Energie

Magische Grenze durchbrochen: Strompreise steigen rasant

Die Strompreise steigen in einem bisher nicht dagewesenen Tempo. Die nächste Stromrechnung wird saftig.

Michael Maier
5 Min
Hochspannungsleitungen in Sachsens.

Hochspannungsleitungen in Sachsens.

© dpa/Jan Woitas

Die Strompreise sind auf neue Rekordhöhen gestiegen. Es ist zu erwarten, dass sich die deutschen Konsumenten im kommenden Jahr und in den Folgejahren auf signifikant höhere Stromrechnungen einstellen müssen. Die Gründe liegen zum einen in den hohen Gaspreisen, denn Gas ist zur Erzeugung von Strom notwendig. Die Preise für niederländisches Gas stiegen am Dienstag um sechs Prozent – das ist der stärkste Anstieg seit März. Die Strompreise steigen seit Monaten, da sich der Gaspreis mehr als vervierfacht hat. Verschärft wird die Lage zusätzlich durch die aktuelle Hitzewelle.

Die Preise für die Strombezüge in Deutschland im nächsten Jahr stiegen an der Europäischen Strombörse (EEE) laut Bloomberg am Dienstag um 5,2 Prozent auf 502 Euro pro Megawattstunde. Es ist das erste Mal, dass die magische 500-Euro-Marke überschritten wurde. Die Bloomberg-Statistik zeigt außerdem einen Trend: Die Preise steigen täglich. Der Preis ist bereits jetzt fast sechsmal so hoch wie im vergangenen Jahr im Vergleichszeitraum. Allein in den vergangenen zwei Monaten hat sich der Strompreis verdoppelt.

Weil sich die steigenden Strompreise auf die gesamte Industrieproduktion auswirken, dürfte die Inflation durch diese Entwicklung weiter in die Höhe getrieben werden. Es wird erwartet, dass die Geldentwertung aus diesem Grund sich bald in den zweistelligen Bereich begeben wird.

Die hohen Energiekosten werden zum akuten Problem für die Vermieter von Sozialwohnungen. Diese fordern daher einen Stützungsfonds für Wohnungsunternehmen, welche aufgrund der hohen Heiz- und Gaskosten Liquiditätsschwierigkeiten haben. „Die Vermieter geraten mehr und mehr in eine aussichtslose Situation“, sagt Andreas Breitner, Direktor des Verbands norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW), laut Mitteilung des Verbands. „Sie müssen die von Energieunternehmen in Rechnung gestellten massiv gestiegenen Energiekosten sofort bezahlen, bekommen das Geld aber erst mit der Heizkostenabrechnung im kommenden Jahr von den Mieterinnen und Mietern zurück. Fraglich ist dann, ob angesichts der Kostenwelle im Energieverbrauch, diese dann überhaupt beglichen werden können. Vor allem kleinere Unternehmen können dadurch in Finanznot geraten. Ihnen fehlt es aufgrund der explosionsartig gestiegenen Energiekosten schlicht an Liquidität. Einem nicht liquiden Unternehmen droht die Insolvenz. Wir brauchen rasch eine pragmatische und unbürokratische Lösung. Ein Stützungsfonds wäre so eine Lösung.“

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Die Frage der hohen Energiekosten wird aktuell von der Frage überlagert, ob Europas Energie-Versorger in diesem Winter überhaupt genug Strom erzeugen können. Die anhaltende Hitzewelle in Europa hat die Knappheit im Juli noch verstärkt, indem sie die Erzeugungskapazität unterbrochen und gleichzeitig die Stromnachfrage in die Höhe getrieben hat. Niedrige Windgeschwindigkeiten aufgrund der hohen Temperaturen hätten die Stromerzeugung aus Windkraft reduziert, während sinkende Wasserstände entlang des Rheins die Lieferung von Kohle an Kraftwerke in Deutschland unterbrochen hätten, sagte William Peck, Strommarktanalyst bei ICIS, einem Unternehmen für Rohstoffanalysen, der Financial Times (FT).

Die herrschenden Hitzewellen gefährden auch die Kernenergie-Produktion. Frankreichs Nuklearkapazität ist derzeit extrem niedrig, weil das Kühlwasser knapp wird. Dies schränkt die Möglichkeit von Stromexporten in den kommenden Monaten ein und stellt darüber hinaus ein nicht unerhebliches Sicherheitsrisiko dar. In Frankreich plant die Regierung von Präsident Emmanuel Macron die vollständige Verstaatlichung von Electricité de France (EDF), dem unter Druck geratenen Atomenergieversorger. EDF hat Schwierigkeiten, seine Anlagen in der glühenden Hitze am Laufen zu halten. Hinzu kommt ein handfester Konflikt zwischen der Regierung in Paris und dem Unternehmen: EDF verklagt seine eigene Regierung auf 8,3 Milliarden Euro, nachdem das Unternehmen gezwungen war, Energie mit Verlust an Verbraucher zu verkaufen. EDF hatte im Januar eine Schadenersatzklage eingereicht, weil die Regierung die bestehende Preisobergrenze verlängert hatte. Macron zwang EDF auf diese Weise, mehr Strom an Konkurrenten zu Preisen unter den Marktpreisen zu verkaufen. Die Maßnahme sollte dazu dienen, die Haushalte zu entlasten und die Inflation zu bremsen. Als Gegenleistung zu seiner Monopolstellung muss EDF Strom mit hohen Abschlägen an Konkurrenten verkaufen. Die Regierung hatte die Obergrenze für den Rabatt im Januar um ein Fünftel erhöht und damit das Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten gebracht.

Auch in Großbritannien brodelt es: So ist zu erwarten, dass die Strompreise ab Oktober um bis zu 80 Prozent steigen könnten. Die Regierung hat daher beschlossen, dass sich die Preisobergrenze für Haushaltsenergie Anfang Oktober aufgrund steigender Großhandelskosten fast verdoppeln soll.

Doch für viele Bezieher von kleinen und mittleren Einkommen wird die avisierte Obergrenze nicht reichen. Sie haben sich daher in einer Protestbewegung zusammengeschlossen. Sie wollen massenweise die Bezahlung ihrer Rechnungen verweigern. Die Initiative „Don’t pay UK“ fordert eine Reduzierung der Energiekosten auf ein bezahlbares Niveau. Dazu will die Initiative eine Million Unterstützer gewinnen. Diese sollen sich verpflichten, nicht mehr zu bezahlen, wenn die Regierung am 1. Oktober eine weitere massive Erhöhung vornimmt. Zum Dienstag hatten bereits 107.000 Personen den Aufruf unterschrieben. Die Protestler erinnern an eine gute britische Tradition und schreiben auf ihrer Website: „Die massenweise Zahlungsverweigerung ist keine neue Idee. Es gab sie bereits Ende der 80er- und 90er-Jahre im Vereinigten Königreich, als mehr als 17 Millionen Menschen sich weigerten, die Kopfsteuer zu zahlen – und damit dazu beitrugen, die Regierung zu stürzen und ihre härtesten Maßnahmen rückgängig zu machen.“

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