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Industrielle Revolution 2.0? So will ein Start-up das weltweite Plastikproblem lösen

Ein innovatives Unternehmen aus Hamburg wandelt zuvor wertloses Plastik in Werkstoffe um. Doch der Gründer denkt noch einen Schritt weiter.

Markus Vögele
8 Min
Strandreinigung am Kedonganan Beach auf Bali

Strandreinigung am Kedonganan Beach auf Bali

© Keyza Widiatmika/imago

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Es ist ein Freitagmorgen Ende Mai, als Toni Kienberger, Gründer und CEO von Ocean Material, die Kamera seines Endgeräts einschaltet – um über das zu sprechen, was vielleicht die Lösung für eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sein könnte: den Plastikabfall in Ozeanen. Er ist ein Mann, der viel mit dem nassen Element gemein zu haben scheint: Welliges Haar, sprudelnder Unternehmergeist, klares Ziel. Als Kienberger über die Ozeane und deren Bedrohung zu sprechen beginnt, scheint er förmlich in seinem Element zu sein.

Alles begann 2018 in Hongkong, wo der ambitionierte Taucher und Surfer lebte und seine ersten Beach-Clean-ups organisierte. Daraus entwickelte sich ein globales Lieferkettenprogramm für küstennah gesammeltes Plastik und zuletzt ein neu gegründetes Office in Hamburg, das sich auf die technologische Weiterentwicklung konzentriert.

Wie gravierend das Plastikproblem ist, zeigt Kienberger, der derzeit vorübergehend in Europa ist, anhand von Bildern aus einer aktuellen Investorenpräsentation. Wie Schwärme treiben Folien, Shampoo-Flaschen, Tuben, Joghurtbecher, alte Fischernetze und Plastikrohre durchs Meer. Wellen spülen den Müll an Land – und verwandeln ganze Küstenabschnitte in Müllhalden. Inmitten von Müllbergen aus unzähligem PET, HDPE, PVC, LDPE, PP, PS und anderem Plastik, wo Infrastruktur, Abfallentsorgung und Kreislaufwirtschaft fehlen, sammeln Menschen unter einfachsten Bedingungen recyclingfähigen Müll von Hand, um ihn zu sortieren, zu reinigen und an Recyclingfirmen zu verkaufen.

Müllverschmutzung in Indonesien

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„Das ist eine harte, gesundheitlich riskante Arbeit – ganz anders als die Hochglanz-Bilder, die viele mit ‚Beach-Clean-ups‘ verbinden“, sagt Kienberger, der sich selbst jahrelang in Sammelaktionen an Stränden, Flüssen und Küstengewässern engagierte, bevor er Ocean Material gründete. Mit dem Unternehmen möchte er robuste Lieferketten für gesammeltes Plastik aus dem maritimen Umfeld aufbauen und es zu hochwertigen Produkten verarbeiten. Von Mode und Möbeln bis hin zu Elektronik, Automobilindustrie und Bauwesen – Materialien von Ocean Material finden branchenübergreifend Anwendung.

Sein langjähriger Aufenthalt in Hongkong hat Kienbeger geprägt. Die Metropole liegt in unmittelbarer Nähe zu mehreren globalen Hotspots der Plastikverschmutzung, etwa auf den Philippinen, in Indonesien oder Indien. In vielen dieser Länder fehlt es an einer flächendeckenden Abfallinfrastruktur, sodass große Mengen Plastikmüll unkontrolliert in Flüsse und Küstengewässer gelangen. Schätzungen zufolge stammen über 80 Prozent des Plastikmülls, der über Flüsse ins Meer gespült wird, aus nur wenigen Ländern – vor allem in Asien. Dass Plastik überhaupt in Flüsse, Küstenzonen und schließlich in die offenen Meere gelangt, ist das Ergebnis eines vielschichtigen Problems: fehlende Sammel- und Entsorgungssysteme, wirtschaftlicher Druck, unregulierte Strukturen und mangelnde politische Priorisierung.

