Es läuft ein Countdown für die Gaskrise neuen Ausmaßes. Am 11. Juli geht die Gaspipeline Nord Stream 1 in die jährliche Wartung und wird vorerst bis 21. Juli kein russisches Gas nach Deutschland liefern. Und danach?
Wenn man bedenkt, dass der Anteil russischer Gaslieferungen in Deutschland im letzten Jahr bei 55 Prozent lag, dann würde mit einem kompletten Gasstopp aus Russland eine enorme Menge ausfallen, die bisher nicht vollständig mit Alternativen wie Flüssiggas ersetzt werden kann. Und: Weder die Bundesnetzagentur unter der Leitung von Klaus Müller noch das Wirtschaftsministerium von Robert Habeck (beide Grüne) wissen, ob das Gas nach der Wartung der Pipeline wieder fließen wird.
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Falls nicht, könnte die Notfallstufe nach dem Notfallplan Gas ausgerufen werden. Das heißt, die Bundesnetzagentur würde dann entscheiden, wer knappes Gas bekommt und wer nicht. Private Haushalte, kleine und mittlere Unternehmen aus den Sektoren Gewerbe, Handel, Dienstleistungen sowie soziale Dienste hätten dann Vorrang, weil sie gesetzlich geschützt werden. Die Industrie dagegen würde leiden – und mit ihr Tausende Arbeitsplätze. Bei einigen Produkten bzw. Erzeugnissen könnte es im schlimmsten Fall knapp werden. Im besten Fall würden sich die Produkte noch weiter verteuern.
Ammoniak als Rohstoff, Düngemittel und Medikamente als Fertigprodukte
Da keine andere Branche so viel Gas braucht wie die Chemieindustrie, könnten Deutschlands über 2000 chemisch-pharmazeutische Unternehmen deutlich weniger Ammoniak produzieren. Gas dient häufig nicht nur als Energieträger, sondern auch als Rohstoff für Produkte wie Ammoniak, aus denen dann wiederum andere Stoffe hergestellt werden.
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Derzeit produziert Deutschland noch 2,5 Millionen Tonnen Ammoniak jährlich, und zwar mithilfe von Gas und Wasserstoff. Der größte Teil des hergestellten Ammoniaks wird zu Düngemitteln für die Landwirtschaft weiterverarbeitet. Der Rest wird zur Produktion von Kunststoffen und Synthetikfasern sowie medizinischer Produkte eingesetzt. Ohne russisches Gas ließen sich Düngemittel in Deutschland kaum produzieren, sagte der Vorsitzende des Fachbereichs Pflanzenernährung im Industrieverband Agrar (IVA), Marco Fleischmann, dazu im Mai.
Acetylen als Rohstoff, Kunststoffe als Fertigprodukte
Dass die deutsche Chemieindustrie Erdgas nicht so schnell ersetzen kann, zeigten bereits die Appelle des Konzerns BASF Ende April. Damals ging der Konzern noch für den Extremfall davon aus, die Produktion in Ludwigshafen mit rund 39.000 Mitarbeitenden komplett einstellen zu müssen, sagte der Firmenchef Martin Brudermüller damals auf der virtuellen Hauptversammlung. Der Konzern hat seitdem nach eigenen Angaben die Umstellung auf erneuerbare Energiequellen aber beschleunigt. Mittlerweile rechnen die BASF-Verantwortlichen nur noch damit, im schlimmsten Fall die Produktion von Basis-Chemikalien und Folgeprodukten drosseln zu müssen.
Bisher produziert BASF im Werk in Ludwigshafen mithilfe von Gas unter anderem Acetylen, das ebenfalls ein Grundstoff für Kunststoffe, Lösungsmittel, Arzneimittel, medizinische Produkte wie Desinfektions- oder Reinigungsmittel und Elektrochemikalien ist.
Baumaterialien wie Metall, Zement oder Glas
Der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der chemischen Industrie (VCI), Wolfgang Große Entrup, warnte dagegen bereits im März vor tiefen Produktioneeinschitten im Fall eines russischen Gasembargos. Neben der Landwirtschaft wären dann nach seiner Einschätzung auch die Branchen wie Ernährung, Automobil, Kosmetik und Hygiene, Bauwesen, Verpackung, Pharma oder Elektronik von einer Unterbrechung ihrer Lieferketten betroffen.
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Denn diese Branchen setzen Erdgas nicht nur zum Schmelzen, Glühen, Härten, Verformen, Trocknen und Einbrennen ein, sondern auch in der Produktion von Metall-, Zement-, Glas- und Keramikprodukten sowie für Lebensmittel und in der Textilherstellung.
All diese Produkte könnten bei einem totalen Ausfall von russischem Gas noch teurer werden, einige davon sogar kurzfristig fehlen. Baumaterialien wie Flachglas oder Furnierholz seien schon jetzt im Durchschnitt rund 50 Prozent teurer, sagte die Chefin des Verbands Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen, Maren Kern, auf der Jahreskonferenz der sozialen Wohnungswirtschaft.
Und was ist mit dem Bier?
Auch der Chef von Veltins, einer der größten privaten Brauereien, Michael Huber, sagte kürzlich in einem „Handelsblatt“-Interview, dass das Bierbrauen gerade so teuer sei wie noch nie. „Wenn das russische Gas ausbleibt, hätten wir ein riesiges Problem: ohne Gas kein Bier“, so Huber. Das liegt daran, dass die Sudhäuser überwiegend mit Gas betrieben werden. Anfang Juni hatten auch bayerische Unternehmen vor den Folgen eines Gas-Embargos gewarnt.
Man würde sich im Fall eines Gasembargos der eigenen Stärke berauben, nämlich der industriellen Basis, und in eine Rezession rutschen, klagte Norbert Peine, der stellvertretende Vorsitzende der Bezirksgruppe München-Oberbayern bei der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. Ein kompletter Stopp der Gas-Lieferungen aus Russland käme einem Gas-Embargo gleich, und die Rezession würde kleinere Produktionsmengen nach sich ziehen.
Der Betreiber der Gaspipeline Nord Stream 1 mit Sitz in der Schweiz, die Nord Stream 1 AG, hat bisher nicht auf die Nachfrage der Berliner Zeitung nach den Befürchtungen eines kompletten Gasstopps reagiert. Auch der russische Staatskonzern Gazprom hat auf keine Anfragen geantwortet.
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