An der Oder ist es zu einer gewaltigen Umweltkatastrophe gekommen. Bis zu zehn Tonnen Fischleichen sollen bereits geborgen worden sein. Man habe so etwas noch nie gesehen, sagen örtliche Fischermeister. Wir haben mit Christiane Schröder, der Geschäftsführerin des Nabu Brandenburg, über die bisher festgestellten Schäden, die möglichen Ursachen und die Folgen für die Menschen am Fluss gesprochen.
Berliner Zeitung: Frau Schröder, was genau ist an der Oder gerade los?
Christiane Schröder: Das wüssten wir, glaube ich, alle gern. Die ersten toten Fische sind ja in Polen aufgetaucht. Leider halten sich die polnischen Behörden extrem bedeckt, was auf deren Seite passiert ist. Wir stochern gerade noch, im wahrsten Sinne des Wortes, im trüben Wasser. Was wir wissen, ist: Es gibt ein dramatisches Fischsterben, aber das ist nur der Gipfel des Eisberges. Unter Wasser wird alles Leben zerstört, zum Beispiel Muscheln, Insektenlarven, Krebse und so weiter. Aber wie groß das Ausmaß des Sterbens wirklich ist, können wir im Moment noch gar nicht ermessen.
Fischsterben in der Oder: Polnischer Regierungschef entlässt Spitzenbeamte
Fischsterben in der Oder: „Es ist ein vergiftetes Katastrophengebiet“
Waren Sie selbst schon an der Oder und haben sich ein Bild der Lage gemacht?
Noch nicht. Aber ich habe viele Bilder und Videos von unseren Ehrenamtlichen zugespielt bekommen. Kollegen vor Ort sagen mir: Eigentlich kann man sich gerade gar nicht auf oder am Fluss aufhalten, weil die Verwesung der Fische einen unglaublichen Gestank erzeugt. Offenbar wird es jetzt auch zunehmend schwierig, die Fischleichen überhaupt noch zu bergen, weil sie sich durch die hohen Temperaturen sehr schnell zersetzen und gar nicht mehr greifbar sind.
Welche Erkenntnisse haben Sie darüber, wie es dazu kommen konnte?
Es gibt verschiedene Spekulationen dazu. Aber eins ist sicher: Das was wir an der Oder gerade sehen, muss durch menschlichen Einfluss geschehen sein. Erst hieß es ja, dass es ein Benzol war, eine chemisch-organische Substanz, die ins Wasser gelangt sei. Das hätte schon dramatische Auswirkungen. Jetzt haben die Behörden aber offenbar auch Quecksilber im Wasser festgestellt. Das wäre der absolute Super-GAU.
Mehr Sauerstoff im Wasser als eigentlich üblich.
Christiane Schröder, Geschäftsführerin des Nabu Landesverbandes
Warum?
Quecksilber ist ein extrem giftiger Stoff. Vielleicht erinnern Sie sich daran, dass es früher mal Thermometer gab, die mit Quecksilber funktionierten. Die gibt es jetzt nicht mehr, weil der Stoff so hoch toxisch ist. Es baut sich nicht einfach ab, sondern bleibt über Jahrhunderte in der Natur. Es reichert sich in den Nahrungsketten an, das heißt, wenn Vögel oder Fischotter jetzt die toten Fische fressen, werden sie ebenfalls sterben. Und gerade können wir noch gar nichts darüber sagen, wie hoch die Konzentration in der Oder wirklich ist, weil sie völlig außerhalb jedes Erwartungswertes liegt. Die Schwellenwerte für Quecksilber sind sehr niedrig. Im Trinkwasser darf überhaupt keins sein und auch im Fluss erwartet man das nicht.
Welche Auswirkungen haben das Niedrigwasser auf der Oder und die hohen Temperaturen?
Diese Faktoren kommen jetzt erschwerend hinzu: Je weniger Wasser auf dem Fluss ist, desto höher ist die Konzentration der Stoffe. Und eigentlich heißt es: je höher die Temperaturen, desto niedriger der Sauerstoff. Seltsamerweise sehen wir gerade, dass die Sauerstoffwerte höher sind, als gewöhnlich.
Wie kann das sein?
