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Palästinenser in Berlin: „Die Aussage von Bildungsministerin Prien hat mich tief verletzt“

Die palästinensische Community sei „ordentlich radikalisiert“, sagt Bildungsministerin Prien. Unser Autor ist entsetzt von diesem Generalverdacht.

Marcel Nashwan
4 Min
Bildungs- und Familienministerin Karin Prien

Bildungs- und Familienministerin Karin Prien

© Bernd Elmenthaler/imago

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Am 28. Juni 2025 äußerte sich Bildungsministerin Karin Prien im Interview mit der Bildzeitung zu Antisemitismus an Schulen. Auf die Frage, wie Schulen mit wachsendem Extremismus umgehen sollen, sagte sie: „ ... wir haben alleine in Berlin hier 40.000 Palästinenser, die hier leben. Die sind offensichtlich ordentlich radikalisiert durch ihre entsprechenden Communities. Mich stört das sehr.“

Diese Aussage hinterlässt mich tief verletzt und verstört. Ich frage mich: Wie kann eine amtierende Bildungsministerin im Jahr 2025 eine ganze Bevölkerungsgruppe pauschal als radikalisiert bezeichnen und das mit direktem Verweis auf deren Herkunft? Was rechtfertigt es, einem so großen Teil der Gesellschaft ohne Differenzierung Extremismus zu unterstellen und das in einem Kontext, der keinerlei belegbare Grundlage erkennen lässt?

Es gibt nicht die palästinensische Community

Diese Formulierung trifft mich nicht nur als Bürger dieses Landes, sondern ganz unmittelbar als Mensch. Ich bin Sohn eines muslimischen Palästinensers aus dem Gazastreifen. Meine Familie lebt seit Jahrzehnten in Deutschland – mein Vater und meine Schwester als Ärzte, meine Mutter als Krankenschwester, ich selbst studiere Rechtswissenschaften in Berlin. Wir sind nicht nur in dieser Gesellschaft angekommen, wir tragen sie aktiv mit: durch medizinische Versorgung, durch Engagement, durch das Bekenntnis zu rechtsstaatlichen Werten. Und dennoch stellt diese Aussage uns – wie viele andere – pauschal unter Generalverdacht. Sie setzt Zugehörigkeit mit Gefährdung gleich.

Prien spricht später von der „palästinensischen Community“, aus der die Radikalisierung hervorgehe. Diese Formulierung begegnet mir häufig – in den Medien, im Alltag. Aber es gibt nicht die palästinensische Community. Es gibt Familien, säkulare wie religiöse Menschen, politisch konservative wie progressive Stimmen, Künstler, Studierende, Eltern, Rentner – wie in jeder anderen gesellschaftlichen Gruppe auch. Solche Aussagen verkennen diese Realität. Sie reduzieren komplexe Biografien auf ein vermeintlich homogenes Risikoprofil.

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Noch schwerwiegender wird Priens Rhetorik ab Minute 9:35, in der sie sagt: „Wir haben selbstverständlich migrantischen Antisemitismus in Deutschland. […] Und der wird auch von Palästinensern vertreten, die natürlich aus ihrer Geschichte heraus wiederum so aufgewachsen sind, dass ihr Feindbild Israel ist […]“

Strassenszene in Gaza-City, 1995

Strassenszene in Gaza-City, 1995

© Thomas Imo/imago

Auch hier erfolgt eine pauschale und historisch unzulässige Verkürzung. „Unsere Geschichte“, wie Prien sie nennt, ist nicht monolithisch, nicht ideologisch vorgeprägt und erst recht nicht auf ein Feindbild Israel zu reduzieren. Mein Vater kam als junger Mann zum Medizinstudium nach Deutschland. Aus Überzeugung, nicht aus Zwang. Ich selbst habe in Münster eine christliche Grundschule besucht, dort jüdische Lieder wie Shalom Aleichem gesungen und früh gelernt, was kulturelle Offenheit bedeutet.

Meine Sozialisierung – wie die vieler anderer palästinensischstämmiger junger Menschen in diesem Land – ist geprägt von Bildung, von Neugier, von demokratischen Werten und dem Willen zur Mitgestaltung. Die Vorstellung, wir würden kollektiv mit einem „Feindbild“ aufwachsen, ist nicht nur falsch, sondern entmündigt uns und unterstellt uns eine ideologische Vorprägung, die weder biografisch noch gesellschaftlich haltbar ist. Wer daraus automatisch ideologische Feindschaft ableitet, konstruiert eine ethnisch definierte Schuldvermutung und spricht uns allen ab, mündige und demokratisch verantwortungsvolle Haltungen selbst zu entwickeln.

Ich bin nicht die Ausnahme. Ich bin ein Teil der Realität, die sich nicht in Schlagzeilen und Feindbildern abbildet. Doch genau deshalb muss ich widersprechen. Solche Aussagen stellen gesellschaftliche Zugehörigkeiten infrage, erzeugen Misstrauen gegenüber ganzen Gruppen und verschieben die Grenze des Sagbaren von sachlicher Kritik hin zur ethnisch grundierten Stigmatisierung.

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Ich wünsche mir eine andere Sprache. Eine, die differenziert, nicht spaltet. Eine, die fragt, nicht zuweist. Und vor allem eine, die erkennt: Nicht Herkunft trennt uns, Sprache tut es.

Marcel Nashwan studiert im 8. Semester Jura an der Humboldt-Universität zu Berlin, hat dort bereits einen Bachelor of Law im Völker- und Europarecht abgeschlossen und ein vertiefendes Auslandssemester an der Bahçeşehir-Universität in Istanbul absolviert. 

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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