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Eine Frage macht die Runde: „Wie hast du denn den 9. November damals erlebt?“

Bei einem Klassentreffen teilen ehemalige Mitschüler ihre Erinnerungen an den Mauerfall. 14 Geschichten aus Ost- und West-Berlin über eine Nacht, in der alles anders wurde.

Ute Novieku
15 Min
Menschen feiern am 9. November auf der Berliner Mauer.

Menschen feiern am 9. November auf der Berliner Mauer.

© Thomas Imo/imago

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Morgens hörte ich sehr früh auf der Straße ein eigenartiges Dauergeräusch. Aus dem Fenster sah ich überrascht Hunderte und Aberhunderte von Menschen, die offenbar vom Bahnhof Charlottenburg durch unsere Straße zielstrebig zum Kudamm liefen. Man hörte nur die Füße auf dem Asphalt. Diesen stillen Strom werde ich nie vergessen. Und er sollte in den nächsten Tagen nicht abreißen.

Am Tag davor, dem 9. November, hatten wir am Nachmittag Teamsitzung in Schöneberg. Es ging um alle möglichen Querelen, aber die meisten von uns waren abgelenkt von dem, was sich im unruhigen östlichen Teil der Stadt anbahnte, nach dieser gewaltigen Demonstration vom 4. November auf dem Alexanderplatz. Keiner wusste, wie das alles ausgehen würde.

Alles war im Umbruch. Im Juli 1989 hatten wir nach langer Suche endlich über abenteuerliche Wege eine neue Wohnung gefunden, am Zoo standen damals ja noch jede Freitagnacht lange Schlangen, um die ersten Zeitungen mit Wohnungsinseraten zu ergattern und vor allem dann auch einen Platz in einer Telefonzelle. Nun wohnten wir neuerdings also ausgerechnet in einer Seitenstraße vom Kudamm, in einem hochherrschaftlichen Altbau, statt wie bisher in einem Hinterhof in Schöneberg, dessen Fassade noch so zerschossen und vergraut aussah, dass dort immer wieder gern Kriegsfilme gedreht wurden.

Wir saßen also abends am 9. November in unserem riesigen Wohnzimmer mit den Schiebetüren und dem knarrenden Parkett, wo wir aufgeregt die „Tagesschau“ guckten und so eben auch die berühmte Ansage von Schabowski sahen. Wir verstanden das so, wie es wohl auch gemeint war, nämlich dass jeder Bürger der DDR, der ordentlich und brav ein Visum beantragt, es ohne besondere Begründung bekommen wird. Staunend und verwirrt gingen wir ins Bett.

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Günter Schabowski, Mitglied des Politbüros des ZK der SED und 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin, auf der Pressekonferenz am 9.11.1989

Günter Schabowski, Mitglied des Politbüros des ZK der SED und 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin, auf der Pressekonferenz am 9.11.1989

© dpa

„Sieht hier auch nicht viel anders aus als bei uns“

Am nächsten Morgen dann schon früh der stille Strom und am Abend die Bilder von den Mauerstürmern der letzten Nacht in der „Abendschau“. Und schon stand meine Familie komplett mit Kind, Kegel und Visum vor der Tür. Einer sagte: „Da guckst du, wa?“ „Na“, freute ich mich, „wir haben euch schon erwartet.“ Das ordnungsgemäße Visum im Ausweis war deshalb allen so wichtig, weil sie natürlich Angst hatten, sonst nicht zurückkommen zu dürfen. Es war ja alles noch völlig unklar.

„Sieht hier auch nicht viel anders aus als bei uns“, sagte mein jüngster Bruder trocken, während mein ältester Bruder, der mich schon mal im Westen hatte besuchen dürfen, sehr bewegt war. Bei der Pizzabude unter der Brücke am Bahnhof, die es auch heute noch gibt, bestellten wir drei Bleche Pizza per Telefon, die waren natürlich schnell alle.

Am selben Abend noch packten wir meinen halbjährigen Neffen in einen dieser großen Einkaufswagen, den wir mal in Studienzeiten von Aldi hatten mitgehen lassen, polsterten ihn mit einem Schaffell und liefen nun nach vorn zur Massenprozession am Kudamm. Ich war schon auf vielen Demos gewesen, aber noch nie war ich in West-Berlin in einer so ruhigen riesigen Menschenmenge gelaufen, unterbrochen von kleinen, aufgeregten Juchzern.

