Erinnerungskultur

Stoschek, Quandt, Flick: Wie sich deutsche Dynastien von NS-Schuld reinwaschen

Deutsche Erinnerungskultur wird überall gelobt. Doch viele der Nazi-Erben von heute verdecken oder beschönigen die Vergangenheit ihrer Familien. Eine Analyse.

David de Jong
13 Min

Das Rückgrat der deutschen Wirtschaft ist die Autoindustrie. Sie macht nicht nur etwa zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Marken wie Porsche, Mercedes, BMW und VW gelten weltweit als Symbole für deutschen Erfindungsreichtum. Diese Unternehmen geben Millionenbeträge für Branding aus, um sicherzustellen, dass sie so wahrgenommen werden. Weniger Geld und Energie hingegen wird dafür aufgewendet, über die eigene Geschichte zu sprechen.

Dabei können genannte Unternehmen ihren wirtschaftlichen Erfolg direkt auf die Nazis zurückführen: Ferdinand Porsche etwa überredete Hitler, den Volkswagen in Produktion zu geben. Sein Sohn Ferry Porsche, der die Sportwagenfirma aufbaute, war freiwillig SS-Offizier. Herbert Quandt, der BMW zu dem machte, was es heute ist, und sein Vater Günther waren in Kriegsverbrechen verwickelt. Ebenso Friedrich Flick, der später Daimler-Benz kontrollierte. Im Gegensatz zu den Quandts wurde Flick in Nürnberg verurteilt.

In Deutschland ist dieser Nachlass heute zwar kein Geheimnis, wird dennoch aber gern ignoriert. Diese Titanen der Industrie, die eine zentrale Rolle beim Aufbau des sogenannten „Wirtschaftswunders“ spielten, werden für ihren Geschäftssinn, wenn nicht sogar für ihre Taten während des Krieges, noch immer gefeiert. Ihre Namen zieren Gebäude, Stiftungen und Journalistenpreise. In einem Land, das so oft für seine Erinnerungskultur gelobt wird, bleibt eine transparente Anerkennung der Kriegsaktivitäten einiger der reichsten Familien Deutschlands bestenfalls ein nachträglicher Gedanke. Solange diese Unternehmen – und Deutschland – nicht offener mit der eigenen Nazi-Vergangenheit umgehen, wird die Aufarbeitung unvollständig bleiben.

Ich berichte seit einem knappen Jahrzehnt über diese Familien. Zunächst als Reporter für Bloomberg News, dann in Form eines Buchs über deutsche Unternehmerdynastien und deren Nazivergangenheit. Ich habe Hunderte historischer Dokumente und Studien sowie zahlreiche Memoiren durchforstet. Ich habe mit Historikern gesprochen und Archive in ganz Deutschland besucht. Und ich war schockiert über das, was ich herausfand.

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Die Quandts können sich sagen, sie hätten nichts gewusst

Nehmen Sie die Quandts. Heute verfügen zwei der Erben der Quandt-Familie über ein Nettovermögen von mehr als 35 Milliarden Euro. Sie kontrollieren BMW, Mini und Rolls-Royce und haben bedeutende Beteiligungen in der Chemie- und Technologiebranche. Die Patriarchen der Familie, Günther Quandt und sein Sohn Herbert, waren Mitglieder der Nazipartei. In ihren Fabriken, die unter anderem Waffen herstellten, wurden bis zu 57.500 Menschen in Zwangsarbeit ausgebeutet.

Günther Quandt erwarb Unternehmen von Juden, die gezwungen waren, ihre Betriebe unter Marktwert zu verkaufen – sowie von anderen, deren Eigentum nach der Besetzung ihrer Länder durch Deutschland beschlagnahmt wurde. Herbert Quandt war an mindestens zwei jener dubiosen Akquisitionen beteiligt und beaufsichtigte zudem die Planung, den Bau und die Demontage eines unvollendeten KZ-Außenlagers im damals besetzten Polen.

Nach Kriegsende wurden die Quandts in einem fehlerhaften juristischen Verfahren im Nachkriegsdeutschland „entnazifiziert“ – ein Verfahren, bei dem die meisten Nazi-Täter unbeschadet davonkamen. 1960, fünf Jahre nachdem er ein Vermögen von seinem Vater geerbt hatte, rettete Herbert Quandt BMW vor dem Bankrott. Heute sind zwei seiner Kinder, Stefan Quandt und Susanne Klatten, die reichste Familie Deutschlands. Sie kontrollieren fast mehrheitlich die BMW Group. Die Geschwister verwalten ihr Vermögen in Bad Homburg – von einem Gebäude aus, das nach ihrem Großvater benannt ist.

