Eine Freundin sagte neulich zu ihr: Das Leben ist eine Baustelle. Da haben beide gelacht. So erzählt es Manuela T., als wir uns treffen. Ein flapsiger Spruch voller Sarkasmus sei das gewesen. „Die Sorgen sind gewachsen, alles ist derzeit im Fluss und ändert sich.“
Es ist Nachmittag, die Sonne scheint. Menschen flanieren über eine Einkaufsstraße in Hellersdorf. Die Cafés sind voll. Manuela T., die anonym bleiben möchte, hat einen Platz im Schatten ergattert.
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Es ist ihre Mittagspause, sie trinkt einen Milchkaffee, dazu hat sie ein Croissant bestellt. Vor ihr liegt eine braune Tasche, sie kramt nach den Unterlagen. Am Abend zuvor hat sie alles zusammengerechnet: wie viel sie verdient, wie hoch ihre Miete ist und was sie und ihr Mann sonst noch für Ausgaben haben. „Mir ist dabei schlagartig bewusst geworden, dass kaum etwas übrigbleibt. Ich bin glücklicherweise nicht alleinstehend.“
Erst die Pandemie, die Kurzarbeit, in die Manuela T. fast zwei Jahre lang geschickt wurde, jetzt die steigenden Preise auch wegen des Krieges in der Ukraine – für sie fühlt es sich so oft an, als stehe sie wieder am Anfang. „Es ist so, als wäre ich beim Monopoly-Spiel wieder auf Start geschickt worden. Als wäre ich 25 Jahre zurückgefallen, in die 90er-Jahre, als mein Mann und ich nur gearbeitet haben, um unseren Kindern ein schönes Leben zu ermöglichen. Doch heute, mit 47, fällt es mir schwer, wieder Angst um die Zukunft zu haben.“
Die Berlinerin ist seit 27 Jahren berufstätig
Manuela T. ist seit 27 Jahren berufstätig. Sie hat zwei erwachsene Kinder und einen Enkel. „Ich bin sehr jung Mutter geworden. Das war immer unser Traum. Und eigentlich haben mein Mann und ich alles erreicht, was wir wollten“, sagt sie. Doch seit Wochen höre sie nur noch, dass das Leben teurer wird, dass der Krieg in der Ukraine schwere Folgen hat – und dass sie dafür bezahlen soll.
So kommt das bei ihr an, und das drückt ihre Stimmung. Manchmal stellt sie die Nachrichten einfach ab, manchmal sitzt sie vor dem Fernseher und schüttelt den Kopf. Vor Kurzem sah sie Wirtschaftsminister Robert Habeck in einer Talkshow. Wie ein geschundener Mann habe er ausgesehen, als er sagte, der Himmel werde immer düsterer.
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Auch Markus Lanz, der Moderator, sei im Gespräch mit dem Minister immer unruhiger geworden. „Er sagte zu Habeck, in drei Monaten werden Menschen ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können.“ Der Grünen-Politiker habe dann noch einen draufgesetzt. Im Herbst komme noch mehr auf die Verbraucher zu als bisher angenommen. Weitere Preiserhöhungen im vierstelligen Bereich seien wegen der Gasengpässe „nicht mehr abwendbar“.
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Wir treffen Angestellte, Rentner, Gastronomen und viele mehr, die uns offen darlegen, wie viel sie verdienen und was davon jetzt und künftig noch übrigbleibt. Alle, die uns einen Blick in die Haushaltskasse erlauben, bleiben auf Wunsch anonym.