Der Kleine staunte mit seinem runden hochgereckten Gesicht die vielen Lichter an, wir wurden mit dem Einkaufswagen von Journalisten gefilmt, und am nächsten Morgen staunte der Kleine den aufwendigen Stuck hoch über ihm in unserem neuen Wohnzimmer an. „Das ist ja hier wie ein Schloss“, staunte auch meine Schwägerin – und so fühlten wir uns auch, wie Besucher in einem Schloss, und es war uns auch ein bisschen peinlich, dieser plötzliche Milieuwechsel von „schäbig“ zu „vornehm“. Meine Cousine hatte gerade ein paar Monate vorher die Ausreisegenehmigung bekommen und wohnte mit ihrer kleinen Familie in einem der rasch erbauten Container.

Massen auf dem Kudamm am 10.11.1989

Massen auf dem Kudamm am 10.11.1989

© Jochen Tack/imago

Rückkehr ins alte Zuhause

Am Sonnabend in der Wilmersdorfer Straße waren die Papierkörbe an den Lampenmasten schon nicht mehr zu erkennen unter den Pyramiden von weggeworfenen Bananenschalen. Findige Händler karrten die Früchte mit Lastwagen heran. Von nun an änderte sich alles rasant, das rumpelige gemütliche West-Berlin. Zuvor geprägt auch von Wehrdienst-Verweigerern und Hausbesetzern, von Falsche-Idylle-Flüchtlingen, Studenten und Gastarbeitern, wurde es nicht nur gefüllt und belebt von neugierigen DDR-Bürgern, sondern auch überschwemmt von Männern in Anzügen, den „Besserwessis“ aus Westdeutschland, die man hier vorher in dieser Menge und Montur noch nicht gesehen hatte.

Persönlich aber konnte ich endlich mein altes Zuhause, meine Familie in Friedrichshain und Lichtenberg, meine Freunde dort und in Karlshorst, Köpenick und Mitte ohne Anstellen, Antrag, Visum und Eintrittsgeld besuchen, ohne diese wahnsinnige Anspannung jedes Mal im Tränenpalast bei der Ein- und Ausreise. Und wie toll war es, durch die immer neuen Maueröffnungen hindurchzuklettern und die so lange verbotenen Ränder von Berlin zu erkunden, Richtung Griebnitzsee, Babelsberg oder Sacrow. Oder in die andere Richtung zu fahren, nach Neuenhagen zu meinem Bruder, nach Eichwalde, der Heimat meiner Mutter. Auch auf die Datsche meines Vaters bei Straußberg konnte ich nun endlich legal, das war ja alles für uns West-Berliner mit Tagesvisum verboten gewesen.

Als wir eher zufällig am 9. November 2024, also 35 Jahre später, in einem Lichtenberger Lokal ein Klassentreffen haben, frage ich meine ehemaligen Mitschüler: „Wie hast du denn den 9. November damals erlebt?“ Und bekomme ein sehr lebendiges Kaleidoskop von spontanen Antworten.

Menschen reißen Stacheldraht von der Berliner Mauer.

Menschen reißen Stacheldraht von der Berliner Mauer.

© Thomas Imo/imago

„In der S-Bahn waren alle so merkwürdig unruhig“

Mirko: „Am 9. habe ich das noch nicht kapiert und bin am 10. wie immer zur Arbeit gefahren. In der S-Bahn waren alle so merkwürdig unruhig, und dann auf der Arbeit habe ich erfahren: Die Grenze ist auf. Wir sind dann zu den Schwiegereltern nach Potsdam gefahren, noch außen rum, so war das damals. Dann haben wir uns mit zwei Autos von Potsdam direkt durch West-Berlin getraut, da fährt man ja so eine ganz lange Strecke durch den Wald, und mit jedem Meter stieg meine Aufregung. Wir sind dann von Potsdam bis zum Kudamm gefahren.“

Marlies: „Das kann ich genau sagen, der 9. November ist ja unser Hochzeitstag und das war der zehnte. Wir waren in einem Lokal in Kaulsdorf. Dort haben wir gemerkt, dass die Kellner sich komisch verhalten, die wollten eigentlich weg. Erfahren haben wir es erst am nächsten Tag. Wir hatten ja schon einen Ausreiseantrag gestellt, wir wollten das nicht über Ungarn machen, wegen unseres Kindes, haben dann alles vorbereitet. Im November sind wir nach Nürnberg gezogen, mein Mann hatte dort Verwandte. Wir haben dort zwei Jahre gelebt, aber wir haben uns nicht heimisch gefühlt.“

