Der Fahrschulinhaber Sascha Zotl versteht die Welt nicht mehr. Das, was sich hier, in seiner Straße, in den letzten Monaten ereignet hat, macht ihn fassungslos. Die da oben, so glaubt er, haben ihm eins reingewürgt. Und nicht nur ihm, sondern allen Anwohnern und Geschäftsinhabern in der Grellstraße in Prenzlauer Berg. Denn ihnen allen wird das Parken hier verboten, damit Radfahrer mehr Platz auf der Straße bekommen.
Ende Juli fand Zotl einen Aushang der Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr an seiner Geschäftstür: „Wir bauen für Sie!“, stand darauf. Ein Fahrradweg solle in der Grellstraße eingerichtet werden, 2,5 Meter breit und grün angestrichen. Für privat parkende Autos aber sei in Zukunft kein Platz mehr vorgesehen. Dabei hatte der Bezirk erst im April Parkautomaten in der Straße aufstellen lassen, eine Parkraumbewirtschaftungszone eingerichtet und alle hier hatten sich Vignetten gekauft. Sascha Zotl sogar gleich acht für seine Fahrschul-Autos. Kostenpunkt: 1070 Euro.
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Es grenzt an eine Posse, was den Anwohnern und Geschäftsinhabern in der Grellstraße in den letzten Wochen widerfahren ist. Und es zeigt, wie schwer das Vorhaben des Senats umzusetzen sein wird, Berlin zu einer Fahrradstadt zu machen. „Eine Katastrophe“ nennt es Karin Kuschy, eine der Anwohnerinnen.
Schon immer habe es hier in dieser engen Straße mit je einer Fahrbahn pro Richtung einen Mangel an Parkplätzen gegeben, sagt sie. Vor allem, weil morgens viele Pendler von Außerhalb hier geparkt hätten, um dann mit der S-Bahn in die Innenstadt weiterzufahren. Als im April die Parkautomaten aufgestellt wurden, hätte das deswegen fast alle hier gefreut: Endlich mehr Platz für die Anwohner. „Für 14 Tage“, sagt Kuschy, „war das richtig toll. Dann kamen die Poller.“
In der Mitte der Grellstraße trennt ein Grünstreifen die beiden Fahrbahnen. Alte Kastanien wachsen darauf. Seit vielen Jahren, so erzählen es Kuschy und auch Zotl unabhängig voneinander, hätte man auch hier parken können. Zusätzlich zu den Parkplätzen am Rand der Straße. Es sei geduldet worden vom Bezirk, auch wenn es offiziell wohl nicht erlaubt war. Kurz nachdem die Parkautomaten in der Straße aufgebaut worden waren, wurde dieser Mittelstreifen mit verzinkten Pollern versehen. Parken solle man hier nun nicht mehr, hieß es.
Mehr als 150 Parkplätze auf einmal gestrichen
Karin Kuschy, 60, die schon seit 1977 in der Grellstraße wohnt, empörte schon das. Die Parkplätze auf dem Mittelstreifen würden dringend gebraucht, der Platz am Rand der Straße reiche für die rund 152 Wohnungen nicht aus. „Hier wohnen ältere Leute, die auf ihr Auto angewiesen sind, Krankenschwestern, die nach einer langen Schicht oft noch ewig einen Parkplatz suchen“, sagt sie. Zudem gebe es hier einen Laden für Bedürftige, der täglich Lebensmittellieferungen bekäme und ebenfalls Parkplätze brauche. Kuschy sammelte Unterschriften von 35 Anwohnern und schrieb am 20. April einen Brief an den Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke). Darin forderte sie, den Mittelstreifen weiterhin zum Parken offen zu halten.
Zu diesem Zeitpunkt wussten Kuschy, Zotl und die anderen Anwohner der Grellstraße noch nicht, was im Bezirk schon klar gewesen sein muss: In der Grellstraße würden beinahe alle der wohl über 150 Parkplätze gestrichen, lediglich 26 sollten bleiben. Bereits am 24. März hatten Vertreter der InfraVelo im Auftrag des Senats diese Pläne in der Bezirksverordnetenversammlung vorgestellt. InfraVelo ist das für den Bau von Radwegen zuständige landeseigene Unternehmen.
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Sören Benn, der Bürgermeister von Pankow, ließ mit seiner Antwort an Karin Kuschy auf sich warten. Erst acht Wochen später, am 15. Juni, schrieb er ihr: „Durch die Parkzone soll der durch den Pendelverkehr entstandene Parkplatzmangel verbessert werden.“ Parkbuchten auf dem Mittelstreifen könnten nicht gebaut werden, dafür fehlten dem Bezirk die finanziellen Mittel. Von den Plänen des Senats zum breiten Radweg und den dadurch entfallenen Parkplätzen schrieb er nichts.
