Seit mehr als zwei Jahrzehnten warten die Länder des Westbalkans auf ihren Beitritt zur Europäischen Union. Nun scheint Brüssel einen neuen Weg zu erwägen, sie näher an die Union heranzuführen, ohne auf die Vollmitgliedschaft zu warten.
Einem Entwurf der Europäischen Kommission zufolge könnten Beitrittskandidaten ein schrittweiser Zugang zum EU-Binnenmarkt sowie die Teilnahme an Forschungs-, Innovations- und Industrieprogrammen angeboten werden, während sie weiter auf die Vollmitgliedschaft hinarbeiten.
Der Vorschlag ähnelt einer Idee, die der serbische Präsident Aleksandar Vučić und der albanische Ministerpräsident Edi Rama Anfang des Jahres vorgelegt hatten. Das bedeutet nicht, dass die EU den Vučić-Rama-Vorschlag offiziell übernommen hat. Es deutet aber darauf hin, dass das Konzept einer schrittweisen Integration innerhalb der Union an Zuspruch gewinnt.
Was haben Vučić und Rama vorgeschlagen?
Im Februar forderten Vučić und Rama einen „stufenweisen Beitrittsprozess“. Ihr Argument: Beitrittskandidaten sollten einige Vorteile einer engeren Integration bereits vor der Vollmitgliedschaft erhalten. Sie schlugen eine schrittweise Integration in den EU-Binnenmarkt und den Zugang zum passfreien Schengen-Raum vor.
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Vučić hat zudem erklärt, Serbien wäre bereit, eine EU-Mitgliedschaft ohne Vetorecht zu akzeptieren, wenn dies den Prozess beschleunigen würde. Bei der UN-Generalversammlung bekräftigte er, dass die volle EU-Mitgliedschaft Serbiens strategische Priorität bleibe. Der Westbalkan brauche jedoch einen greifbareren Weg zur Integration.
Serbien ist seit 2012 Beitrittskandidat und eröffnete 2014 die Beitrittsverhandlungen. Von den 35 Verhandlungskapiteln der EU hat das Land 22 eröffnet, zwei davon sind vorläufig abgeschlossen. Seit 2021 wurde kein neuer Verhandlungscluster mehr eröffnet.
Die Europäische Kommission hat erklärt, Serbien habe die technischen Voraussetzungen für die Eröffnung eines weiteren Clusters erfüllt. Fortschritte bleiben jedoch an die Angleichung an die EU-Außenpolitik, Reformen im Bereich Rechtsstaatlichkeit und die Normalisierung der Beziehungen zum Kosovo geknüpft.
Was schlägt Brüssel vor?
Der beschriebene Kommissionsentwurf sieht eine „schrittweise Integration“ der Beitrittskandidaten in den Binnenmarkt vor, einschließlich engerer Handelsbeziehungen und Zugang zu europäischen Forschungs-, Innovations- und Industrieprogrammen. Ziel ist es, die Kandidatenländer enger in die europäischen Wirtschaftsstrukturen einzubinden, während der Beitrittsprozess weiterläuft.
Elemente dieses Ansatzes hat die EU bei anderen Kandidaten bereits eingeführt. Moldau etwa hat schrittweise Zugang zu Teilen des Binnenmarkts erhalten, trat 2025 dem einheitlichen Euro-Zahlungsverkehrsraum (Sepa) und im Januar 2026 dem EU-Roaming-Raum „Roam Like at Home“ bei. Der Kommissionsvorschlag würde dieses Prinzip auf breiterer Basis anwenden.
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Die Vorteile gäbe es allerdings nicht bedingungslos. Laut einer Darstellung von Politico könnte der Zugang zu bestimmten sensiblen Bereichen von der strategischen Ausrichtung der Länder an der EU abhängen – darunter die Zusammenarbeit bei Investitionsprüfungen, Exportkontrollen, Sanktionen und dem Schutz sensibler Technologien. Die Teilnahme könnte zudem ausgesetzt werden, wenn Länder ihre Verpflichtungen nicht erfüllen.