Die Quandts können sich heute nicht darauf berufen, nichts von den Taten ihres Vaters und Großvaters gewusst zu haben. Die oben genannten Informationen entstammen einer 2011 veröffentlichten Studie, die von der Quandt-Dynastie in Auftrag gegeben wurde, nachdem eine kritische TV-Doku 2007 einige der Verstrickungen der Familie ins Dritte Reich aufgedeckt hatte. Trotz der Beauftragung der Studie, die von Joachim Scholtyseck und seinem Team durchgeführt wurde, scheinen die BMW-Erben es vorzuziehen, so zu tun, als ob sie nichts gelernt hätten.

Automobilingenieur und Konstrukteur Ferdinand Porsche (1875–1951) überreicht Adolf Hitler ein Modellauto während der Feierlichkeiten zu dessen 50. Geburtstag. Fotografiert von Hugo Jaeger. Datiert 1939.

Automobilingenieur und Konstrukteur Ferdinand Porsche (1875–1951) überreicht Adolf Hitler ein Modellauto während der Feierlichkeiten zu dessen 50. Geburtstag. Fotografiert von Hugo Jaeger. Datiert 1939.

© Imago

Die Biografie von Herbert Quandt wurde lange verschwiegen

In seinem einzigen Interview zu den Ergebnissen der Studie bezeichnete Stefan Quandt die Distanzierung der Familie von seinem Vater und Großvater als notwendig, aber als „riesigen und schmerzhaften“ Zwiespalt. Dennoch steht Günther Quandts Name weiter auf dem Firmensitz.

Stefan Quandt verleiht jährlich den nach seinem Vater benannten Journalistenpreis. Er glaube, ließ er wissen, das „Lebenswerk“ seines Vaters rechtfertige das. Im Interview gab er an, die wichtigsten Ziele der Familie bei der Beauftragung der Studie seien „Offenheit und Transparenz“. Auf der Website des Herbert-Quandt-Medienpreises war jedoch noch ein Jahrzehnt lang eine Biografie des Namensgebers zu finden, die über dessen Aktivitäten während der NS-Zeit nichts verriet – außer dass er 1940 in den Vorstand der väterlichen Batteriefirma eintrat. Auch die Ergebnisse von Scholtysecks Studie wurden nicht erwähnt.

Das änderte sich erst Ende Oktober 2021, mehr als ein Jahrzehnt nach Erstellung der Studie, aber nur wenige Monate, nachdem ich die Familie dazu befragt hatte. Heute wird in einer erweiterten Biografie auf der Website des Medienpreises ein Teil der Ergebnisse der Studie erwähnt: etwa die Verantwortung Herbert Quandts für die Personalbesetzung von Batteriefabriken in Berlin, wo Tausende Zwangsarbeiter ausgebeutet wurden. Die Website des Journalistenpreises verschweigt jedoch Quandts Beteiligung am Projekt der Außen-Konzentrationslager, den Einsatz von Kriegsgefangenen in seinem Privatanwesen sowie seine Hilfestellung beim Erwerb von jüdischen Unternehmen.

2016 wurde der karitative Arm von BMW unter dem Namen BMW Stiftung Herbert Quandt zusammengefasst. Sie ist nun eine globale Wohltätigkeitsorganisation mit einem Vermögen von rund 150 Millionen US-Dollar, die Nachhaltigkeitsziele und Impact Investing unterstützt. Sie steht unter dem Motto: „Förderung und Inspiration für verantwortungsvolle Führung“. Stefan Quandt und Susanne Klatten gehören zu den Gründungsstiftern. Im Jubiläumsbuch der Stiftung vom Dezember 2020 heißt es: „Verantwortungsvolle Führung bedeutet, sich stets bewusst zu sein, welche Auswirkungen die eigenen Entscheidungen auf das Leben anderer haben. Herbert Quandt ist ein hervorragendes Beispiel dafür.“

David de Jong

David de Jong

David de Jong ist Journalist, Nahost-Korrespondent und Autor des Buchs „Braunes Erbe: Die dunkle Geschichte der reichsten deutschen Unternehmerdynastien“ (Kiepenheuer und Witsch, Mai 2022), von dem der vorliegende Essay adaptiert wurde.