Davon erfuhren die Anwohner erst durch den Aushang am 25. Juli: „Wir bauen für Sie!“ Darin hieß es weiter: Bereits am 1. August würden die Umbauarbeiten beginnen. Ab dann sei das Parken hier verboten. Bis heute seien noch nicht einmal Bauschilder aufgestellt, sagt Sascha Zotl. Für ihn ist der Aushang blanker Hohn: „Wir bauen für Sie und nehmen Ihnen Ihre Parkplätze weg“, sagt er und lacht verbittert. Seiner Meinung nach stehe durch diese Entscheidung die Existenz seiner Fahrschule auf dem Spiel.
Karin Kuschy (60) ist Anwohnerin und empört: Wo soll sie ihr Auto abstellen? Rund 150 Parkplätze fallen in ihrer Straße wohl weg.
© Sabine Gudath
Seine Sekretärin rechnet es auf dem Taschenrechner vor: Bisher seien zwischen den Fahrstunden immer zehn Minuten Pause vorgesehen, in denen der eine Fahrschüler verabschiedet und der neue begrüßt werde. „Wenn wir jetzt deutlich länger einen Parkplatz suchen und auch länger laufen müssen, erhöht sich die Zeit vielleicht auf 20 Minuten“, sagt sie. Dadurch fehle der Fahrschule pro Fahrlehrer bereits eine Fahrstunde am Tag à 88 Euro für einen Schaltwagen beziehungsweise 94 Euro für einen Automatikwagen. „Wenn man das hochrechnet, haben wir einen Verlust von über 1800 Euro pro Fahrlehrer im Monat.“ Die Fahrschule beschäftigt insgesamt fünf Fahrlehrer. „So kommen wir auf einen Verlust von rund 9000 Euro pro Monat, wenn wir zehn Minuten länger zu unseren Wägen laufen müssen.“
Sascha Zotl und auch Karin Kuschy macht vor allem auch der Umgang des Bezirks mit seinen Bürgern wütend. Warum habe der Bürgermeister Sören Benn von einer Verbesserung geschrieben, wenn er doch gewusst haben müsse, dass die Parkplätze eh gestrichen würden? Was passiere nun mit dem Geld, das sie für die Vignetten ausgegeben hätten? Und was mit den fehlenden Parkplätzen, die ja nach wie vor gebraucht würden?
Auf die Bedürfnisse der Autofahrer wird keine Rücksicht genommen.
Karin Kuschy
Sören Benn antwortet der Berliner Zeitung: Zunächst entziehe es sich „seiner Kenntnis“, ob die konkreten Umbaupläne des Senats im zuständigen Fachamt, das seine Antwort an Frau Kuschy vom 15. Juni fachlich vorbereitet habe, „zum Zeitpunkt der Formulierung der Antwort so konkret schon vorgelegen“ habe. Eine Verbesserung des Parkplatzmangels sei auch weiterhin gegeben, da man mit den Vignetten ja auch in den anderen Straßen der Parkzone parken könne. Aus diesem Grund werde es auch keine Entschädigung für die Anwohner geben, die sich im Vertrauen darauf, in ihrer Straße parken zu können, eine Vignette gekauft hatten.
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Für Karin Kuschy ist diese Antwort unbefriedigend. „Natürlich hat der Bürgermeister davon gewusst, oder er hätte davon wissen müssen“, sagt sie. „Berlin soll autofrei werden, auf die Bedürfnisse der Autofahrer wird keine Rücksicht mehr genommen.“ Erst baue der Bezirk Parkautomaten auf, dann verbiete er das Parken ganz. „Die sind doch bekloppt“, sagt sie. Kuschy fühlt sich von der Politik nicht mehr ernst genommen. Sie hat sich an die AfD gewandt, als nach ihrer Meinung einziger Partei, die für solche Themen noch offen sei.
Hört man sich beim Bezirk und beim Senat um, entsteht der Eindruck, dass in der Grellstraße zwei Planungen parallel liefen, ohne dass sich die verschiedenen Verwaltungsebenen miteinander abgesprochen hätten. Jan Thomsen, der Pressesprecher der Senatsverwaltung, schreibt auf Nachfrage: „Günstiger wäre es sicher gewesen, hätte die Parkzone oder alternativ auch der Radstreifen schon viel früher eingerichtet werden können.“ Sascha Zotl mit seiner Fahrschule hilft das wenig. „Die stehlen uns die Straße, warum gerade hier, das will mir nicht in den Kopf“, sagt seine Sekretärin am Telefon.
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