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Am kommenden Mittwoch ist es wieder so weit: Alle Berliner Schülerinnen und Schüler erhalten ihre Zeugnisse – und mit ihnen auch jene, die ihren Schulabschluss feiern, ob in der Alten Försterei, in der Columbiahalle oder im Estrel. Wer in diesen Tagen aufmerksam durch die Stadt läuft oder fährt, begegnet ihnen überall: glücklichen, stolzen Teenagern in vielfältigsten Outfits – vor Fotowänden, mit Blumensträußen und noch glücklicheren, noch stolzeren Eltern. Diese Jugendlichen machen mir als Lehrer Hoffnung. Sie haben sich den zentralen Prüfungen erfolgreich gestellt, sie haben durchgehalten – und sie haben gezeigt, welche Kompetenzen sie in den vergangenen Jahren entwickelt haben. Beeindruckend!
Eine dieser Kompetenzen jedoch steht in keinem Rahmenlehrplan: die Fähigkeit, sich nicht von der Berliner Bildungspolitik entmutigen zu lassen. Denn Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) und ihre Staatssekretärin Christina Henke (CDU) haben in diesem Jahr eindrucksvoll bewiesen, dass Bildungsqualität und das Wohl der Schülerinnen und Schüler nicht im Zentrum ihrer Entscheidungen stehen. Anders lassen sich die folgenden offenen Fragen kaum deuten.
Abiturprüfung in einem Gymnasium
© Kerstin Kokoska/imago
Erstens: Welchen pädagogischen Mehrwert hat das Verhindern von Klassenfahrten?
Wer an seine eigene Schulzeit denkt, dem fallen meist nicht Mathearbeiten oder Vokabeltests, sondern besondere Erlebnisse und Momente auf Klassenfahrten ein: Lagerfeuerabende, Gemeinschaft, Freiheit vom Schulalltag. Klassenfahrten stärken den sozialen Zusammenhalt, ermöglichen außerschulisches Lernen und bieten Jugendlichen die Chance, sich außerhalb ihrer gewohnten Rolle neu zu erleben. Genau das wird in Berlin künftig kaum mehr möglich sein.
Das im Dezember 2024 eingeführte Deckelungsmodell ist hieran schuld: Bis zu 50 Prozent aller Klassenfahrten können aus Budgetgründen zukünftig nicht mehr stattfinden – sie werden ersatzlos gestrichen. An meiner Schule fällt die seit Jahren bewährte „Kennenlernfahrt“ für den neuen Jahrgang genau deshalb aus.
Der Zugang zum Gymnasium wird systematisch erschwert
Zweitens: Welchen sozialen Mehrwert hat das Verhindern von Bildungskarrieren?
Seit Jahren belegen nationale wie internationale Studien, dass das deutsche Schulsystem sozial selektiv ist. Oder anders gesagt: Wer aus einem Akademikerhaushalt kommt, studiert. Wer nicht, macht eine Ausbildung. Bildungsgerechtigkeit? Ein Lippenbekenntnis. Umso zynischer wirkt die Entscheidung der Berliner Bildungssenatorin, künftig einen Probeunterricht als Eignungstest einzuführen – als zusätzliche Hürde für Kinder, deren Notendurchschnitt schlechter als 2,2 ist.
Schülerinnen auf Klassenfahrt
© Andreas Arnold/dpa
Der Zugang zum Gymnasium wird damit systematisch erschwert – gerade für diejenigen, die ohnehin schon gegen strukturelle Nachteile ankämpfen. Anstatt die Gymnasien endlich dazu zu verpflichten, binnendifferenziert zu unterrichten und die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen ernst zu nehmen, wählt man den bequemeren Weg: aussortieren statt fördern.
Ghosting, Schweigen, Depublizieren: Wie die Angst vor Reibung unseren Diskurs lähmt
Das Ergebnis dieser Politik ist beschämend: Von 1937 teilnehmenden Schülerinnen und Schülern haben gerade einmal 2,6 Prozent den Probeunterricht bestanden. Heißt konkret: Mehr als 1800 Kinder starten mit einem offiziellen Misserfolgserlebnis in ihre weitere Schullaufbahn – und das jedes Jahr aufs Neue. Diese Form der Stigmatisierung ist nicht nur pädagogisch verantwortungslos. Sie ist bildungspolitisch brandgefährlich.
Drittens: Welchen bildungspolitischen Mehrwert hat das Aussetzen der Schulinspektion?
Seit 2004 wird jährlich wissenschaftlich erhoben, welches Bundesland das beste Bildungssystem hat. Berlin landet dabei zuverlässig im unteren Drittel – gegenwärtig auf Platz zwölf. Um gezielt herauszufinden, wo die Schulen konkret Entwicklungsbedarf haben, wurde die Berliner Schulinspektion eingeführt. Unabhängige Experten besuchen Schulen, analysieren Unterricht, führen Gespräche und geben professionelles Feedback. Das hilft nicht nur den Schulen in ihrer Weiterentwicklung, sondern gibt auch Eltern eine fundierte Orientierung darüber, wie ihre Wunschschulen arbeiten. Damit ist jetzt Schluss. Im kommenden Schuljahr wird die Schulinspektion ausgesetzt.
Ein leeres Klassenzimmer in einer Schule Berlin
© Fabian Sommer/dpa
Ausgerechnet in einem Bundesland mit chronischen Bildungsproblemen kapituliert man beim Versuch, sich ein realistisches Bild vom Zustand der Schulen zu machen. Berlin verzichtet damit auf eines seiner wichtigsten Werkzeuge zur Qualitätsentwicklung – und hofft offenbar, dass Wegsehen besser ist als Hinschauen.
Warum gibt es keinen Probeunterricht für Bildungssenatorinnen?
Was bleibt, ist ein Paradox: Während viele Berliner Schülerinnen und Schüler ihre Prüfungen bestehen, scheitert die Berliner Bildungspolitik unter der Leitung von Senatorin Katharina Günther-Wünsch und ihrer Staatssekretärin Christina Henke zuverlässig an den Herausforderungen einer pädagogisch, sozial und strukturell sinnvollen Schulpolitik. Warum gibt es eigentlich keinen Probeunterricht für Bildungssenatorinnen?
Johannes Herdmann ist seit 2016 angestellter Lehrer für die Fächer Deutsch und Geschichte. Darüber hinaus hat er in den vergangenen Jahren in unterschiedlichen Gremien zur Verbesserung der Schulqualität in Berlin gearbeitet.
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