieser demokratischen Grundordnung und der will nämlich diese demokratische Grundordnung zerstören.“
Und für Kowalczuk ist ganz klar, wer dieser politische Feind ist und ausgeschlossen werden muss. In seinen Augen sind die „Vollhonks“ eindeutig „die faschistische AfD“ und „das leninistische Bündnis von Sahra Wagenknecht“. Diesen schreibt er gefühlte 25 Prozent der Stimmen im Lande zu und nimmt für sich in Anspruch, einer von 75 Prozent zu sein, die sich mal engagieren müssten, „für das, was wir wollen“.
Interessant ist hier, wie der eigentlich doch DDR-geschädigte Kowalczuk in einer Blockmentalität davon ausgeht, dass es etwas gibt, das „wir alle“ dieser 75 Prozent wollen, und dass er den Anspruch hat, dies formulieren zu können. Bemerkenswert besonders, weil er angibt, allergisch zu werden, wenn jemand „im Namen eines ominösen Kollektivs anfängt zu schwafeln“. Ob Walter Ulbricht und Erich Honecker vielleicht dieselbe Einstellung hatten?
Kowalczuk jedoch sieht sich selbst als Punk und Rebell, auch wenn er gern pflichtschuldig darauf verweist, dass dieses Label ihm ja von der FAZ, also von außen verliehen wurde. Die darin liegende Aussage ist jedoch das Fundament zu Kowalczuks Selbstverständnis: „Ich will nicht werden, was mein Alter ist. Und im Gegensatz zu vielen habe ich das nie vergessen.“
Für sich und die freie Gesellschaft, in der er sich sieht, nimmt Kowalczuk in Anspruch: „Wir kommen nur wirklich weiter mit Widerspruch, mit Widerstand, mit Dagegenhalten.“ Widerstand ist aber für Kowalczuk „an Diktaturen gebunden“, Widerstandsrecht im Grundgesetz (das er so auch zur Kenntnis nimmt) hin oder her – „in der parlamentarischen Demokratie, in unserem System haben wir Opposition“. Pech, wenn die Opposition und die Regierung seit Jahren und Jahrzehnten immer ähnlicher werden und in wechselnden und/oder großen Koalitionen den Karren gegen die Wand fahren.
Alice Weidel und Sahra Wagenknecht im Fernsehduell von Welt TV im Oktober 2024
© dts/imago
Eine aus den Gleisen springende Demokratie
Mit Kowalczuks Einstellung kann man in diesem Fall nur leugnen, dass in der Demokratie etwas so schieflaufen KANN, dass man Widerstand leisten muss. Dass die meisten Einwohner einer aus den Gleisen springenden Demokratie diesen drohenden Unfall selbst nicht sehen, ist Kowalczuk zwar theoretisch und auch mit Blick auf die DDR bewusst („Es gibt keine Revolutionen, die von Mehrheiten gemacht werden“) – aber eine fundamental oppositionelle Position zur heutigen, bundesdeutschen Realität, wie sie sich in vielen Äußerungen der sich von den Altparteien abwendenden Wählern zeigt? Wer so denkt, der MUSS ein politischer Feind sein.
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Heike Drechsler nach einem Tag an einer Berliner Brennpunktschule: „Das kann doch nicht sein“
Ein Dissident, ein Konterrevolutionär, ein Klassenfeind! (Verzeihung – wie ich da jetzt drauf gekommen bin …?) Passend ist, wie Kowalczuk davon spricht, dass zivilgesellschaftliche Projekte z.B. in Bautzen und Halberstadt „im Feindesland“ operieren – und er damit praktisch ganzen Landstrichen abspricht, Teil „unserer“ Demokratie zu sein. Der selbsternannte diktaturgeschädigte Kowalczuk wirkt streckenweise wie jemand, der sich in das Narrativ des Paradieses geflüchtet hat: „Ihr lebt in einem der freisten, der sozialsten, der wirtschaftlich stärksten und der sichersten Länder dieser Welt.“
Passend dazu erinnert er sich an die kapitalistischen USA als „Sehnsuchtsziel“ seiner Jugend. Und diese Grundpfeiler des Glaubens können bei ihm, gefangen in seiner Ideologie wie ein waschechter SED-Funktionär, natürlich nur von außen angegriffen werden und nicht selbst ins Wanken geraten. Als Wissenschaftler, ist Kowalczuk überzeugt, darf man keinen Autoritäten anhängen – aber heilige Kühe, die gibt es wohl doch.
So wie auch der Wertewesten davon ausgeht: Wir sind die Guten!
Die USA? Trump ist schuld. Russland? Eine Diktatur, und Putin ist schuld! Die BRD? Die AfD und das BSW! Aber die Staatspartei, Entschuldigung: Die demokratischen Parteien, den politischen Gegnern, denen unterstellt Kowalczuk einfach mal, „dass sie wie ich selbst das Beste für unsere Gesellschaft wollen“. So wie auch der Wertewesten davon ausgeht: Wir sind die Guten! Wer die Bösen sind, das weiß Kowalczuk auch, und nicht durchs eigene Nachdenken. „Ich bin irgendwann mit der Nase in die Scheiße gestupst worden“ (vielleicht kommt ihm im Interview deshalb so oft das Kotzen?) „und man hat mir beigebracht, dass ich in der Diktatur lebe, und ich habe es irgendwann akzeptiert“.