Quandt und BMW sind mit ihrem Revisionismus nicht allein

Mehr als sechs Jahre lang bestand Herbert Quandts Biografie – glaubt man der Website der Stiftung – aus nur einer einzigen Tat: Er „sicherte die Unabhängigkeit“ von BMW. Erst jüngst, am 28. Juni 2022, veröffentlichte die Stiftung auf ihrer Website eine erweiterte Biografie von Herbert Quandt und bekannte sich erstmals öffentlich zu einem Teil der Verbrechen, die ihr Namensgeber in der NS-Zeit begangen hatte. Diese Änderung erfolgte erst, nachdem die BMW Stiftung mit verärgerten Stiftungsmitgliedern aus aller Welt konfrontiert wurde, die sich in Bezug auf Quandts Nazi-Vergangenheit belogen fühlten. Doch so wie die Website des Medienpreises verschweigt auch die Stiftung weiterhin immer noch die Mehrheit von Quandts NS-Verbrechen.

BMW und seine Hauptaktionäre Stefan Quandt und Susanne Klatten sind mit ihrem Revisionismus nicht allein. 2019 kündigte die Ferry-Porsche-Stiftung an, dass sie die erste Professur für Unternehmensgeschichte in Deutschland an der Universität Stuttgart stiften werde. Das Unternehmen Porsche hatte die Stiftung 2018 gegründet. „Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ist eine permanente Aufgabe“, schrieb der Stiftungsvorsitzende in einer Erklärung. „Die Ferry-Porsche-Stiftung möchte genau diese kritische Reflektion unterstützen, denn: Zukunft braucht Herkunft.“ Er fügte hinzu, die Finanzierung des Lehrstuhls sei „eine Einladung vor allem an Familienunternehmen, sich noch intensiver und unvoreingenommen mit ihrer Historie, den Erkenntnissen daraus und möglichen Konsequenzen zu befassen“.

Dies hätte auch näher an seinem Wohnort beginnen können. Die Stiftung ist nach einem Mann benannt, der sich 1938 freiwillig bei der SS meldete, 1941 als Offizier aufgenommen wurde und den Rest seines Lebens darüber log. Porsche war die meiste Zeit des Kriegs damit beschäftigt, die Firma in Stuttgart zu leiten, wo sie Hunderte von Zwangsarbeitern ausbeutete. Als Geschäftsführer von Porsche umgab er sich in den Nachkriegsjahrzehnten mit ehemals hochrangigen SS-Offizieren.

Der Porsche-Piëch-Clan ist involviert

In seiner Autobiografie von 1976 findet sich eine verdrehte historische Darstellung Porsches voller antisemitischer Äußerungen über den jüdischen Porsche-Mitgründer Adolf Rosenberger. Porsche beschuldigt Rosenberger darin sogar der Erpressung. In Wahrheit erhielt Ferry Porsche 1935 die Firmenanteile von Rosenberger, nachdem sein Vater Ferdinand Porsche und sein Schwager Anton Piëch den Mitbegründer aus dem Unternehmen herausgekauft und weit unter Marktwert für seine Anteile bezahlt hatten.

Heute stiftet Porsche nicht nur Lehrstühle und baut Sportwagen. Zusammen mit ihren Cousins, den Piëchs, kontrollieren die Porsches auch den Volkswagen-Konzern, zu dem Audi, Bentley, Lamborghini, Seat, Skoda und Volkswagen gehören. Das Gesamtvermögen des Porsche-Piëch-Clans wird auf rund 18 Milliarden Euro geschätzt. Sie bereiten derzeit die Ausgliederung von Porsche aus dem Volkswagen-Konzern und den Börsengang des Sportwagenherstellers vor, der sich zu einem der größten Börsengänge des Jahres 2022 entwickeln dürfte.

Die Porsches haben sich nie öffentlich mit den Aktivitäten ihrer Patriarchen während des Dritten Reiches auseinandergesetzt. Und es war nicht nur Ferry Porsche, der darin verwickelt war: Sein Vater Ferdinand Porsche, der den Volkswagen konstruiert hatte, leitete während des Krieges zusammen mit Anton Piëch das Volkswagenwerk. Dort wurden Zehntausende von Menschen als Zwangsarbeiter für die Massenproduktion von Waffen eingesetzt.

