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Jüdischer Friedhof Heerstraße: Ein Ort der Erinnerung – und der Zuversicht

Der jüngste jüdische Friedhof der Stadt ist zugleich der Ort, an dem die ältesten Zeugnisse jüdischen Lebens in Berlin zu finden sind.

Gabriel Wolfson
7 Min
Jüdischer Friedhof Heerstraße in Berlin

Jüdischer Friedhof Heerstraße in Berlin

© dpa/Christoph Soeder

Nur wenige Hundert Meter abseits einer der am stärksten frequentierten Magistralen der deutschen Hauptstadt, dort, wo sich von der mehrspurigen Heerstraße hinter dem kargen Scholzplatz eine leicht zu übersehende Abzweigung auftut, führt eine schmale Straße zu einem Parkplatz, der an ein schlichtes, mit blassem Putz verkleidetes Gemäuer grenzt. Hier, wo das Ächzen des Berliner Berufsverkehrs nur als ein weit entferntes, durch den Kiefernwald gedämpftes Rauschen erscheint, erschienen einem Betrachter die schmucklose Wand sowie das gusseiserne Gittertor wenig interessant, würden nicht mehrere Davidsterne als Ornamente vorzufinden sein.

Sie verzieren nicht nur die Pforte und ihr Geländer. Einer zeigt sich, geradezu strotzend vor Selbstbewusstsein, im Rahmen des einzigen Fensters der dem Besucher zugewandten Fassade. Auf der Granittafel neben dem Eingang steht: ,,Jüdischer Friedhof Heerstr.“

Eine Chronik der Geschichte Berlins wäre ohne die Erwähnung jüdischer Begräbnisstellen unvollständig, da letztere von einem nicht wegzudenkenden Bestandteil ersterer berichten, nämlich dem gesellschaftlichen Anteil der hier lebenden Juden. Für die Dokumentation historischer Ereignisse und Prozesse lässt sich kaum günstigeres ausmachen, als die eingehende Untersuchung von menschlichen Grabanlagen. Der primäre Grund hierfür ist zum einen eine tradierte Beerdigungsform, die die Bestattung der Toten in der Erde sowie die Kennzeichnung des Verstorbenen mittels wieder auffindbaren Gräbern vorsieht, zum anderen die Wahl eines Materials für Grabsteine oder -stelen, das ausgesprochen wetter- und witterungsbeständig ist.

Träger wie Garant jüdischen Lebens

Es sind diese beiden Faktoren, die Friedhöfe zu unschätzbare Quellen der Vergangenheit machen. Für die Auffindung und Erforschung jüdischer Spuren fungieren sie als topografische Meilensteine, beweisen sie doch nicht weniger als die Existenz von Judentum an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit. So widersprüchlich es auf den ersten Blick auch erscheint: Grabstätten kommt die praktische wie symbolische Funktion zu, Träger wie Garant jüdischen Lebens zu sein. Solch eine Behauptung mag Widerspruch hervorrufen, sind Friedhöfe, wie der Name es bereits verkündet, vor allen Dingen Orte der Ruhe und Andacht.

Wäre es damit nicht verkehrt, geradezu absurd, ausgerechnet dort Lebendiges zu suchen, wo Tote begraben liegen und betrauert werden? Müsste es nicht unvermeidlich zynisch wirken, in Grabsteinen etwas anderes zu erblicken als die stillen Künder von Tod und Verfall? Und käme es letztlich nicht einer Geschmacklosigkeit gleich, etwas, das so unauflöslich mit Trauer und Tränen assoziiert wird, eine positive Bedeutung zuzusprechen?

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Es ist die hebräische Sprache, die Antworten zu geben weiß. Sie offenbart, wie vielschichtig sich die jüdischen Vorstellungen vom (Ab-)Leben gestalten: Bet ha-chajim lautet im Hebräischen die Bezeichnung für den Friedhof – ,,Haus des Lebens“ wörtlich übersetzt. In ihr kommt die Überzeugung zum Ausdruck, dass der Tod keineswegs als eine endgültige Angelegenheit anzusehen ist. Zwar haben die Verstorbenen die irdische Welt verlassen, kehren dafür aber zu ihren Vätern zurück. Die Bestattung markiert demnach kein Ende, sondern einen Übergangsprozess hin zum ewigen Leben im Reich Gottes.

Abraham und die erste biblische Beisetzung

Nach jüdischem Ritus dienen Begräbnisstätten somit der Erfüllung der Voraussetzung für die Wiederauferstehung. Bereits in der alttestamentlichen Bibel findet sich Zeugnis von dem Brauch der Beerdigung, wobei es niemand geringeres als Abraham ist, der die erste biblische Beisetzung vornimmt. Nachdem Sara davonschied, erwarb der Urahn des Judentums von den die Region beherrschenden Hetitern ein Stück Land, um seine Frau in dem von Gott verheißenen Land zu Grabe zu tragen. Indem Abraham ihr, wie es im 1. Buch Moses heißt, ein ,,Erdbegräbnis“ zuteilwerden ließ, begründete er eine Tradition, die bis in die heutige Zeit im Judentum Bestand hat: die Bestattung der Leichname in der Erde.

Während die unzähligen Völker, die mit den Hebräern in der biblischen Zeit in diplomatischen oder kriegerischen Kontakt traten, unterschiedlichste Formen im Umgang mit ihren Verstorbenen aufwiesen, sie beispielsweise verbrannten oder wilden Tieren zum Fraß überließen, folgten die Juden unbeirrt dem abrahamitischen Vorbild. Auch wenn der Talmud in den folgenden Jahrhunderten bestimmte Aspekte näher ausführen sollte, blieben die grundlegenden Prinzipien unverändert gewahrt. Die Toten wurden körperlich unversehrt ihrer Ruhestätte übergeben, die wiederum nicht durch profane Akte entweiht werden durfte.