Monika: „Wir waren in der Distel in der Friedrichstraße. Unsere Tochter, sie war fünf, hatten wir bei meinen Eltern gelassen. Als wir wieder nach Hause kamen, haben wir noch den Fernseher angemacht und die Rede von Schabowski gesehen. Ich hab gesagt: ‚Komm, lass uns wieder losfahren.‘ Aber mein Mann wollte nicht, wegen unserer Tochter. Er hatte Angst, dass wir nicht zurückkönnen, aber wenn es nach mir gegangen wäre, wären wir zur Grenze gefahren. Am nächsten Morgen auf der Arbeit und im Kindergarten war so gut wie kein Mensch. Wir sind dann nach der Arbeit ohne Tochter rübergefahren, als wir gesehen haben, dass die Leute tatsächlich zurückkommen. Wir dachten, wir nehmen mal einen anderen Übergang, wo nicht so viele Leute sind, und sind zur Sonnenallee gefahren und von dort bis zum Hermannplatz gekommen. Da standen die Schlangen um den ganzen Karstadt herum. Von dem Geld haben wir uns auch Obst gekauft und am nächsten Tag unserer Tochter ein bisschen mit in den Kindergarten gegeben, und da hieß es: ‚Ihr müsst ja Geld haben!‘ Na, das war das Begrüßungsgeld, von dem wir das gekauft haben. Das war so ein Gedrücke und Gedränge am Hermannplatz, jeder hatte Angst, nichts abzukriegen.“

Am Tag nach der Maueröffnung nutzen einige DDR-Bürger ihr Begrüßungsgeld zum Einkauf von Bananen.

Am Tag nach der Maueröffnung nutzen einige DDR-Bürger ihr Begrüßungsgeld zum Einkauf von Bananen.

© Sven Simon/imago

Andreas: „Ich war ja damals bei der Armee und keiner wusste so richtig, was überhaupt passiert. Ich war in Berlin kaserniert und am 9. noch zu Hause, da habe ich nichts mitbekommen. Am 10. hieß es in der Kaserne: Ihr kommt nicht nach Hause. Wir sollten dann im Hinterland warten – ich glaube, es war Bernauer Straße –, ob alles friedlich verläuft. Auf dem Mauergelände war ein Stützpunkt, da wurde ein Segment von der Mauer gekippt. Das war sehr emotional, denn die West-Berliner haben uns in Uniform umarmt! Wir hatten doch gelernt, das ist der Klassenfeind, aber plötzlich ist die Mauer weg und man konnte sich sein eigenes Bild machen. Man wurde nicht bepisst, es gab diese Freudigkeit der beiden Seiten. Heute ist ja wieder so eine Spannung in der Luft. Mein Beruf als Kellner wurde nicht anerkannt. Man musste sich dann nachqualifizieren und war plötzlich mit sehr viel Unsicherheit konfrontiert. Heute erleben wir diese Verunsicherung zum Beispiel bei VW. Damals haben die ja immer gefragt: Warum habt ihr das in der DDR mitgemacht? Aber spätestens seit Corona kann ich antworten: Wie kann ein ganzes Volk so etwas über sich ergehen lassen? Ich bin stolz auf mein Leben in dem einen Land, ich hatte 30 Jahre meine Familie, meinen Sport, meine Schule, meinen Beruf, und dann habe ich in einem zweiten Land gelebt. Ich habe in zwei Ländern gelebt.“

Es gab nach der Währungsunion so viele Millionäre mehr.

Frank S.

Frank S.: „Ich war mit einer Bekannten in einer Kneipe in Lichtenberg. Danach sind wir nach Hause zu meiner Mutter, haben die Neuigkeiten im Fernsehen gesehen und uns sehr gefreut. Am 10. bin ich dann mit einem Kumpel in den Westen gefahren und wir haben versucht, die Leute zu besuchen, die uns immer eingeladen haben. Ich war ja Stammgast im Café Warschau, da wollten wir uns 1000 DM leihen, die dann in 7000 umtauschen, um dann nach der Währungsunion 3500 West zu haben und das natürlich zu teilen, aber die hatten gar kein Geld! Die Währungsunion war der größte Fehler der Bundesrepublik: Man kann keine nicht konvertierbare Währung in eine konvertierbare Währung umtauschen. Ich habe noch 24 Stunden vor der Währungsunion Geld eins zu vier von West nach Ost getauscht. Das waren 4000 DDR-Mark und dafür habe ich 2000 West bekommen. Man darf das erst zwei Tage vorher ankündigen. Es gab nach der Währungsunion so viele Millionäre mehr, da hat sich keiner gefragt: Warum überhaupt?“

Zwei Flugzeuge vom Typ Airbus A310 mit dem Schriftzug der DDR-Fluggesellschaft Interflug stehen auf einem Sonderteil des Flughafens Berlin-Schönefeld.