Die Vollmitgliedschaft bliebe das erklärte Ziel. Die Kommission betont weiterhin, dass ein Beitritt dauerhafte Reformen erfordert, unter anderem in den Bereichen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.
Warum gerade jetzt?
Kroatien war 2013 das letzte Land, das der EU beitrat. Der Erweiterungsprozess erhielt nach Russlands vollumfänglicher Invasion der Ukraine 2022 neuen Schwung; die EU stellt die Erweiterung zunehmend als sicherheits- und geopolitische Frage dar. Die Ukraine und Moldau nahmen 2024 Beitrittsverhandlungen auf, Albanien und Montenegro haben deutliche Fortschritte erzielt.
Johann Wadephul (l.) und Ferit Hoxha, Außenminister von Albanien, sprechen am Rande eines Westbalkan-Gipfels.
© Fabian Sommer/dpa
Doch die Erweiterung ist nicht nur ein technischer, sondern auch ein politischer Prozess. Die Kandidaten müssen die Anforderungen der EU erfüllen, und die Mitgliedstaaten müssen der Aufnahme neuer Mitglieder letztlich zustimmen. Das hat zu einer langen Lücke zwischen Fortschritten bei einzelnen Reformen und der tatsächlichen Mitgliedschaft beigetragen.
Serbien ist wirtschaftlich eng mit der EU verflochten, die sein größter Handelspartner und eine wichtige Investitionsquelle ist. Gleichzeitig hat der Beitrittsprozess in den vergangenen Jahren nur begrenzte Fortschritte gemacht. Brüssel nennt weiterhin Reformen der Rechtsstaatlichkeit und die Beziehungen zum Kosovo als zentrale Baustellen.
Zudem pflegt Serbien enge Energiebeziehungen zu Russland und hat die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China ausgebaut. Für Belgrad könnte eine schrittweise Integration daher einen besseren Zugang zur EU-Wirtschaft bieten, ohne abwarten zu müssen, bis die politischen Bedingungen für eine Vollmitgliedschaft erfüllt sind.
Albanien hingegen ist im Beitrittsprozess deutlich schneller vorangekommen. Die Kommission hat alle sechs Verhandlungscluster eröffnet, den letzten im November 2025. Ein Stufenmodell könnte für Länder in unterschiedlichen Phasen des Beitrittsprozesses gelten und ihnen Vorteile gewähren, sobald sie bestimmte Bedingungen erfüllen.
Was würde eine stufenweise Integration bedeuten?
Der Kommissionsvorschlag würde keine neue Kategorie der EU-Mitgliedschaft schaffen. Stattdessen könnten Länder schrittweise Zugang zu Teilen der wirtschaftlichen und institutionellen Strukturen der EU erhalten, während sie außerhalb der Union bleiben.
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Sie könnten an EU-Programmen teilnehmen und einen erweiterten Zugang zum Binnenmarkt erhalten, zunächst jedoch ohne Stimmrecht in den EU-Institutionen. Für die Beitrittskandidaten brächte das unmittelbare wirtschaftliche Vorteile aus dem Beitrittsprozess.
Für die EU könnte es ein Instrument sein, die Integration zu vertiefen, während die Verhandlungen über die Vollmitgliedschaft weiterlaufen. Die zentrale Frage ist, ob die Mitgliedstaaten den Ansatz unterstützen und wie weit sie bereit sind, den Marktzugang vor einem vollständigen Beitritt auszuweiten.
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen besucht in dieser Woche den Westbalkan. Auch die EU-Staats- und Regierungschefs wollen bei einem Gipfel im Oktober in Brüssel über die Erweiterung beraten.
Dieser Beitrag erscheint im Rahmen einer Kooperation zwischen der Ostdeutschen Medienholding und bne IntelliNews. Der Beitrag erschien zuerst hier auf Englisch.
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