DDR-Erbe

Carsten Gansel: Stolz und Eigensinn der Mitarbeiter haben Anteil am Erfolg des Aufbau-Verlags

Aufbau war das „Flaggschiff“ der DDR-Verlage und ist immer noch da: Ein Gespräch über Tradition und Erneuerung anlässlich des 80. Geburtstags.

Cornelia Geißler Interview: Cornelia Geißler
7 Min
Der Immobilienunternehmer Bernd F. Lunkewitz kaufte den Aufbau-Verlag 1991 von der Treuhand, die ihn nach seinen Recherchen gar nicht hätte verkaufen dürfen. Bis 2008 blieb er dem Verlag treu.

Der Immobilienunternehmer Bernd F. Lunkewitz kaufte den Aufbau-Verlag 1991 von der Treuhand, die ihn nach seinen Recherchen gar nicht hätte verkaufen dürfen. Bis 2008 blieb er dem Verlag treu.

© teutopress/imago

Am Donnerstag feiert der Aufbau-Verlag seinen 80. Geburtstag. Gregor Gysi wird über die Rolle seiner Familie bei der Gründung erzählen. Die Autorin Gerti Tetzner ist zu Gast, deren in der DDR so erfolgreicher Roman „Karen W.“ gerade bei Aufbau neu aufgelegt wurde. Der Verlag publizierte in der DDR so unterschiedliche Autoren wie Hermann Kant und Christa Wolf, war die Heimat von Eva und Erwin Strittmatter. Seine Geschichte im vereinten Deutschland ist von Streit um die Besitzverhältnisse geprägt und von publizistischen Erfolgen wie den Klemperer-Tagebüchern und Fallada-Wiederentdeckungen. Aufbau brachte auch das Werk von Brigitte Reimann zu einem großen Publikumserfolg. Wir sprechen über den Verlag mit dem Literaturprofessor Carsten Gansel, Reimann-Herausgeber und Autor der Biografie „Ich bin so gierig nach Leben“.

Herr Gansel, Sie haben selbst dazu beigetragen, verschiedene vergessene Bücher bei Aufbau wieder publik zu machen. Der Verlag hat eine achtzigjährige Geschichte. Wie sehen Sie seine Rolle in der Gegenwart?

Wer über die Gegenwart spricht, sollte zunächst über die Vergangenheit von Aufbau reden, denn von daher rührt die Bedeutung. Die Gründungsväter von Aufbau – einer der maßgeblichen war der Autor Johannes R. Becher, ab 1954 erster Kulturminister in der DDR – haben sich in einer kulturellen Verantwortung gesehen. Hans Mayer, jüdischer Emigrant und bedeutender Germanistikprofessor, nannte Becher einen „Glücksfall“. Dem Aufbau-Verlag war er besonders verbunden, hier brachte er 1958 E.T.A. Hoffmanns „Poetische Werke in sechs Bänden“ heraus. Die drei beziehungsweise vier Säulen, auf die nach einem verheerenden Krieg und dem Zivilisationsbruch der in der Sowjetischen Besatzungszone neu gegründete Verlag gestellt wurde, waren die Literatur des klassischen Erbes, Exil- und Weltliteratur sowie Gegenwartsliteratur. Goethe und Schiller, Anna Seghers und Thomas Mann oder Bertolt Brecht. Mit Theodor Plieviers „Stalingrad“, den wird gerade in der Fassung letzter Hand neu ediert haben, hatte Aufbau ab Herbst 1945 seinen ersten Millionenseller. Aber natürlich hat Aufbau auch neue Autoren entdeckt: Bov Bjerg, die Nobelpreisträgerin Han Kang, Sigrid Nunez und Gusel Jachina.

Brigitte Reimann erschien in der DDR im Verlag Neues Leben. Gerti Tetzners „Karen W.“ im Mitteldeutschen Verlag. Christoph Links legt in seiner Doktorarbeit dar, dass von den ehemals 78 staatlich lizenzierten Verlagen der DDR in den 2000er-Jahren in eigenständiger Form nicht mal mehr ein Dutzend existierte. Ist Aufbau der Nachfolger von vielen?

In der Tat, von 78 Verlagen blieb vielleicht eine Handvoll. Man kommt an dieser Stelle nicht umhin, an die fatale Privatisierungspolitik der Treuhand zu erinnern, von der auch Aufbau betroffen war, ein Thema für sich. Dass Aufbau erfolgreich überlebt hat, hängt nach meiner Auffassung mit mehreren Aspekten zusammen. Der Verlag hatte auf der Lizenzseite sicher die größte Substanz aller DDR-Verlage und verfügte über eine umfangreiche Backlist. Dann war da ein ausgezeichnetes Lektorat mit erfahrenen, hochkompetenten und engagierten Lektoren, die sich sehr schnell auf die veränderten Arbeitsbedingungen einstellten. Schließlich wurde die ursprüngliche Programmatik sensibel an die neuen marktwirtschaftlichen Verhältnisse angepasst. Bernd Lunkewitz als erster Eigner verschaffte dem Verlag die nötige Zeit, sich zu etablieren. Entscheidend für mich aber war René Strien, der als Verleger und Geschäftsführer die Geschicke ab 1994 über 20 Jahre verantwortete und den Verlag zurückhaltend öffnete. Mit ihm sind die Riesenerfolge verbunden, Millionenseller wie „Die Päpstin“, Hans Fallada, Victor Klemperer, Brigitte Reimann.

