Open Source

Kellnerin auf dem Oktoberfest: „Ein Teil des Geldes ist Schmerzensgeld“

Auf der Wiesn zu arbeiten, ist hart: Schlafentzug, viel laufen und schleppen, Erbrochenes wegwischen. Warum sich eine Münchnerin das trotzdem immer wieder antut.

Katharina Müller-Güldemeister
6 Min
Security auf dem Oktoberfest

Security auf dem Oktoberfest

© Sven Simon/imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Theresa ist Bilanzbuchhalterin von Beruf, lebt in München. Im Interview spricht die 31-Jährige, die es bei ihrem Vornamen belassen will, über ihre Erfahrungen als Bedienung auf dem Oktoberfest, dem größten Volksfest der Welt. Ein Knochenjob ist das, von dem sie aber nicht lassen kann und will. Auch bei der Wiesn 2025, die vom 20. September bis zum 5. Oktober läuft, ist sie wieder mit von der Partie.

Wie viele Maßkrüge können Sie auf einmal tragen?

Wenn ich will, kann ich 16 Maßkrüge tragen. Da ist dann viel Adrenalin und Show dabei. Am Anfang hab ich’s total gern gehört, wenn Leute zu mir sagen: „So viel Bier und so ein schmales Mädchen, lass mal ein Foto machen!“ Wenn ich gestresst bin, wenig Schlaf hatte oder es auf das Ende der Wiesn zugeht, denke ich heute oft: Ja, geh halt trotzdem auf die Seite. Ich trage hier fast 50 Kilo!

Wie sind Sie dazu gekommen?

Mit 16 habe ich im Biergarten als Tellerabräumerin angefangen. Für mich war das damals schon mehr Spaß als Arbeit. Man ratscht mit Gästen – und ich hatte immer was in der Tasche. Eine Kollegin hat mich dann auf ein Volksfest gelockt, da verdient man noch schneller Geld. Am Anfang bin ich da erst mal viel hin- und hergelaufen. Ein voller Maßkrug wiegt rund drei Kilo. Aber mit Hilfe von Kolleginnen hab ich den Dreh schnell rausgekriegt, wie man mehrere Krüge auf einmal trägt und es für mich und für den Gast passt. Denn wenn’s dem Gast nicht passt, dann passt’s am Abend auch in deinem Geldbeutel nicht. Irgendwann hatte ich den Traum, die Wiesn zu schaffen. Für mich lag auch deshalb ein Reiz darin, weil ich um die Ecke aufgewachsen bin. Seit zwölf Jahren mache ich nur noch Volksfeste. Seit ich Mama geworden bin, mache ich nur noch zwei pro Jahr.

Eine Kellnerin trägt Maßkrüge in einem Festzelt.

Eine Kellnerin trägt Maßkrüge in einem Festzelt.

© Ralph Peters/imago

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Wie verdienen Sie normalerweise Ihr Geld?

Ich arbeite als Bilanzbuchhalterin. Für das Oktoberfest nehme ich mir jedes Jahr zwei Wochen frei.

Was macht das Oktoberfest besonders für Sie?

In meinem Zelt auf der Wiesn gibt es ein großes Miteinander. Klar gibt’s auch Kellner, die nur Geld verdienen wollen, aber das sieht man ihnen an. Geld allein sollte nicht der Treiber sein. Wenn man Menschenmassen oder Menschen generell nicht so mag, ist es der falsche Job. Für mich ist es wie nach Hause kommen, wenn ich das Zelt betrete. Es haben sich viele Freundschaften entwickelt. Da wird vom Brötchen bis zum Schmerzpflaster alles geteilt. Manche Leute sehe ich nur auf dem Oktoberfest. Das macht für mich die Wiesn aus.

Wie viele Meter machen Sie am Tag?