Der meiste Plastikmüll wird nicht recycelt

Laut OECD fallen weltweit jährlich über 350 Millionen Tonnen Plastikmüll an. Doch rund 90 Prozent dieses Abfalls werden nicht recycelt. Stattdessen landet der Großteil auf Deponien (50 Prozent), wird verbrannt (20 Prozent) oder gelangt unkontrolliert in die Umwelt. Allein 19 bis 23 Millionen Tonnen Plastik verschmutzen jedes Jahr Flüsse, Seen und Meere – mit dramatischen Folgen für Flora und Fauna. Wenn sich nichts ändert, könnte sich die globale Plastikverschmutzung bis 2050 vervierfachen.

Müllsammler auf einer Müllhalde in Kambodscha

Müllsammler auf einer Müllhalde in Kambodscha

© Foto Beck/imago

Angesichts dieser alarmierenden Zahlen sei der informelle Sektor umso bedeutender, betont Kienberger. Denn weltweit wird etwa die Hälfte aller verwertbaren Abfälle von Menschen außerhalb formeller Strukturen gesammelt, sortiert und weitergeleitet.

Doch längst nicht jedes Stück Plastik lässt sich wirtschaftlich verwerten. Ein großer Teil bleibt einfach liegen. Der Grund: Vieles ist stark verschmutzt, vermischt oder von so geringer Qualität, dass sich eine Verwertung nicht lohnt. Der Aufwand, die unterschiedlichen Kunststoffe – sogenannte Polymere – voneinander zu trennen, ist oft zu hoch und zu teuer. Besonders Plastik, das bereits im Meer treibt, sei nahezu unbrauchbar: Das Bergen koste etwa zehnmal so viel wie das Sammeln an Land, erklärt Kienberger.

Paletten aus Altplastik statt Holz

„Fast alle konzentrieren sich auf den kleinen Anteil an hochwertigen Polymeren – jene sortenreinen Kunststoffe, die sich leicht und profitabel recyceln lassen“, sagt Kienberger. „Aber der Großteil, über 65 Prozent, besteht aus gemischten, kontaminierten oder schwer verwertbaren Abfällen. Genau da setzt kaum jemand an, weil sich damit bislang schlicht kein Geld verdienen lässt.“ Diese wirtschaftliche Realität brachte das Projektteam 2022 auf eine Idee, die viele zunächst für absurd hielten: Was wäre, wenn man genau dieses scheinbar wertlose Material verarbeiten könnte zu etwas Dauerhaftem, Nützlichem, Funktionalem?

Angesichts schrumpfender Wälder und eines globalen Booms im Logistiksektor kam ihm eine konkrete Anwendung in den Sinn: Paletten. Weltweit werden jährlich über 5 Milliarden Stück produziert – rund 90 Prozent davon bestehen nach wie vor aus Holz. Für die Herstellung von Paletten werden jedes Jahr Millionen Kubikmeter Holz verarbeitet.

Für ihre Idee, selbst die am schwersten verwertbaren Kunststoffreste zu nutzen, seien sie anfangs belächelt worden, sagt Kienberger. Denn wie lässt sich stark verunreinigtes und gemischtes Plastik in einen stabilen, industriell nutzbaren Werkstoff verwandeln? Erste Impulse kamen aus Gesprächen mit Wissenschaftlern der ETH Zürich, die das Potenzial hinter dem Ansatz erkannten. Für die konkrete Umsetzung holte sich Kienberger erfahrene Partner aus der Industrie an Bord: die Schweizer MeSentia AG und der Gimelli Engineering AG bei Bern. Gemeinsam begannen sie 2022 mit der Entwicklung eines mechanischen Verfahrens, das schwer recycelbare Kunststoffe und Faserreste zu einem haltbaren Faserverbundmaterial verarbeitet – geeignet für langlebige Anwendungen wie Paletten.

Eine Palette von Ocean Material aus schwer verwertbaren Kunststoffresten

Eine Palette von Ocean Material aus schwer verwertbaren Kunststoffresten

© Ocean Material

2024 haben die Projektpartner das erste Patent zum Prozessverfahren beim Europäischen Patentamt eingereicht. „Nach zwei Jahren intensiver Forschung und Entwicklung konnten wir zeigen: Es funktioniert“, sagt Kienberger. Das Ergebnis ist ein neuartiges Produktionssystem, das komplexe Abfallströme in einen stabilen, recycelbaren Holzersatz überführt – mit geringem Energiebedarf, niedrigen Produktionskosten und hoher Umweltwirkung. Eine echte Alternative zu Deponierung, Verbrennung und Abholzung.