Die Ferry-Porsche-Stiftung hat die Professur an der Universität Stuttgart gestiftet, weil Mitglieder des dortigen Fachbereichs Geschichte 2017 eine vom Unternehmen finanzierte Studie über die Ursprünge des Unternehmens in der NS-Zeit veröffentlichten. Doch die Studie schien einiges auszulassen: Keines der persönlichen Papiere von Rosenberger wurde in die Untersuchung einbezogen. Die Studie stellte auch seinen Aktienverkauf falsch dar. Je mehr ich mich mit ihr beschäftigte, desto mehr begann sie, wie partielle Schönfärberei auszusehen.

Friedrich Flick kontrollierte einen großen Rüstungskonzern

Und dann sind da noch die Flicks. Friedrich Flick kontrollierte während des Dritten Reichs einen der größten Stahl-, Kohle- und Rüstungskonzerne in Deutschland. 1947 wurde er wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. In seinem Nürnberger Prozess wurde er für schuldig befunden, Zwangsarbeit eingesetzt, die SS finanziell unterstützt und ein Stahlwerk geplündert zu haben. Nach seiner vorzeitigen Entlassung 1950 baute er sein Konglomerat wieder auf und wurde Mehrheitsaktionär von Daimler-Benz, dem damals größten deutschen Automobilhersteller. 1985 kaufte die Deutsche Bank das Flick-Konglomerat und machte seine Nachkommen zu Milliardären.

Heute unterhält ein Zweig der Flick-Dynastie mit einem Vermögen von rund 4 Milliarden Euro eine Privatstiftung in Düsseldorf, die nach ihrem Patriarchen benannt ist. Die Stiftung, die einen Sitz im Gremium der Goethe-Universität Frankfurt hat und Gelder für Bildung, Medizin und Kultur, vor allem in Deutschland und Österreich, bereitstellt, ist immer noch nach einem verurteilten Nazi-Kriegsverbrecher benannt, in dessen Fabriken und Bergwerken Zehntausende von Menschen Zwangsarbeit leisten mussten, darunter Tausende von Juden. Schaut man sich jedoch die Website der Stiftung an, erfährt man nichts über die Vergangenheit des Flick-Vermögens.

Wie kann es sein, dass drei der mächtigsten deutschen Unternehmerfamilien, ihre Unternehmen und ihre Wohltätigkeitsorganisationen so wenig im Einklang mit der so gelobten Erinnerungskultur des Landes stehen?

Als ich Jörg Appelhans, den langjährigen Sprecher von Stefan Quandt und Susanne Klatten, nach der Verwendung der Namen ihres Großvaters und ihres Vaters für ihre Firmensitze und den Medienpreis fragte, schickte er mir eine E-Mail, in der es hieß: „Wir glauben nicht, dass die Umbenennung von Straßen, Plätzen oder Institutionen ein verantwortungsvoller Umgang mit historischen Persönlichkeiten ist“, weil dies „eine bewusste Auseinandersetzung mit ihrer Rolle in der Geschichte verhindert und stattdessen deren Vernachlässigung befördert.“

Eine besonders schamlose Verdrehung: Diese Familien zeigen die blutige Geschichte hinter ihrem Vermögen nicht, außer in Auftragsstudien in dichtem Akademiker-Deutsch, deren Ergebnisse sie bei der Beschreibung ihrer Familiengeschichte letztlich weglassen. Sie gehen nicht mal ehrlich mit ihnen um. Im Gegenteil: Sie gedenken ihrer Patriarchen, ohne deren Aktivitäten in der Nazizeit zu erwähnen.

Erinnerungskultur ist zentral für die Deutschen

Auf meine Frage, warum es auf der Website der gleichnamigen Stiftung keine Biografie von Ferry Porsche gebe, antwortete Sebastian Rudolph, der Vorsitzende der Stiftung, man prüfe, inwieweit dies auch auf der Stiftungswebsite dargestellt werden sollte, und fügte hinzu, dass „wir das Lebenswerk von Ferry Porsche differenziert betrachten“.

