Gegen längst erwiesene historische Tatsachen erfindet Melnik alternative Fakten, die er dieser Tage in einem Interview preisgab: Demnach gebe es „keine Belege“, dass sich unter deutscher Besatzungsherrschaft Zehntausende Bandera-Leute an der Ermordung der Juden beteiligt hätten. Immerhin: Erstmals reagierte die ukrainische Regierung nervös und distanzierte sich.
Fakten und Melnyks Alternativen
Die außerhalb des Melnyk-Kopfes existierenden Fakten und Belege besagen: Stepan Bandera war in der Zeit des deutschen Vormarsches auf die Sowjetunion, der Okkupation Polens und der Ukraine der exponierte Führer des radikalen Flügels der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN). OUN-Mitglieder bereiteten den Vormarsch der Wehrmacht vor und planten die Errichtung ihres eigenen faschistischen Kollaborationsstaates. Bandera sagte, für dieses Ziel müssten „nicht nur Hunderte, sondern Tausende Menschenleben geopfert werden“. OUN-Leute steuerten die nationalistischen westukrainischen Partisanen, die 1943 ethnische Säuberungen ins Werk setzten, bei denen Zehntausende polnische Zivilisten bestialisch ermordet wurden.
Auch die Ermordung von 90 Prozent aller westukrainischen Juden, Hunderttausenden Menschen, wäre ohne die OUN schwer möglich gewesen – sie schickte ihre Mitglieder zur bewaffneten Ukrainischen Hilfspolizei, die mehr als 200.000 Mitglieder zählte; mindestens 40.000 beteiligten sich unmittelbar an der Erschießung von Juden.
Hitlers Ehrenhäftling in Sachsenhausen
Zwischen 1941 und 1944 saß Stepan Bandera im Konzentrationslager Sachsenhausen, aber nicht als Widerständler, wie Melnyk insinuiert, sondern als „Ehrenhäftling“ Adolf Hitlers. Er war aus dem Verkehr gezogen worden, weil die Gründung eines ukrainischen Satellitenstaates nicht in die nationalsozialistischen Kolonialpläne für den „Ostraum“ passten.
Aber Melnyk lässt auf seinen „Freiheitshelden“ nichts kommen. Für seine erhellenden Worte und den Blick in seine Gedankenwelt sei gedankt: Für einen Moment glitt der Vorhang beiseite, der seit Kriegsausbruch das Agieren politischer Kräfte im Inneren der Ukraine verdeckt. Wer zieht da welche Strippen? Wer verfolgt welche Interessen? Was treiben die Oligarchen? Ist der rechte Sektor zur Hölle gefahren?
Melnyk ist der falsche Mann
Man weiß es nicht – und es gibt ja tatsächlich Wichtigeres, nämlich das Überleben der Nation zu sichern. So lange soll die Außenwelt sehen, wie entschlossen sich die Ukraine gegen den russischen Überfall verteidigt. Die Welt soll Waffen liefern und ansonsten den Mund halten. Wer sich nicht daran hält, wie jüngst einige westliche Intellektuelle, den beleidigt Melnyk als „pseudo-intellektuelle Loser“, die sich mit ihren „defätistischen Ratschlägen zum Teufel scheren sollen“.
Gut, dass der Repräsentant der Ukraine an solche Facetten seines Landes erinnert. Wo nörgelnde Intellektuelle solche Behandlung erfahren, herrscht keine Liberalität. Jüngst bestritt Außenminister Dmytro Kuleba, dass die Ukraine ein Problem mit Korruption habe. Auch das ein alternativer Fakt.
Der Weg der Ukraine in die EU ist noch weit. Melnyk ist dafür der falsche Mann.
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