Es gibt Chemikalien, die verfallen, wenn sie mit Wasser in Verbindung kommen. Und eines der Abfallprodukte ist dann Sauerstoff. Allerdings bei Quecksilber gerade nicht. Das deutet daraufhin, dass wir es hier mit einem ganzen Cocktail an giftigen Stoffen zu tun haben.
Die Dürre am Rhein treibt einen Riss in die deutsche Seelenlandschaft
Trockenheit: Die Spree fließt wieder rückwärts
Angenommen, es hat tatsächlich eine Einleitung mit hohen Quecksilber-Werten in den Fluss gegeben. Wo könnte das denn herkommen?
Da kann man gerade nur spekulieren. Einerseits kann es aus der chemischen Industrie kommen. Wenn es ganz blöd gelaufen ist, dann war es ein Terror-Anschlag oder irgendwas Vorsätzliches. Das wäre extrem gruselig. Es kann aber auch sein, dass bei den Bauarbeiten zum Ausbau der Oder in Polen – der vorangetrieben wird, trotz aller Proteste von deutscher Seite – Sedimentschichten abgebaggert wurden, die mit Quecksilber kontaminiert sind. Vor vielen Jahrzehnten wurde das mal genutzt, um andere Metalle aus dem Gestein zu lösen. Ob das zu Konzentrationen führt, die solch ein Fischsterben auslösen, kann ich nicht beurteilen.
Es braucht eine internationale Untersuchungskommission.
Christiane Schröder, Geschäftsführerin des Nabu Landesverbandes
Die polnische Umweltbehörde gab gestern bekannt, es seien keine toxischen Substanzen im Wasser festzustellen. Wie ist das zu bewerten?
Aus meiner Sicht brauchen wir jetzt eine internationale Untersuchungskommission, die das aufklärt. Ich gehe davon aus, dass auf polnischer Seite toxische Einleitungen stattgefunden haben und dass dort jetzt massiv vertuscht wird. Warum, das entzieht sich meiner Kenntnis. Aber, dass dort etwas dramatisch falsch gelaufen ist, ist vollkommen klar. Selbst wenn es keine toxischen Substanzen gewesen wären, hätten die Polen die Pflicht gehabt, die deutschen Behörden bei den ersten toten Fischen direkt zu warnen. Das ist nicht geschehen.
Was hätte es denn genutzt, wenn früher gewarnt worden wäre?
Man hätte versuchen können, in der Nähe des Eintragungsortes Barrieren zu errichten, die verhindern hätten können, dass die Chemikalien den Fluss runterfließen. Das wäre natürlich alles mit großem Aufwand verbunden gewesen, mit vielen Kosten, einer Taskforce, aber es wäre immer noch besser, als wenn jetzt wirklich Quecksilber in das Oder-Delta gelangt und schließlich in die Ostsee. Das wäre eine absolute Katastrophe, mit der wir die nächsten hundert Jahre zu tun hätten.
Zur Person
Was bedeutet dieser Vorfall für die Menschen, die in der Nähe der Oder leben?
Ganz akut bedeutet es, dass man die Oder auf jeden Fall meiden sollte. Vor allem wenn man mit Hunden oder Kindern unterwegs ist. Langfristig ist es schwer zu sagen, es hängt davon ab, womit wir es jetzt zu tun haben. Aber für die Fischerei am Fluss und den Tourismus wird sich das schon über einen langen Zeitraum bemerkbar machen.
Was können wir tun, um solch dramatische Vorfälle in Zukunft zu vermeiden?
Wir sollten daraus vor allen Dingen lernen, dass wir eine viel engere internationale Zusammenarbeit brauchen. In dem Fall eben mit Polen, das gilt für andere Länder aber genauso. Was wir sehen, ist jedoch, dass wir schon innerhalb Deutschlands Probleme haben, Bundesland-übergreifend Schutzgebiete einzurichten. Da ist in der Kommunikation extrem viel im Argen. Und dieser Vorfall ist mal wieder ein Zeichen dafür, wie egoistisch wir Menschen mit unserer Natur umgehen. Beispiel Polen: Lieber vertuschen, als aufklären. Wir agieren da viel zu sehr auf uns bezogen.
Ich bin klimadepressiv, denn uns bleiben maximal zehn gute Jahre miteinander
Klimaaktivisten färben Brunnen grün – auch in Berlin
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]