TikTok-Leggings sind wohl der vorläufige Höhepunkt. Das Highlight eines großen Trends zur formgebenden Kleidung. Sie heißen, wie sie heißen, weil sie eben dort berühmt geworden sind: Auf dem Online-Portal TikTok, wo sich unzählige Videos mit entsprechenden Hashtags aneinanderreihen.
Frauen haben sich für die Clips jene Hosen übergezogen, die auch als „Butt-Scrunching-Leggings“ bekannt sind, um sodann die Reaktionen ihrer Boyfriends und Ehemänner zu filmen. Die TikTok-Leggings pressen den Po in eine üppige, runde Form – den Männern gehen fast die Augen über. Diametral stehen diese Videos dem gegenüber, was Miriam Weihermüller und Anne Gorke mit ihrem Angebot erreichen wollen.
Pailletten und Planeten: Warum Spiritualität und Sternzeichen wieder sexy sind
Was ist nur mit unseren Birkis los? Warum Birkenstocks jetzt Statussymbole sind
Weihermüller ist Hauptgeschäftsführerin von Item M6 mit Hauptsitz in Bayreuth; als Chefdesignerin zeichnet Gorke für die Produktgestaltung von Deutschlands bekanntester Shapewear-Marke verantwortlich. Ihre formgebenden Bralettes und Bodys, Shorts und Shirts seien eben nicht dazu da, den Herren zu gefallen, sagen die beiden im Interview. Sie sollen allein den Frauen ein gutes Gefühl vermitteln; ihnen dabei helfen, sich in der eigenen Haut wohlzufühlen.
Kein Bock auf Büstenhalter: Feministinnen in den USA opfern 1972 ihre BHs.
© Imago
Keine 100 Jahre, nachdem sich die Frau des Mieders entledigt hat, ist die formgebende Wäsche also nicht nur zurück – sie soll nun sogar einen feministischen Charakter haben. Und tatsächlich gibt es in der Geschichte einige Beispiele dafür, dass die Mode ein Seismograf für die Emanzipation sein kann – und als solcher mal in die eine, mal in die andere Richtung ausschlägt.
Manche Frauen haben Lust auf Halt und Form und gönnen sich entsprechende Produkte – end of story.
Miriam Weihermüller
Als etwa der bewegungsfreundlichere Büstenhalter in den 1940ern vollends das strenge Korsett ablöste, galt das vielen Frauen als emanzipatorischer Befreiungsschlag – rund 20 Jahre später verbrannten Feministinnen eben diesen BH, der wiederum ihnen ein Zeichen der Einzwängung geworden war. Auf ihrer „Blond Ambition Tour“ im Jahr 1990 zog sich dann Madonna einen tütenförmigen BH samt Mieder an, entworfen von Jean Paul Gaultier, und feierte damit ihre freie Sexualität.
Unsere Produkte sollen Frauen nicht eine von außen sichtbar veränderte Form, sondern einen Halt geben.
Anne Gorke
In den 1960ern, dem Jahrzehnt der brennenden BHs, war es auch, als viele junge Frauen mit dem Minirock eine neue Beinfreiheit einforderten, vor der Londoner Boutique Christian Diors zogen einige von ihnen gar mit entsprechenden Protestschildern auf. In den Jahrzehnten danach galt das kurze Röckchen kaum noch als feministisches Signal, bis es die weltweit ausgerichteten „Slut Walks“ doch wieder ins Zentrum der Debatten um Entscheidungsfreiheit und sexuelle Selbstbestimmung stellten.
Die Frauen hinter Item M6: Miriam Weihermüller (links) und Anne Gorke.
© Item M6
Dementsprechend müsse man auch die Rückkehr der formgebenden Wäsche, mit der aktuell nicht zuletzt prominente Vorbilder wie Kim Kardashian oder die Musikerin Izzo Millionen verdienen, differenziert betrachten, finden Miriam Weihermüller und Anne Gorke. Zum Interview in Berlin tragen die beiden ihre eigenen Produkte, Shapewear-Oberteile und -Hosen von Item M6 – allerdings nicht untendrunter, sondern obendrüber. Ein Gespräch über Versteckspiele und Freiheiten, gesellschaftliche Zwänge und persönliche Entscheidungen.