Die Erinnerungskultur ist seit Jahrzehnten ein zentraler Bestandteil der deutschen Gesellschaft. Gedenkstätten sind überall. In Cafés von Berlin bis Frankfurt und von Hamburg bis München finden täglich Gespräche über kollektive Schuld und Sühne statt. Sie sind nachdenklich, differenziert und, vor allem, bewusst.

Wundersamerweise geht diese Bewegung hin zur „Vergangenheitsbewältigung“ an vielen der verehrtesten deutschen Großindustriellen – und ihrer dunklen Geschichte – vorbei. Je mehr Zeit ich damit verbrachte, mich über diese Wirtschaftsdynastien, ihre belastete Vergangenheit, ihr Vermögen und ihre Unternehmen zu informieren, sowie über ihren Wunsch, die Verstrickung ihrer Patriarchen mit dem Dritten Reich zu vertuschen, desto mehr begann ich zu bezweifeln, wie tief und aufrichtig diese Erinnerungskultur in Deutschland tatsächlich ist.

Die Kunstsammlerin Julia Stoschek gerät in die Kritik

In den letzten Wochen wurde nun auch die milliardenschwere Kunstsammlerin Julia Stoschek zunehmend dafür kritisiert, dass sie, ihre Familie sowie ihr Coburger Automobilkonzern Brose – einer der größten Autozulieferer der Welt – das Nazi-Erbe ihres Familienpatriarchen Max Brose beschönigen.

Der Firma Brose hat ein Buch bei einem Historiker in Auftrag gegeben, das wegen des Fehlens von Fußnoten und einer eher rosigen Darstellung von Brose während der NS-Zeit in die Kritik geraten ist. Der entsprechende Historiker, Gregor Schöllgen, schrieb auch ein anderweitig kritisiertes unwissenschaftliches Buch über Gustav Schickedanz – Gründer des Versandhauses Quelle, der ebenfalls NSDAP-Mitglied und NS-Profiteur war. In aktuellen Interviews verteidigt Stoschek das Erbe ihres Urgroßvaters, der Waffen für die Wehrmacht produzierte und Hunderte Zwangsarbeiter in der Firma Brose ausbeutete, etwa mit dem Hinweis, er sei „kein Naziaktivist“ gewesen. Sie steht zu Schöllgens Buch.

Die Autoindustrie ist ein typisch deutscher Bereich, der nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für die Identität des Landes von zentraler Bedeutung ist. Wäre eine Ablehnung der Großindustriellen eine Verleugnung nationaler Identität? Müssen diese Männer verteidigt werden, weil sie nach wie vor starke Symbole für Deutschlands wirtschaftliche Stärke sind? Ist es in Deutschland noch immer wichtiger, geschäftliche Erfolge zu feiern als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu benennen? Oder ist die Antwort in Wirklichkeit einfacher: Ist das Land schlicht einigen Milliardären und ihren globalen Unternehmen verpflichtet, denen es wichtiger ist, ihren Ruf – sowie ihr Vermögen – zu schützen, anstatt sich der Vergangenheit zu stellen?

Am Abend des 22. Juni 2022 wurde in Hamburg einer der renommiertesten deutschen Journalistenpreise verliehen, seit diesem Jahr unter dem Namen „Stern-Preis“. Normalerweise wird die Auszeichnung als „Nannen-Preis“ vergeben, benannt nach Henri Nannen, dem legendären, 1996 verstorbenen Chefredakteur des Stern. Wenige Tage vor der Preisverleihung hatten sich Gruner+Jahr wegen dessen Nazi-Vergangenheit von Nannen distanziert und angekündigt, dass der Preis bis zur neuen Namensfindung als „Stern-Preis“ vergeben werde. Rund 500 Kilometer südlich, im Kempinski Hotel Frankfurt Gravenbruch, wurde am selben Abend wie jedes Jahr seit 1986 der Herbert-Quandt-Medienpreis an mehrere Journalisten verliehen.

Am Vortag hatte Tanit Koch, ehemals Chefredakteurin der Bild-Zeitung und Jurymitglied des Herbert-Quandt-Medienpreises, noch ihre Empörung über den Antisemitismus auf der Documenta in die Welt getwittert. Am nächsten Abend half sie Deutschlands reichstem Erben, einen Journalistenpreis im Namen seines Nazi-Kriegsverbrechervaters zu verleihen.

Dieser Beitrag erschien in kürzerer Form erstmals im April 2022 in der New York Times. Übersetzt von Hanno Hauenstein.


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