Zur Person
Frank Wilhelm

Zur Person

Carsten Gansel, geboren 1955 in Güstrow, ist seit 1995 Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Gießen. Er gab u.a. die Originalfassung von Hans Falladas Welterfolg „Kleiner Mann – was nun“ (2016) heraus und Theodor Plieviers Roman „Stalingrad“ (2025). Er veröffentlichte die Biografien „Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre“ (2022) und „Ich bin so gierig nach Leben – Brigitte Reimann“ (2023). Für seine Verdienste um die deutsche Literatur wurde er 2017 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Gansel ist Vorsitzender der Christa-Wolf-Gesellschaft und Vorsitzender der Jury zur Verleihung des Uwe-Johnson-Preises.
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Gerade hat Suhrkamp, der lange in Frankfurt am Main ansässige, für die alte Bundesrepublik prägende Verlag, sein 75-jähriges Jubiläum gefeiert. Geht es um ihn, spricht man auch von einer „Suhrkamp-Kultur“. Gibt es eine „Aufbau-Kultur“?

Ja, wenngleich in anderer Weise. Aufbau war das „Flaggschiff“ der DDR-Verlage, das hatte Folgen, glaube ich, für die Mitarbeiter, die am Gründungsauftrag festhielten und denen klar war, dass sie eine besondere Verantwortung haben, für die – sagen wir –Freiheit des Andersdenkenden. Vielen war es wichtig, sich gegen Zensureingriffe stark zu machen und mit kritisch-innovativen Autoren im Bunde zu sein, mit Autoren, die in gesellschaftliche Belange eingreifen wollten. Das erzeugte in den hochkompetenten Lektoraten Selbstbewusstsein und auch Stolz. Und eben dies wurde sehr wohl bei den Lesern in der DDR wahrgenommen. Genau daran konnte nach ’89 angeknüpft werden, etwa im Starkmachen der Gründungsidee. Mit einer trotzigen Widerständigkeit und einem Arbeitspensum, das weit über das Normale hinausging, wurden neue Verlagsprojekte angegangen, die einerseits in der Aufbau-Tradition standen und andererseits eine Öffnung auf neue Leserschichten bedeuteten. Aufbau hat eben nicht einseitig auf Ostalgie oder DDR-Themen gesetzt.

Der Inhaber allerdings, der 81-jährige Matthias Koch, ist 2008 aus dem Westen und als Quereinsteiger in die Branche gekommen.

Ich glaube Matthias Koch war für den Verlag ein Glücksfall, nicht nur weil er ab 2008 die Eigenständigkeit des Verlages sicherte. Er hat zudem das neue Aufbau-Haus am Moritzplatz geschaffen, das eine Art Kultur- und Kunstzentrum ist. Durch ihn ist in den früheren Ost-Verlag eben auch eine Westgeschichte hineingekommen, was zu einem breiteren Denkangebot führt.

Gab es nach 1990 bei den Eigentümern eine Konstanz mit nur zwei verschiedenen Männern – Bernd F. Lunkewitz und Matthias Koch –, wechselten auf der Ebene der verlegerischen Geschäftsführung die Personen viel häufiger. Merkt man so etwas von außen, als Literaturwissenschaftler?

Von René Strien und seiner Bedeutung für über 20 Jahre Aufbau sprach ich schon. Aber als Autor hat man ja eher mit den Lektoren zu tun. Das begann Mitte der 1980er-Jahre mit Maria Matschuk, dann nach ’89 Angela Drescher und nunmehr seit über zehn Jahren mit Nele Holdack. Damit ist für mich die „Aufbau-Kultur“, von der wir sprachen, auf höchster Ebene repräsentiert. Gemeinsam mit Nele Holdack haben wir Hans Falladas „Kleinen Mann“ gemacht, später Brigitte Reimann, dann Plievier, die Anthologie „Blitz aus heiterm Himmel“ oder Gerti Tetzners „Karen W.“. Heide Kloth, die Verlegerin, hat gerade unlängst betont, dass ihr auch weiterhin daran liegt, ostdeutsche Themen und Autoren zu entdecken. Das finde ich toll.

Die Buchbranche ist von der digitalen Transformation sehr stark betroffen. Aber nicht wegen des Wechsels vom Papier zum E-Book, wie man lange annahm, sondern weil die Aufmerksamkeit des Publikums schwindet. Wie könnte Aufbau es schaffen, auch noch 100 Jahre alt zu werden?

Nun bin ich kein Verleger. Aber entscheidend scheint mir das je eigene Profil zu sein. Denn genau das ist die Grundlage für die Existenz eines Verlages, denn ein Verlag ist kein Discounter, der alles anbietet. Dies bedeutet für Aufbau an den drei bzw. vier Säulen festzuhalten und gleichzeitig durch zurückhaltende Öffnung weiter neue Leserschichten zu gewinnen. Es gibt sie ja die jungen Leute, die nach wie vor gern lesen. Die Öffnung hat Aufbau in der Vergangenheit geschafft, glaube ich. Durch den Umbau von Rütten & Loening, den Zukauf von Blumenbar oder eben Ch. Links. Aufbau bedient dabei ein breites Spektrum vom bibliophilen Buch über das E-Book bis zu Hörbüchern. Dabei muss das Neue und Zeitgemäße höchsten qualitativen Ansprüchen genügen. „Aufbau-Kultur“ also. Zudem: Wer ein Aufbau-Buch in der Hand hat, muss sich – unabhängig vom Inhalt – daran erfreuen können, sag ich mal ein wenig überhöhend. Kurzum, ich bin absolut optimistisch!

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