Miriam Weihermüller und Anne Gorke, wie blicken Sie als Anbieterinnen von formgebender Wäsche auf den übergeordneten Trend zur Shapewear? Zum Beispiel auf Kim Kardashian und ihr Label Skims?
Miriam Weihermüller: Sicherlich helfen Prominente wie Kim Kardashian oder die Sängerin Lizzo, die unter dem Label Yitty ebenso Shapewear verkauft, dabei, das Thema von seinem Stigma zu befreien. Dass Frauen versuchen, ihre Körperform in irgendeiner Weise zu verändern, hat es schon fast immer gegeben. Nur ist das in den vergangenen Jahren sichtbarer geworden. Es gilt nicht mehr als peinlich, formgebende Unterwäsche zu tragen. Manche Frauen haben Lust auf Halt und Form und gönnen sich entsprechende Produkte – end of story. Dass sie das nicht mehr nur heimlich tun, hat bestimmt mit berühmten Vorbildern zu tun.
Anne Gorke: Wobei unser Ansatz ein ganz anderer ist. Wir wollen mit unserer Wäsche gar nicht so extrem formen, sondern eher unterstützen. Unsere Produkte sollen Frauen nicht eine von außen sichtbar veränderte Form, sondern einen Halt geben. Ein gutes Gefühl in der eigenen Haut. Und ich glaube, im aktuellen Shapewear-Trend muss es auch darum gehen: In den vergangenen Jahren war doch alles ein großes Thema, was mit dem persönlichen Wohlbefinden zu tun hat, gerade für Frauen. Wellbeing, mentale Gesundheit, eine gewisse Wehrhaftigkeit, also die Fähigkeit, auch mal laut zu sein und nein zu sagen. Nicht mehr um jeden Preis gefallen zu wollen. Das sind alles Themen, die in eine ähnliche Richtung gehen, bei denen es um Selbstbewusstsein und Selbstwert geht. Und unser Angebot entspricht diesem Zeitgeist.
Für mehr Beinfreiheit: Londonerinnen fordern 1966 Miniröcke von Dior.
© Imago
Für viele Menschen wird das wie ein Widerspruch klingen: Ausgerechnet formgebende Wäsche, also Bekleidung, die Frauen früher eingezwängt hat, soll ihnen heute ein neues Freiheitsgefühl verleihen.
Miriam Weihermüller: Die Message an Frauen muss doch sein: Du kannst machen, was du willst. Wenn du eine geschmälerte Taille haben möchtest, dann darfst du mit bestimmten Mitteln nachhelfen. Wenn du deine Körperformen ganz natürlich zeigen willst, dann ist das auch gut. Nichts von beidem ist mehr feministisch oder mehr emanzipiert als das andere. Es geht um die absolute Entscheidungsfreiheit. Ähnliche Diskussionen gibt es ja zum Beispiel beim Thema plastische Chirurgie. Auch da würde man heute nicht mehr sagen: Wer eine Schönheitskorrektur vornimmt, ist per se nicht emanzipiert oder hat grundsätzlich ein Problem mit sich selbst. Ich finde das eine total positive Entwicklung.
Anne Gorke: Für mich gab es in den vergangenen Jahren immer mal wieder Momente, in denen ich gemerkt habe, dass ich das Thema Shapewear auch selbst immer eher oberflächlich betrachtet habe. Dass ich davon ausgegangen bin, dass formgebende Wäsche vielen Dingen widerspricht, die ich für mich als gut und richtig begreife. Aber wenn man Frauen dabei unterstützen will, mit ihren eigenen Körpern entspannt umzugehen, dann gehört eben auch dazu, ihnen zuzugestehen, etwas an ihren Rundungen und Formen zu verändern, wenn sie das für richtig halten. Das spiegelt auch unser Angebot, in dem es formgebende Shapewear gibt, aber auch schöne Bodywear, bei der es überhaupt nicht um die Formgebung geht.
Unterzieher für obendrüber: Lottermann (links) und Fuentes in Item M6.
© Lottermann Fuentes
Welche Rolle spielt bei dieser Enttabuisierung der formgebenden Wäsche, von der Sie sprechen, das Design?