Und nun revanchiert er sich und will uns mit der Nase in die Scheiße stupsen und von der Wahrheit überzeugen. Kowalczuk passen nicht die „Verherrlichung des Putin-Regimes“ und die „Ablehnung des Freiheitskampfs der Ukraine“, in seinem Fokus steht „der Vernichtungsfeldzug der Russischen Föderation“, „denn dort geht es konkret um Diktatur und Freiheit“. Der Schweizer Historiker Daniele Ganser, der auf die Existenz derselben unterschiedlichen Narrative hinweist, die auch Kowalczuk feststellt, aber eben sehr kritisch gegenüber Kowalczuks heiligen Kühen ist? Ein Verschwörungstheoretiker“, der „Scheiße“, „Dreck“ und „Lügen“ erzählt. Und die Berliner Zeitung? „Die Berlinskaya Prawda“.
Zerstörung in Kiew nach russischen Angriffen
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Pippi-Langstrumpf-Methode auf eine ganz besondere Art
Kowalczuk möchte, dass man „nicht einfach Meinungen zu Fakten erklärt“. Gleichzeitig ist er sich jedoch bewusst: „Das kennen wir auch aus der Geschichte nach 1945, wie bestimmte Erzählräume sich konstituierten.“ Sein Beispiel ist die DDR. Der dortige siebenjährige Russischunterricht, die gemeinsamen, Subbotniks genannten Arbeitseinsätze, das kommunistische Weltbild – all das nennt er „schleichendes Gift“ – „nicht nur in der Schule … sondern in der Hochschule, im Betrieb, auf der Straße, in den Medien – überall hängt das rum. Das macht etwas mit dir“.
Im Deutschland nach der Zeitenwende jedoch scheint er die Konstitution bestimmter (transatlantischer) Erzählräume gleichzeitig zu erkennen ( „Ich weiß natürlich, dass die die Realität eine ganz andere ist …) und auszuschließen („… aber die interessiert mich nicht, weil ich sage, für mich gilt das nicht.“). Pippi Langstrumpfs Ich-mach-mir-die-Welt-wie-sie-mir-gefällt auf eine ganz besondere Art.
Sensation im Weltraum: Als Amerikaner und Sowjets im All zusammenarbeiteten
Vielleicht deshalb ist Kowalczuks ukrainischer Großvater in seinen Augen ein „ukrainischer Nationalist und Freiheitskämpfer, ist dafür zum Tode verurteilt worden“. Im Erzählraum der Sowjetunion nach dem Krieg waren freiheitskämpfende ukrainische Nationalisten wie Kowalczuks Großvater später oft auf Seiten der Nazis im Vernichtungsfeldzug gegen den Russen unterwegs, und auch im wiedervereinigten Deutschland sind sie (zumindest vor 2022) meist als nationalistische Faschisten benannt worden.
Um das klar zu sagen: Ich möchte Kowalczuks Großvater, über den ich nichts weiter weiß, nichts unterstellen. Aber es würde zu Kowalczuks Erzählraum passen, dass er sich hier im Zweifel entscheidet, nach seinem Schwarz-Weiß-Schema zu urteilen, genau wie in den anderen Fällen: Demokratien sind grundgut, er selbst und der Großvater sowieso. Und deshalb darf man auch einzelne Dinge kritisieren (bei der BRD z.B. die Treuhand oder staatliche Subventionen, bei sich selbst z.B. das mehr oder weniger versteckte Spießbürgertum), aber zu echter und konstruktiver Systemkritik ist Kowalczuk nicht in der Lage. Habe ich schon erwähnt, wie sehr mich das an die untergehende DDR erinnert?
Merz und Klingbeil im Bundestag
© Emmanuele Contini/imago
Eine hilfreiche Passage aus dem Podcast ist, wo Kowalczuk festhält, dass Politik momentan nur noch die Gegenwart verwaltet, statt wie früher Zukunft zu gestalten. Und wenn man sich selbst und die eigenen Ansprüche ernst nimmt, dann steht man jetzt vor der Entscheidung, wie man die politischen Weichen für die Zukunft stellt: unreflektiertes Lob der eigenen „guten“ Seite und Ausgrenzung politischer Feinde? Oder ehrliche Reflexion im Umgang mit allen?
Wenn Kowalczuk seine Ablehnung der Mechanismen der DDR ernst meint, dann müsste ihm eigentlich auffallen, dass er in so einigen Fragen ziemliche Scheuklappen trägt. Und dass es eigentlich nur funktioniert, bedrohlichen Entwicklungen Einhalt zu gebieten, wenn „jeder sozusagen seinen eigenen Arsch bewegt“.
Ulrich Kehl arbeitet an der Schnittstelle zwischen Psychologie und Sprachwissenschaften. Besondere Interessen sind mediale Wechselwirkungen in der Politik und öffentliche Kommunikation.
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