Zwei Flugzeuge vom Typ Airbus A310 mit dem Schriftzug der DDR-Fluggesellschaft Interflug stehen auf einem Sonderteil des Flughafens Berlin-Schönefeld.

© Eckhard Herfet/dpa

Von der Frühschicht direkt ins KaDeWe und zu Beate Uhse

Götz: „Wir sind am 10. von der Frühschicht gleich abgehauen ins KaDeWe und zu Beate Uhse. Ich musste ja immer um vier Uhr aufstehen und hatte früh im Radio gehört, dass die Grenze auf ist. Ich hab meine Frau wachgerüttelt: ‚Die Grenze ist auf!‘ Alle waren aufgeregt, wir sind dann über die Invalidenstraße rüber.“

Frank T.: „Alle fuhren rein nach Westen und ich fuhr als Einziger raus Richtung Osten. Ich war ja Bodenfliesenleger und hatte einen Auftrag, ich habe so abgekotzt. Einmal habe ich in der Chemnitzer Straße in Kaulsdorf in einem Haus gearbeitet und da kommt plötzlich Frau G. rein, und ich sag zu ihr: ‚Sie waren mal meine Lehrerin!‘ Sie guckt mich so an und sagt: ‚Ach ja, stimmt ja!‘ Ihr Mann war Staatssekretär nach der Wende, und sie wurde Rektorin, die davor war entlassen worden.“

Ich wusste ja gar nicht, was das ist: arbeitslos!

Claudia

Claudia: „Ich sage es gleich: Ich hab’s verschlafen. Ich hatte die Kinder ins Bett gebracht und war dann selbst schlafen gegangen. Mein Mann war in der Nacht im Westen geblieben, und ich war natürlich angepisst, weil er morgens nicht da war und ich allein die Kinder fertig machen und wegbringen musste. Ich fuhr dann zur Arbeit zum Handelszentrum an der Friedrichstraße, da saß er und ich habe zu ihm gesagt: ‚Du brauchst mir nüscht erzählen!‘ ‚Die Grenze ist auf‘, meinte er und ich: ‚Geh mal nach Hause und nüchtere dich aus.‘ Ich dachte ja, der spinnt. Aber auf Arbeit waren dann nur zwei Leute! Rübergefahren bin ich erst eine Woche später. Mir war das nicht so wichtig, und wir sind ja auch anders aufgewachsen. Ich habe in der Gastronomie für die Leute gearbeitet, die immer aus den verschiedenen Ländern ins Handelszentrum rübergekommen sind. Ich wurde dann sofort entlassen, weil die aus dem Westen gesagt haben: Eine Frau mit zwei Kindern und im Schichtdienst, das geht gar nicht. Ich wusste ja gar nicht, was das ist: arbeitslos! Ich bin dann zum Arbeitsamt gegangen und sie haben mir geholfen bei der Umschulung auf Reisebüro.“

Birgit: „Mir ging es wie Claudia, ich war zu Hause mit meinen beiden Kindern, anderthalb und dreieinhalb Jahre alt, und habe sie ins Bett gebracht. Ich habe das von Schabowski gehört, aber es hat mich nicht berührt, ich hab es ruhig angehen lassen. Mein Mann war ja bei der S-Bahn und kam von der Nachtschicht und sagte: ‚Ich habe mich schon gewundert, dass die Bornholmer Brücke so voll ist.‘ Wir haben es immer noch ruhig angehen lassen. Wir hatten am 14. September 1989 geheiratet mit Blechringen und haben uns dann von dem Begrüßungsgeld, das waren ja 400 Euro für uns mit den zwei Kindern, im Intershop goldene Ringe gekauft und ein bisschen was für die Kinder. Das ganze Weihnachtsgelumpe in den Läden hat mich beeindruckt, aber das Wichtigste für uns waren die goldenen Ringe. Ich war ja im Babyjahr und bin sowieso kaum rausgegangen.“

Menschen stehen zur Auszahlung des Begrüßungsgeldes vor einer Sparkasse.

Menschen stehen zur Auszahlung des Begrüßungsgeldes vor einer Sparkasse.