Am Wochenende machen die Zelte um neun Uhr auf, Schankschluss ist um 22.30 Uhr. In den zehn Stunden, in denen ich pro Tag arbeite, laufe ich 30.000 bis 50.000 Schritte und trage standardmäßig sechs bis sieben Maßkrüge pro Hand. Früher taten mir am Abend die Füße weh und ich hatte Muskelkater vom Schleppen. Seit ich Triathlon mache, ist es besser. Meine Wettkämpfe plane ich um die Volksfeste herum. Die körperliche Kraft, das Laufen und Durchhalten – es ergänzt sich gut.

Gäste feiern im Hofbräuzelt auf der Theresienwiese.

Gäste feiern im Hofbräuzelt auf der Theresienwiese.

© Felix Hörhager/dpa

Wie viel verdient man als Wiesn-Bedienung?

Je nach Zelt kann man in 16 Tagen 5000 bis 15.000 Euro verdienen. Wir sagen immer, dass ein Teil des Geldes Schmerzensgeld ist. Es kann passieren, dass du dreimal am Tag Kotze wegmachst und dann noch in eine Schlägerei gerätst. Es sind übrigens nicht nur Männer, die Streit suchen.

Was machen Sie dann?

Wenn eine Situation heikel wird, versuche ich oft, es mit Charme zu lösen. Ich frag, was das Problem ist, und sage, dass man sich doch eben noch verstanden hat. Manchmal hilft es, Leute umzusetzen. Wenn es eskaliert, rufe ich immer die Security. Ich bin schon ein paar Mal in ein Gerangel reingeraten, habe viele Situationen aber auch ganz smooth gelöst.

Wie reagieren Sie auf sexistische Sprüche?

Meistens gibt’s dann einen richtig dummen Spruch zurück und das Thema ist durch. Wer mir am Rock zieht, dem sage ich, dass es für ihn heute hier vorbei ist, wenn er das noch mal macht. Das sehen auch die anderen und es ist meist Ruhe. Nur einmal hat mir einer an die Brüste gefasst. Für den war es dann gleich vorbei.

Wie sieht der typische Wiesnbesucher aus?

In die Zelte kommen unterschiedliche Gruppen. Die Einheimischen, die schon immer da sind, und die Jüngeren, die feiern wollen. Manche Gruppen nerven, weil sie sich zu fünft ein Hendl teilen und über Stunden nur ein Bier trinken. Man bedient sie trotzdem. Italiener sind oft laut und besitzergreifend. Australier und Amerikaner fragen oft freundlich, wie es abläuft.

Zwischen Feiernden auf der Wiesn bleibt oft Müll zurück.

Zwischen Feiernden auf der Wiesn bleibt oft Müll zurück.

© Nikita Kolinz/imago

Was nervt Sie?

Dass viele Leute über die Preise schimpfen und denken, dass sich der Wirt alles einsteckt. Aber die Sicherheitskonzepte sind heute viel aufwendiger: Zäune, mehr Security und keine Mülltonnen im öffentlichen Bereich wegen Terrorgefahr. Jetzt liegt alles auf dem Boden und muss aufgeräumt werden. Diese Kosten spiegeln sich im Preis wieder.

Wie geht es Ihnen nach der letzten Schicht?

Wenn es vorbei ist, habe ich für zwei Wochen Wiesn-Blues. Ich finde es schade, dass ich wieder meine Jeans anziehen und ins Büro muss. Klar, schlafe ich erst mal viel und bin froh, dass ich nicht ständig laute Musik um mich habe. Aber es fehlt mir auch, und vormittags denke ich oft: Jetzt wäre eigentlich Weißwurschtfrühstück.

Katharina Müller-Güldemeister ist freie Journalistin und lebt in Berlin. In Bamberg, wo sie Geografie, Germanistik und Kommunikationswissenschaft studierte, hat sie auch mal ein paar Maßkrüge durch ihre Lieblingskneipe geschleppt. Auf dem Oktoberfest wäre sie allerdings grandios gescheitert.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nichtkommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

weltbune Banner