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Manuela T. zuckt mit den Schultern, sie isst ein Stück vom Croissant: „Diese Betroffenheit seinerseits hat mich irritiert. Als müssten wir wie kleine Kinder darauf vorbereitet werden, dass wir bald unsere Rechnungen nicht mehr zahlen können. Die Politiker sollten besser mal konkret sagen, was sie dagegen unternehmen wollen. Es auszusprechen, ist das eine. Nur was ist die Lösung?“
Die beiden Entlastungspakete jedenfalls kämen kaum beim Bürger an. „Es hat uns doch nichts geholfen. Der Tankrabatt hat die Spritpreise nicht spürbar billiger gemacht, die Einmalzahlung im Herbst von 300 Euro wegen der steigenden Energiekosten wird auch nicht viel helfen.“ Energiesicherheit werde gegen soziale Sicherheit ausgespielt, so sieht sie das.
Manuela T. ist gebürtige Berlinerin. Sie ist Angestellte in einer Boutique, bis sie in Rente geht, dauert es noch 20 Jahre. „Ich mag meinen Job, ich wollte immer Kleider verkaufen, also habe ich nach der Mittleren Reife Einzelhandelskauffrau gelernt“, erzählt sie. Früher arbeitete sie im Westteil der Stadt, der Laden ging in der Corona-Zeit bankrott, die Kurzarbeit, in die sie geschickt worden war, hatte nicht geholfen. „Ich habe nicht lange einen neuen Job suchen müssen“, sagt sie. Nun hat sie wieder eine 40-Stunden-Woche, arbeitet in Hellersdorf. „Ich bin acht Stunden auf den Beinen, das hält fit.“
Ökonomen: Viele haben Angst, mit ihrem Geld nicht mehr auszukommen
Heute hat sie bereits drei Blusen verkauft, eine grüne, eine pinke und eine blaue. „In grauen Zeiten brauchen die Menschen etwas Munteres.“ Sie lächelt. Die Farben dieses Sommers seien kräftig oder pastellig und machten gute Laune. „Mitunter erinnern mich die Teile an die 80er- und 90er-Jahre. Wir sind gefühlt zurückgebeamt in diese Zeit, auch weil wir jetzt wieder jeden Cent umdrehen müssen. Wir leben zum Glück von Stammkunden, sonst würden wir keinen Umsatz mehr machen.“
Es sind die Folgen der Inflation, die derzeit so hoch wie lange nicht mehr ist. Ökonomen sagen, dass die Folgen fatal sein werden. Weil viele Angst haben, mit ihrem Geld nicht auszukommen – und sparen, wo sie können. Wohin das führt, kann man sich ausmalen: zu immer weniger Konsum, zu immer niedrigeren Umsätzen der Handelsunternehmen, zu einer Wirtschaftskrise, die sich weiter verschärft. Fakt ist auch: Viele haben angesichts der steigenden Lebenshaltungskosten nichts mehr zum Ausgeben.
Manuela T. lehnt sich zurück. „Ich freue mich für Menschen, die noch Geld sparen können. Wir knapsen jetzt schon, obwohl wir Doppelverdiener sind. Nicht auszudenken, wenn alles noch teurer wird oder wir auch noch arbeitslos werden sollten.“ Sie schaut auf ihre Notizen und Kontoauszüge, Zahlen reihen sich aneinander.
Berlinerin zahlte gerade 333 Euro für Strom und Gas nach
„Ich verdiene monatlich 2300 Euro brutto“, sagt die Verkäuferin. Davon gehen schon 672,18 Euro ab. Darin enthalten sind 212,75 Euro Lohnsteuer, 182,85 Krankenversicherung und 219, 90 Euro für ihre Rente. Netto bleiben ihr 1627,82 Euro.
Ihr Partner habe mehr als 2000 Euro netto im Monat, sagt sie, er arbeitet in einer Autowerkstatt. „Wir teilen uns die Kosten, anders ginge es auch gar nicht.“
Sie wohnen in einer 80-Quadratmeter-Wohnung im Berliner Bezirk Tiergarten, für die sie monatlich 1000 Euro Miete zahlen. „Wir haben eine Staffelmiete, die Wohnung ist in den vergangenen Jahren immer teurer geworden. Wir haben lange nach einer günstigeren Bleibe gesucht, doch eine zu finden, ist in Berlin gar nicht so einfach.“
Für Strom und Gas überweisen sie monatlich jeweils 85 Euro, zusammen 170 Euro. „Doch die Preise sind so gestiegen, dass wir nächstes Jahr mit einer satten Nachzahlung rechnen müssen.“ Bereits für 2021 musste das Paar für Strom und Gas 333 Euro nachzahlen.