© Hansjörg Hörseljau/dpa

Frau S., unsere Russischlehrerin: „Ich habe das mit dem Schabowski gesehen und habe gedacht, die spinnen. Ich habe das nicht für bare Münze genommen und am nächsten Tag auch nicht.“

Jeanette: „Ich habe auch mein Kind ins Bett gebracht und bin selbst ganz normal ins Bett gegangen. Mit meinen Kollegen hatte ich verabredet, für den 11. November Pfannkuchen zu besorgen, und ich komme da hin und die Verkäuferin sagte: ‚Tut mir leid, wir haben keine Pfannkuchen, es ist kein Bäcker gekommen.‘ ‚Wieso ist kein Bäcker gekommen?‘, fragte ich. Sie antwortete: ‚Na, wissen Sie das denn nicht? Die Grenze ist auf!‘ Wir haben dann unsere Tochter bei den Schwiegereltern geparkt und sind rüber, über die Warschauer Straße.“

Tine: „Ich habe an dem Tag eine Freundin besucht, die eine neue Wohnung bekommen hatte am Bersarinplatz. Als ich dann relativ spätabends zur Straßenbahn ging, begegneten mir junge Männer, die grölten, die Mauer sei auf, aber weil die wirklich sehr angetrunken waren, konnte ich gar nicht begreifen, von was sie eigentlich sprachen. Ich habe damals an der Friedrichstraße gearbeitet, also nicht weit von der Mauer, und wir haben täglich die Hubschraubereinsätze gehört und eigentlich immer eher das Gefühl gehabt, dass ein Bürgerkrieg losgehen könnte. Mein Kollege war so ein Technikfreak, er hatte aus einer Mini-Bildröhre einen Fernseher gebastelt und dann wechselweise Ost- und West-Fernsehen eingeschaltet, damit wir so ein bisschen ein Gefühl dafür bekommen, was gerade abgeht und wo die Reise eigentlich hingeht. Am nächsten Morgen haben wir im Fernsehen Schabowski gesehen. Das war schon sehr aufregend und wir brauchten eine ganze Weile, bis wir diese Bürgerkriegsbefürchtungen ablegen konnten. Mein Mann hat am 11. November Geburtstag und ich weiß noch, dass an dem Tag, wo wir feiern wollten, ein paar Gäste fehlten, ohne irgendwas gesagt zu haben. Das war schon eine komische Stimmung, dass manche den Geburtstag weniger wichtig fanden als jetzt mal rüberzufahren. Rückblickend können wir sagen, dass sich für uns alles extrem positiv entwickelt hat. Die Zeit danach war ein bisschen heftig und purzelig: Welche Unsicherheiten da auf jeden Einzelnen zugekommen sind! Nun sind die vielen Jahre der halbwegs ruhigen politischen Entwicklung, so wie wir es erlebt haben, wahrscheinlich vorbei.“

Grenzöffnung Bornholmer Straße

Grenzöffnung Bornholmer Straße

© Votos-Roland Owsnitzki/imago

Es war der schönste Tag meines Lebens.

Olaf: „Ich war zur Nachtschicht in der Druckerei beim ND, dabei kamen immer so Anrufe in die Leimbude, „die Grenze geht uff“, und als dann der dritte Anruf kam, dachten wir, da scheint was dran zu sein. Ich war im Frühjahr 1989 eine Woche bei meiner Oma im Westen gewesen. Als ich jetzt hörte, die Grenze geht auf, dachte ich sofort an mein Traum-Motorrad und habe blitzschnell gerechnet, wie viel ich dafür im Westen arbeiten muss. Unsere Schicht dauerte von 23 bis sieben Uhr morgens, wir waren rund acht Mann, und als Gerüchte aufkamen, die wollen die Grenze wieder zumachen, haben wir gedacht, wir müssen schnell rüber – mit meinem Schwiegervater, der stand noch unter der Dusche! Wir sind zur Oberbaumbrücke. Und unser Rolleur meinte, da hinten ist die U-Bahn Schlesisches Tor, die fährt direkt zum Breitscheidplatz, die U1, und dann haben wir da die freudestrahlenden Gespräche in der U-Bahn gehört. Von den 100 DM habe ich mir Streifen-T-Shirts gekauft, wie man sie damals hatte, dann um 17 Uhr nach Hause, bisschen gepennt und um 22 Uhr die Pferde satteln für die nächste Schicht. Man musste ja seinen Parteiauftrag erfüllen (Gelächter). Es war der schönste Tag meines Lebens. Ein geteiltes Volk kommt wieder zusammen und hat sich nicht die Köpfe eingeschlagen.“

Ute Novieku ist Berlinerin in vierter Generation, stammt aus einer multikulturellen Familie und wurde an der Freien Universität Berlin in Psychologie promoviert. Mit der Geschichte und Gegenwart ihrer Herzensstadt beschäftigt sie sich in Texten und auch Zeichnungen, besonders mit der Zeit und den kollektiven und individuellen Folgen des Nationalsozialismus bis in die Gegenwart.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit
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