Das Gespräch mit Morten Thorsby läuft schon fast 20 Minuten, als sich Niclas Scheidt zu einem Einwurf genötigt sieht. Eigentlich, so Scheidt, der beim 1. FC Union Berlin in der Presseabteilung mitwirbelt, wolle der norwegische Fußballprofi, der an diesem Mittwoch zu seiner Rechten im Presseraum des Bundesligisten sitzt, heute nur über Fußball reden und nicht über seine Aktivitäten als Umweltschützer.
Aber mal ehrlich: Mit Thorsby, der im Sommer von Sampdoria Genua zu den Eisernen gewechselt ist, kann man nicht nur über Fußball reden. Auch wenn er, wie sich bei diesem Termin noch zeigen wird, auf eindrucksvolle Weise über seinen Sport, seine Talente oder aber auch über das anstehende Heimspiel gegen RB Leipzig (Sonnabend, 18.30 Uhr) zu reden vermag. Aber dazu später, nachdem man sich noch mal mit seiner Mission, aus unserer Welt eine Welt mit Zukunft zu machen, auseinandergesetzt hat.
EISERN Magazin Nr. 6
Der 26-Jährige, und das ist keineswegs übertrieben, ist wohl tatsächlich einer der ungewöhnlichsten und damit auch interessantesten Profis unserer Zeit. Als „Greta Thunberg des Fußballs“ bezeichnet man ihn. Was ihn keineswegs empört, nein, er schätzt die junge Schwedin für ihr Wirken, bringt sich bei seinem Einsatz für Umweltschutz und Nachhaltigkeit aber mit leiseren Tönen und nicht ganz so reißerischen Aktionen ein.
Wie schon in Genua trägt er auch in Berlin die „2“ auf seinem Rücken, als Statement und Hinweis auf die im Pariser Abkommen dokumentierte Absicht, bis zum Jahr 2100 die globale Erwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius gegenüber dem Niveau der vorindustriellen Zeit begrenzen zu wollen. Wie schon in Genua will der „Green Boy“, wie man ihn bei Samp nannte, auch in Berlin fürs Erste eher auf der kleinen, denn auf der großen Bühne für seine Sachen kämpfen. Und das alles über die von ihm ins Leben gerufene Non-Profit-Organisation „We Play Green“, wobei er von seiner Familie, im Besonderen von Vater Espen Unterstützung erfährt.
Zunächst belächelt, inzwischen geschätzt
„Ich war 18 oder 19 Jahre alt, als ich allein nach Holland gegangen bin, zum SC Heerenveen, da zunächst sehr viel Zeit hatte und sehr viel über das Thema gelesen habe. Da wurde mir bewusst, dass das tatsächlich ein sehr großes Problem ist und dass wir etwas tun müssen. Dass ich etwas tun muss. Denn das Problem löst sich nicht von selbst“, sagt Thorsby. Und: „Ich habe zudem erkannt, dass wir Fußballprofis sehr viel tun können, dass wir als Role Models den Unterschied ausmachen können.“
So brachte er die Teamkollegen in Heerenveen dazu, wie er selbst mit dem Fahrrad zum Training zu fahren. Die Klubführung ermunterte er dazu, eine Solaranlage aufs Stadiondach zu platzieren. In Genua wiederum initiierte er Müll- und Plastik-Sammelaktionen, aber auch Baumpflanzaktionen. Und jüngst startete er das Projekt „Green Bag“, über das er das Recycling von Fußballkleidung und -schuhen vorantreiben will.
Zu Beginn hätte der eine oder andere über ihn einfach nur gelacht, erzählt er weiter, aber die Dinge hätten sich nun mal drastisch verändert. „In den vergangenen zwei, drei Jahren haben wir es am eigenen Leib verspürt. Diese Temperaturen sind einfach nicht mehr normal“, sagt Thorsby, um dann selbst die Brücke zum Fußball zu schlagen: „Letztendlich bin ich aber ein Fußballspieler, das ist mein Job. Aber es ist so: Je besser ich Fußball spiele, desto größer ist mein Einfluss als Umweltaktivist. Niemand würde doch auf mich hören, wenn ich kein Fußballspieler wäre.“
Er will bei Union den nächsten Schritt machen
Und was er für ein guter Fußballerspieler ist! Nationalspieler ist er, klar, Stammspieler in Genua war er, wobei er in unterschiedlichsten Systemen auf unterschiedlichsten Positionen zum Einsatz kam. Nun will er sich weiterentwickeln, bei Union den nächsten Schritt machen, sich spezifizieren in der Rolle eines Mittelfeldspielers, der mit seiner Energie und seinem gutem Spielverständnis sowohl in der Defensive als auch in der Offensive Akzente setzen will. Als typische Nummer 8, als Box-to-box-Player, wie man in England sagen würde. Er habe nicht die eine besondere Qualität, sagt er, könne aber auf einem ansprechenden Level alles ein bisschen.
Sein erster Pflichtspiel-Auftritt im Trikot der Eisernen am vergangenen Wochenende beim 0:0 gegen Mainz und der Eindruck, den er beim Training erweckt, lassen jedenfalls darauf schließen, dass er bei Trainer Urs Fischer schon bald erste Wahl sein wird. Dass er sich flugs an das zur Serie A vergleichsweise höhere Tempo in der Bundesliga gewöhnen und in naher Zukunft auch auf dem Platz Ausrufezeichen setzen wird. Vielleicht schon im Spiel gegen Leipzig, für das er folgende Maxime ausgeben hat: „Wir sollten kein Team fürchten.“
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