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Die Prognosen bestätigen das. Weil Energie infolge des Ukraine-Kriegs teurer wird, kommen schon in diesem Jahr auf Haushalte in Deutschland Mehrkosten in vierstelliger Höhe zu. Für Einpersonenhaushalte werden Mehrkosten von knapp 1000 Euro bis zu 2700 Euro erwartet. Für Vierpersonenhaushalte könnten es Mehrkosten von 1800 Euro bis zu rund 5000 Euro sein, so Berechnungen des Bundesverbandes deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen. Verbands-Präsident Axel Gedaschko warnt bereits davor „massivem sozialen Sprengstoff“.
„Wenn alles noch teurer wird, müssen wir das Auto verkaufen“, sagt Manuela T. Es ist ein Volvo, der kostet sie 83,33 Euro monatlich. „Alle zwei Wochen tanken wir das Auto voll, dafür zahlen wir inzwischen 100 Euro wegen der hohen Spritpreise. Jetzt schon überlegen wir zweimal, ob wir am Wochenende ins Grüne fahren.“
Verkäuferin: Für Lebensmittel geben wir bis zu 400 Euro aus
Jeweils 50 Euro geben Manuela T. und ihr Partner für ihre Smartphones aus. Haus- und Haftpflichtversicherungen kosten sie 30 Euro im Monat. „Außerdem gebe ich im Monat um die 60 Euro für Drogerieartikel aus, das läppert sich auch. Allein das Toilettenpapier ist um 20 Prozent teurer geworden.“ Alle acht Wochen geht sie zur Maniküre, zahlt dafür 30 Euro. „Ein gepflegtes Aussehen ist in meinem Beruf wichtig. Ich mache aber immer French Manicure, dann sieht man es nicht so schnell, wenn die Farbe rausgewachsen ist.“ Manuela T. ist außerdem Mitglied in einem Fitnessstudio. Das kostet sie 50 Euro.
„Und dann sind da noch die Lebensmittelausgaben. Da müssen wir wirklich gezielt nach Angeboten schauen.“ Derzeit gebe sie dafür im Monat mindestens 250 bis 300 Euro aus, zuletzt waren es oft auch 400 Euro, es sei ja vieles teurer geworden. „Wir essen viel Gemüse und Salate, eventuell noch Fisch und Hähnchen dazu. Beilagen sind meist rote Linsen, Kartoffeln, Hummus, Kartoffeln und Olivenöl.“
Vieles andere hat sie von der Speisekarte gestrichen. Sie sagt: „Mir ist es wichtig, dass wir uns gesund ernähren. Darauf möchte ich nicht verzichten. Glücklicherweise sind wir keine großen Fleischesser, Wurst habe ich auch sehr selten im Kühlschrank.“ 40 Prozent der Deutschen sparen inzwischen bei den Lebensmittelausgaben, hat eine Studie ergeben.
Luxus sei es für sie inzwischen, Essen zu gehen. „Letztens hatte ich Lust auf eine Pizza, doch die kostete 14 Euro, das waren drei Euro mehr als vor ein paar Wochen. Ein Glas Wein sollte 5,80 Euro kosten. Wucher. Ich ließ es sein.“ Und auch beim Klamotten-Kauf spare sie. „Vor zwei Monaten habe ich mir ein neues Kleid gekauft, es war reduziert und kostete 70 Euro. Mehr ist zurzeit nicht drin, glücklicherweise ist mein Kleiderschrank voll.“ Ab und an besuche sie mit ihrem vierjährigen Enkel den Tierpark. „Ich zahle 16 Euro und für ihn kostet es acht Euro, das ist viel Geld.“
Meine Oma hat nur einmal die Woche gebadet, es gab lediglich sonntags ein Stück Fleisch und während der Ölkrise autofreie Sonntage. Damit bin ich aufgewachsen und das wiederholt sich gerade.