Miriam Weihermüller: Eine ganz große! Wir sind mit einem hautfarbenen Hemdchen gestartet, aber so etwas machen wir heute überhaupt nicht mehr. Wir machen nur noch Produkte mit spannenden Details oder in aufregenden Farben, nichts Konventionelles mehr. Der hautfarbene Unterzieher suggeriert ja, dass er unter der Kleidung im Nichts verschwinden soll und dass man ihn auf keinen Fall sehen darf. Das ist nicht das, wofür wir stehen.
Auch, weil Sie wollen, dass man Ihre Produkte gelegentlich drüber trägt? Also quasi als Oberbekleidung?
Anne Gorke: Weil wir wollen, dass Frauen die Wahl haben. Sie können unsere Wäsche drüber oder drunter tragen. Da gibt es nichts, das versteckt werden muss.
Miriam Weihermüller: Dass unsere Produkte ein bisschen wie Hybride angelegt sind, passt doch auch aus einem ganz anderen Grund gut in unsere Zeit. Während der Pandemie hat sich in der Mode ohnehin etwas verschoben. Die Jogginghose zum Beispiel ist ein noch viel selbstverständlicher Teil der Garderobe geworden, Komfort und Praktikabilität sind wichtiger denn je. Das passt zu unseren Produkten, die gut aussehen und gleichzeitig gemütlich sind. Du kannst in unseren Bralettes auf der Couch liegen, du kannst sie aber auch abends im Club tragen.
Bitte Luft anhalten: Eine Frau präsentiert sich 1920 im strengen Korsett.
© Imago
Tatsächlich haben Sie, Frau Gorke, als Designerin bisher ohnehin eher Erfahrungen in der Damenoberbekleidung gesammelt. Sie haben viele Jahre unter eigenem Namen Frauenmode verkauft. War es für Sie schwierig, sich auf den Wäschebereich umzustellen?
Anne Gorke: Nun, es gibt einige Techniken, die anders sind. Oder ich widme mich jetzt Materialien, die früher keine Rolle für meine Arbeit gespielt haben. Aber das, was man als Designerin aussagen will, bleibt ja das gleiche. In meinem Fall ist das eine gewisse Geradlinigkeit, die ich sicherlich von meinem Studium am Bauhaus in Weimar mitgenommen habe. Bei Wäsche oder Shapewear muss man sich vielleicht noch ein bisschen intensiver mit dem Körper auseinandersetzen. Oder besser gesagt: mit vielen verschiedenen Körpern. Wir bedienen Frauen ganz unterschiedlicher Statur, wollen unsere Marke so inklusiv wie möglich gestalten. Sie soll eine Art Safe Space für die verschiedensten Frauen sein. Und wir bekommen von unseren Kundinnen gespiegelt, dass das auch funktioniert. Wäsche ist ja ein total intimes Thema, das ganz viel mit der Wahrnehmung des eigenen Körpers zu tun hat, mit Gefühlen sich selbst gegenüber. So, wie du dir morgens selbst im Spiegel begegnest, so wird meistens auch dein Tag.
Setzen Shapewear in Szene: Foto-Duo Lottermann (links) und Fuentes.
© Lottermann Fuentes
Einige Ihrer Produkte haben Sie zuletzt von den beiden Fotografinnen Nada Lottermann und Vanessa Fuentes in Los Angeles fotografieren lassen. Die beiden sind bekannt dafür, immer auch sich selbst in ihren Bildern zu inszenieren. Warum haben Sie Lottermann und Fuentes für eine Kampagne ausgewählt?
Miriam Weihermüller: Eben genau darum! Unser Label-Motto lautet: „Show your support“, also „zeig deine Unterstützung“, was bewusst doppeldeutig gemeint ist. Nada und Vanessa passen perfekt zu diesem Spruch, weil sie in ihren Bildern immer auch ihre Freundschaft abbilden, die Unterstützung, die sie füreinander sind. Das ist zum einen eine faszinierende Dynamik und zum anderen ein Sinnbild für weiblichen Support, dem wir mit unserem Label gerecht werden wollen. Nicht nur mit unseren Produkten, die sich eben an viele unterschiedliche Frauen richten. An diesen Produkten arbeitet auch ein komplett weibliches Team. Das ist manchmal eine Herausforderung (lacht). Aber es macht vor allem viel Spaß.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]