Nach Ausschreitungen

Massenprügeleien: Streitschlichter sollen Berliner Freibäder sicher machen

Jugendliche Konfliktlotsen sollen in Berliner Freibädern für Ruhe sorgen. Zuletzt war es im Columbiabad und am Insulaner zu Ausschreitungen gekommen.

4 Min
Ein Mitglied des Projekts Cool am Pool beobachtet vom Beckenrand im Sommerbad Pankow das Badegeschehen.

Ein Mitglied des Projekts Cool am Pool beobachtet vom Beckenrand im Sommerbad Pankow das Badegeschehen.

© dpa/Wolfgang Kumm

Mehrere Jugendliche stehen einander schreiend gegenüber im Sommerbad Pankow. Sie haben ihre Wasserpistolen eben am Beckenrand aufgeladen und rennen zum nächstgelegenen Baum, der einem der Jungen Schutz bietet. Auch wenn die Gruppe ihre Sommerferien genießt und offensichtlich Spaß hat, geht Sherzad Sultan dazwischen. Das ist einer der typischen Fälle, bei denen Sultan aktiv wird: Er redet auf die fast gleichaltrigen Jungen ein, mahnt sie zur Vorsicht, spricht auf Augenhöhe.

Zusammen mit Mehrdad Tadjik und Eghbal Khadjezadeh ist Sultan in diesem Sommer Konfliktlotse in den Berliner Bädern. Auseinandersetzungen wie im Columbiabad oder am Insulaner in Steglitz sollen nicht wieder vorkommen. Auch dort hatte es unter anderem mit einer Wasserpistole angefangen. Die 16- bis 21-jährigen Berliner Streitschlichter erklären Kindern, dass am Beckenrand nicht geschubst, an der Wasserrutsche nicht gedrängelt wird. Später schlichten sie einen Streit zwischen einer älteren Dame auf der FKK-Wiese und Jungen, die hier Fußball spielen wollen.

Sherzad Sultan, Mehrdad Tadjik und Eghbal Khadjezadeh (v. l. n. r.)

Sherzad Sultan, Mehrdad Tadjik und Eghbal Khadjezadeh (v. l. n. r.)

© Volkmar Otto

Die Bilder und Videos aus dem Sommerbad Neukölln am Columbiadamm gingen viral, in ganz Deutschland wurde darüber berichtet. Bei der letzten großen Schlägerei gab es elf Verletzte, die Polizei rückte an, die Hauptstadt bekam eine Debatte über Sicherheit in Berliner Sommerbädern, die bis heute andauert. Die Polizei, die Berliner Bäder-Betriebe und auch Besucher fragen sich: Was können wir unternehmen, um mehr Sicherheit rund um die Sommerbäder zu gewährleisten? Eine Antwort soll das Projekt Cool am Pool sein.

Für dieses Projekt sollen 25 Konfliktlotsen und eine Konfliktlotsin in den kommenden Wochen in den Freibädern in Neukölln und Pankow ehrenamtlich arbeiten. Dabei ist besonders die „Augenhöhe“ zwischen Badegästen und Konfliktlotsen wichtig, wie der Projektleiter Arne Freudenberg betont. Die Konfliktlotsen sind meist zwischen 18 und 25 Jahre alt und sollen besonders auf gleichaltrige Badegäste einwirken. „Sie werden einen besonderen Draht zu den Badegästen haben“, sagt Freudenberg. „Es sind Jungs aus den Kiezen, die selbst auch gerne ins Schwimmbad gehen.“

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„Wir wollen für Ordnung sorgen“

Sultan, Tadjik und Khadjezadeh sind mit Funkgeräten, Wasserflaschen und Erste-Hilfe-Taschen ausgestattet. An drei Tagen in der Woche werden die Konfliktschlichter in den Bädern in Pankow und Neukölln unterwegs sein. Hauptsächlich vom Freitagnachmittag bis zum Sonntag. Der 21-jährige Khadjezadeh möchte später einmal Sozialpädagogik studieren. Die Fähigkeit, zu Fremden schnell Kontakt aufzunehmen, kann er da gut gebrauchen. Vor sechs Jahren aus Afghanistan nach Berlin gekommen, lebt er nun in Rudow, spricht fließend Deutsch und soll ein Vorbild für jüngere Badegäste sein.

„Wir sprechen Afghanisch, Pakistanisch, Indisch, Arabisch, Türkisch, selbstverständlich auch Englisch und Deutsch“, sagt er. Wenn es jedoch mal nonverbal brenzlig werden sollte, sagt er, „ziehen wir uns zurück und rufen das Sicherheitspersonal“. Buchstäblich brenzlig wurde es kürzlich auf der FKK-Wiese, als die Lotsen ein Feuer meldeten. Auch das wäre ohne ihren Einsatz später entdeckt worden.

Bezahlt wird das Projekt, das es seit 2011 in Zusammenarbeit mit der Polizei gibt, von den Bäder-Betrieben. 6,50 Euro erhalten die Konfliktlotsen pro Stunde als Aufwandsentschädigung. Vor den Sommerferien gab es eine Schulung mit 15 Terminen. Themen waren unter anderem die Rechte und Pflichten von Bürgern, Hausordnungen der Sommerbäder und Soft Skills im Umgang mit Menschen. Im Sommerbad Pankow sollen gleichzeitig immer zwischen sechs und acht Konfliktlotsen für zusätzliche Sicherheit sorgen. Im Columbiabad sind es dagegen vier bis sechs Lotsen.

Auch Projektleiter Freudenberg erkennt Verhaltensveränderungen in den vergangenen Monaten. „Nach zwei Jahren Pandemie müssen einige wohl das soziale Miteinander wieder erlernen“, sagt er. Die Konfliktlotsen werden in freundlicher Art und Weise darauf aufmerksam machen, dass Drängeln und Schubsereien nicht ins Freibad gehören. Nach dem Sommer sollen Ergebnisse des Projektes analysiert und bilanziert werden. Hoffentlich bleibt bis dahin alles cool am Pool in den Berliner Bädern.

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