Manuela T.
In den Sternen steht, ob sie in diesem Jahr in Urlaub fahren kann. „Darauf sparen wir sonst das ganze Jahr. Im Moment sieht es nicht danach aus, dass es diesmal reicht.“ Sie war zuletzt 2021 im Urlaub, an der türkischen Riviera.
Es sehe nicht rosig aus, sagt sie. „Zurzeit bleiben mir in der Regel 100 Euro im Monat übrig, davon zahle ich wie gesagt einen Tierpark-Besuch oder ich stecke meinen Kindern was zu. Doch was mache ich erst, wenn ich in Rente gehe und um die 800 Euro im Monat habe?“ Sie zuckt mit den Schultern, redet weiter. „Ich mache mir da nichts vor. Wir werden ab dem Herbst noch besser haushalten müssen. So wie damals, als ich klein war und später als junge Frau. Meine Oma hat nur einmal die Woche gebadet, es gab lediglich sonntags ein Stück Fleisch und während der Ölkrise autofreie Sonntage. Das wiederholt sich gerade.“
Hartz-IV-Empfängerin stellt den Herd nach 30 Minuten ab
Neulich las Manuela T. in einem Blog den Bericht einer Hartz-IV-Empfängerin, die ihren Herd am Tag nicht mehr als 30 Minuten lang benutzt und das Wasser zum Duschen nur noch drei Minuten laufen lässt. „Das ist doch unglaublich. Daher auch die düsteren Prognosen aus der Politik, um uns alle darauf vorzubereiten, dass es nicht besser wird. Das war bei Corona auch so.“
Vergangene Woche hat sie beim Bügeln verfolgt, wie sich Olaf Scholz im Bundestag in einem Kreuzverhör schlug. Sie hatte ihren freien Tag. Der Kanzler sprach davon, dass man sich in diesen Zeiten unterhaken müsse und dass die Regierung alles daransetze, die Lage abzumildern. Er hatte Zeit für 15 Fragen der Abgeordneten.
Ich sage, jeder, der unter 2000 Euro verdient, wird es in den kommenden Jahren schwer haben, aber auch andere werden in Zeiten, in denen Geld weniger wert ist, in die Armut rutschen.
Manuela T. über die Folgen der Inflation
Scholz' Antworten haben Manuela T. nicht weitergeholfen. Am Tag danach las sie, dass von der hohen Inflation vor allem die Regierung profitiere. „Warum werden die höheren Steuereinnahmen nicht an uns weitergegeben?“, fragt sie.
Sie trinkt ihren Kaffee aus und packt die Unterlagen wieder ein. „Ich bin niemand, der endlos auf die Politik schimpft, ich mag unsere Demokratie“, sagt sie, aber jetzt müsse was geschehen. „Wir werden eine Spirale der Armut erleben, wenn es keine weiteren Maßnahmen gibt.“ Und das treffe nicht nur Geringverdienende, sondern auch den Mittelstand. „Jeder, der unter 2000 Euro verdient, wird es in den kommenden Jahren schwer haben. Aber auch andere werden in Zeiten, in denen Geld weniger wert ist, in die Armut rutschen.“
Bislang könne der Mittelstand das noch stemmen, bald aber nicht mehr. Und auch der 12-Euro-Mindestlohn werde von der Inflation aufgefressen. „Wir können doch in diesem Land jetzt nicht alles zerstören, was wir uns jahrelang aufgebaut haben“, sagt sie und seufzt.
* Der Name ist der Redaktion bekannt.
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