Eine Pilotanlage ist bereits in Betrieb. Sie stellt die für das Verfahren zentralen Leichtbauplatten her, die bislang noch manuell zu Testpaletten weiterverarbeitet werden. Interessierte Partner können die Anlage besichtigen und sich vor Ort ein eigenes Bild vom Produktionsprozess machen. „Wir verwenden bestehende Technologien und kombinieren sie mit neuen Verfahren, die bislang niemand in dieser Form eingesetzt hat, mit Know-how aus der Schweizer Industrie und Forschung“, sagt Kienberger.

Die erste industrielle Serienanlage soll Mitte 2026 ihren Betrieb aufnehmen – allerdings an einem Standort außerhalb Deutschlands. „Hier sind die Recyclingströme vergleichsweise gut organisiert“, sagt Kienberger. Am größten sei der Nutzen dort, wo heute noch 80 bis 90 Prozent der Abfälle auf Deponien oder in der Umwelt landen, etwa in Teilen Süd- und Südostasiens. Bis 2028 soll eine automatisierte Serienanlage jährlich bis zu 10 Millionen Kilogramm Mischabfälle in rund eine Million Paletten verwandeln können.

Plastik im Meer

Plastik im Meer

© Michael Bihlmayer/imago

„Wenn wir für das entstehende Material einen fairen Marktpreis erzielen, können wir in den Regionen vor Ort Jobs schaffen, lokale Zertifizierungen aufbauen und Teil einer funktionierenden Abfallinfrastruktur werden“, erklärt Kienberger. Davon würden besonders Menschen im informellen Sektor profitieren, aber auch die Recyclingindustrie insgesamt, da ungenutzte Ressourcen wieder in den Kreislauf zurückgeführt würden.

Gewinn steht aktuell nicht im Vordergrund.

Toni Kienberger

Seit der Gründung arbeitet Ocean Material vollständig eigenfinanziert. Erst mit dem aktuellen Technologieprojekt – die Entwicklung einer skalierbaren Maschine zur Verarbeitung nicht recycelbarer Mischkunststoffe – wurde erstmals externe Förderung erforderlich. Entsprechende Förderanträge laufen derzeit, unter anderem beim Bundesumweltministerium im Rahmen des Programms Marine Debris Framework – Regional hubs around the globe sowie beim European Innovation Council (EIC), der Innovationsförderagentur der Europäischen Union. Beide Verfahren befinden sich noch im Entscheidungsprozess.

„Wir investieren bisherige Einnahmen konsequent in Entwicklung und Projekte – Gewinn steht aktuell nicht im Vordergrund“, sagt Kienberger. Warum er es trotzdem macht? „Weil es mich motiviert. Es macht mir Freude und ich will meinen Kindern einmal nicht nur ein Unternehmen, sondern einen besseren Planeten hinterlassen.“

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Neben der technologischen Entwicklung engagiert sich Ocean Material auch in der direkten Bildungs- und Aufklärungsarbeit – vor allem in Regionen mit unzureichender Recyclinginfrastruktur. Bis heute wurden bereits knapp 600 kostenlose Workshops durchgeführt. Ermöglicht wird das durch zahlreiche Unterstützer und Partner.

Ein zentrales neues Format ist die „Circular Roadshow“: ein mobiles Klassenzimmer, das Kindern und Jugendlichen vermittelt, wie Plastikverschmutzung entsteht und wie sie konkret vermieden werden kann. Mit der KI-gestützten Kampagne #PictureTheProblem konnten sich Nutzer außerdem virtuell in Szenarien der Umweltzerstörung versetzen.

„Statistiken allein bewirken wenig. Aber wenn man sich selbst mitten im Problem sieht – in Plastik, im abgeholzten Wald, im schmelzenden Eis – dann wird aus globaler Krise plötzlich persönliche Realität“, sagt Kienberger. Und fügt zum Schluss hinzu: „Das ist nicht die Zukunft, das ist jetzt!“

Weitere Information unter de.oceanmaterial.com

Markus Vögele hat Deutsch, Geschichte und Politik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg studiert und arbeitet als Lehrer in der Erwachsenenbildung. Nebenbei schreibt er als freier Autor Texte für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, u. a. über Themen der Zeitgeschichte und Menschen, die etwas zu erzählen haben.

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