Selbst in den Wirrnissen der Diaspora, die die über den Erdball verteilten Juden Assimilierungstendenzen unterwarf und Veränderungen in Sitten wie Gebräuchen erzwang, blieb das Ritual der jüdischen Beerdigung unberührt. Überall dort, wo im Laufe der vergangenen Jahrtausende jüdische Gemeinden entstanden, wurden Friedhöfe angelegt, um zumindest den physischen Überresten der Verstorbenen eine dauerhafte Heimat zu ermöglichen. Dieser Sehnsucht nach menschlichem als auch göttlichem Gedenken ist es zuzuschreiben, dass jüdische Grabstätten zu zeugnisgebenden Nachweisen einst vorhandenen lokalen Judentums avancierten. Für die historiographische Verortung eines Volkes auf Wanderschaft handelt es sich dementsprechend um besonders aussagekräftige, wenngleich stumme Zeugen.

Von den ersten Hinweisen auf jüdisches Leben im Raum Berlin kündigt eine auf das Jahr 1295 datierte Urkunde. Juden siedelten sich im Gebiet des heutigen Stadtzentrums an, wo innerhalb kürzester Zeit eine bedeutende Gemeinde entstand. Ihre Verstorbenen wurden in der vor den Toren Berlins gelegenen, damals noch eigenständigen Stadt Spandau beerdigt, auf einem Grundstück, das erstmals 1324 urkundliche Erwähnung als jüdischer Friedhof fand. Nur gegen Gebühr durften die ansässigen Juden ihn nutzen, da dieser nicht im Besitz der Gemeinde, sondern der Stadt war.

Die Grabsteine verschwanden für ein halbes Jahrtausend

Rund zwei Jahrhunderte stand er zur Verfügung, bis jedoch eine im Jahr 1510 eingesetzte, auf antisemitischen Anschuldigungen zurückgehende Verfolgungswelle zu einer Vertreibung der jüdischen Einwohner führte. Im Zuge mehrerer Pogrome wurden der Friedhof zerstört, die Grabsteine abgetragen und als Baumaterialien für die Errichtung der Zitadelle Spandau verwendet. Dort, wo keine Juden mehr aufzufinden waren, sollte an sie zukünftig auch keine Erinnerung mehr zu finden sein. Die Vernichtung von Gräbern erscheint in dieser Hinsicht als logische Konsequenz der Eliminierung des Lebendigen.

Es sollte nahezu ein halbes Jahrtausend vergehen, bis durch im Jahr 1955 stattgefundene Renovierungsarbeiten einige der zweckentfremdeten Steine wieder zum Vorschein kamen. Eine Dekade nach Ende eines Weltkrieges, in dessen Verlauf die vollständige Auslöschung des Judentums seitens des nationalsozialistischen Deutschlands als ein hauptsächliches Ziel galt, sind Dokumente freigelegt worden, die auf die weit zurückreichenden Anfänge jüdischen Lebens in der deutschen Geschichte verweisen – kurioserweise in Form von Gegenständen, deren eigentliche Absicht auf die Feststellung des Todes abzielte.

Vor die sensible Frage gestellt, wie mit den geborgenen Artefakten angemessen umzugehen sei, fasste der West-Berliner Senat den Entschluss, sie der jüdischen Gemeinde zu überreichen. Zwei Jahre zuvor war es zu ihrer Spaltung gekommen, wodurch der Bedarf nach einer Begräbnisstätte im Westen der Stadt entstand. Kurz darauf wurde eine mehrere Hektar umfassende Fläche im Grunewald erworben, die im Winter 1955 schließlich eingeweiht werden konnte.

Mit seiner feierlichen Eröffnung unter Teilnahme zahlreicher politischer und gesellschaftlicher Prominenz geriet der Friedhof an der Heerstraße zum jüngsten jüdischen Friedhof in der Geschichte Berlins. Im Rahmen des Zeremoniells kam es zu der Übergabe der wiederentdeckten mittelalterlichen Grabsteine, deren Aufstellung noch am selben Tag erfolgte. Diese Geste stellte einen symbolisch nicht zu überschätzenden Brückenschlag zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dar, wurden doch die ältesten Zeugnisse jüdischer Präsenz der Stadt Berlin nun der Erde einer neuen Ruhestätte würdig zugeführt.

Mahnung und Verpflichtung für die Nachgeborenen

Heute ist der Friedhof um seine ursprüngliche Fläche deutlich erweitert. Mehr als fünftausend Beisetzungen sind in den letzten Jahrzehnten an diesem Ort vorgenommen worden. Schlichte wie auffällige Grabstätten halten die Erinnerung an die hier Ruhenden wach. Gewiss wird ein Blick über die Gräberreihen wehmütig stimmen, ein memento mori hervorrufen. So unbestritten die im Wind nickenden Birken, die von ihren Schatten verschlungenen Grabsteine, die auf ihnen liegenden kleinen Steinchen eine sentimentale Aura zu erzeugen vermögen, ist das Vorhandensein all des Genannten, ja, die schiere Existenz des Friedhofs eine nachdrückliche Bestätigung für die Sichtbarkeit von Judentum auf deutschem Boden.

Während die Inschriften der Grabmale von den Juden vergangener Tage berichten, obliegt es den heutigen, ihrer zu gedenken und nicht dem Vergessen zu überlassen. Pflege und Erhalt jüdischer Begräbnisstätten sind damit nicht nur gleichermaßen Mahnung und Verpflichtung an die Nachgeborenen, sondern vielmehr eindringliches Sinnbild für den anhaltenden Bestand jüdischen Lebens in Deutschland.

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