Das wichtigste Gerät im Blaubeer-Geschäft von Paveena Takkula steht nicht im Wald. Es steht in ihrer Küche und ist ein Staubsauger.
Damit zieht sie Blätter, Nadeln und Zweige aus der Tagesernte. Einen Eimer Blaubeeren hat sie so in etwa zehn Minuten sauber, bei Preiselbeeren dauert es länger. Gepflückt wird mit einem Beerenrechen, den der Onkel ihres Mannes gebaut hat.
Die Anlage rechnet sich. Zehntausende Euro im Jahr kommen dabei zusammen, sagt Takkula der finnischen Zeitschrift Kotiliesi. Davon haben sie und ihr Mann ein Haus in Thailand gekauft und renoviert, ihr Haus in Finnland vergrößert und ein Auto angeschafft.
16 Eimer sind ihr Minimum
Takkula lebt in Tuusula nördlich von Helsinki und sammelt seit rund zwanzig Jahren. Sie fährt früh los, noch bevor ihr Mann wach wird.
„Ich sammle immer mindestens 16 Eimer am Tag, manchmal sind es sogar 24“, sagt sie. „Manchmal mag ich gar nicht nach Hause gehen, weil ich einfach weiterpflücken will.“
Die Mythen der Pflücker-Szene lässt sie an sich abperlen. Es heiße ja oft, dieses Jahr gebe es kaum Blaubeeren, sagt sie – am Ende komme sie trotzdem auf ungefähr dieselbe Menge.
Was ein Eimer einbringt
Einen Preis nennt Takkula nicht. Der finnische Markt gibt aber eine Größenordnung her.
Ein Liter Blaubeeren wiegt rund 700 Gramm. Wer an Großabnehmer verkauft, bekommt seit Jahren um die zwei Euro je Kilo. Wer wie Takkula eine eigene Kundschaft hat, ruft deutlich mehr auf. Auf dem Markt in Kajaani kostete der Liter in diesem Sommer acht Euro, im Vorjahr waren es fünf.
Man sollte die Angaben trotzdem nicht hochrechnen. Im selben Interview ist einmal von fast 20 Eimern täglich über drei Monate die Rede, an anderer Stelle von mehreren Hundert Eimern pro Saison. Beides passt nicht zusammen.
Wilde Heidelbeeren im Wald: In Finnland darf jeder sie sammeln, in Deutschland gilt die Handstraußregel. (Symbolbild)
© Imago
300 Stammkunden, darunter finnische Promis
Fast alles, was Takkula aus dem Wald holt, geht in den Verkauf. Ihre Abnehmer kennt sie zum Teil seit zwei Jahrzehnten, vor fünf Jahren habe man 300 gezählt. Auch einige Prominente aus Finnland gehören dazu.
Neben Blaubeeren sammelt sie Preiselbeeren, Pfifferlinge und Herbsttrompeten.
Warum das Finanzamt leer ausgeht
Hier wird es für deutsche Nebenerwerbsträumer interessant.
In Finnland gilt das Jedermannsrecht. Beeren und Pilze darf dort jeder im Wald sammeln, ohne den Grundbesitzer zu fragen und ohne ihn zu bezahlen. Wer die Ausbeute anschließend verkauft, ist davon nicht ausgenommen.
Dazu kommt Paragraf 89 des finnischen Einkommensteuergesetzes. Danach ist Geld, das ein Sammler für selbst gepflückte Wildbeeren, Pilze oder Zapfen bekommt, keine steuerpflichtige Einnahme. Die Steuerverwaltung legt die Ausnahme eng aus, aber sie steht im Gesetz.
Der Beerenkorb ist in Finnland ein legaler Bargeldautomat.
Warum Wildbeeren in diesem Sommer teurer werden
Takkulas Timing ist gut. Den größten Teil der Beeren für den kommerziellen Handel haben in Finnland zuletzt ausländische Saisonpflücker gesammelt. In diesem Sommer fehlen sie fast vollständig, weil ein Großteil der Visumanträge abgelehnt wurde.
Weniger Ware im Handel, steigende Preise am Marktstand: Die private Kundschaft der Selbstvermarkter wird eher größer.
Blaubeeren sammeln in Deutschland: Was erlaubt ist
Hierzulande sieht die Rechtslage anders aus. Paragraf 39 des Bundesnaturschutzgesetzes erlaubt es, wild wachsende Waldfrüchte in ortsüblichem Umfang für den eigenen Gebrauch mitzunehmen. Bei Beeren wird das üblicherweise als Schüsselchen ausgelegt, nicht als Eimer.
Wer gewerblich sammeln will, braucht die Genehmigung der unteren Naturschutzbehörde und die Zustimmung des Grundstücksberechtigten. In Naturschutzgebieten und Nationalparks ist das Pflücken oft komplett untersagt.
Auch der Beerenkamm ist heikel. Mehrere Behörden werten das Abkämmen nicht als pflegliche Entnahme, weil dabei Blätter, unreife Früchte und Kleintiere mitgerissen werden. Ein Bußgeld ist möglich. Bundesweit einheitlich geregelt ist das nicht. Wer sichergehen will, lässt das Gerät zu Hause.
Bequemer ist ohnehin die Plantage. Viele Obsthöfe öffnen ihre Felder im Sommer für Selbstpflücker, der Kilopreis liegt je nach Region meist zwischen fünf und neun Euro.
Geschmacklich und gesundheitlich hat allerdings die kleine Waldheidelbeere die Nase vorn. Sie ist durchgefärbt und enthält mehr Anthocyane, jene blauen Pflanzenfarbstoffe, die als Antioxidantien gelten.
Wer hier mit dem Beerenkamm losziehen will, sollte trotzdem wissen: Aus dem finnischen Wald kommt man mit einem Haus in Thailand zurück, aus dem deutschen womöglich mit einem Bußgeldbescheid.
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