Kritik an Baustadtrat

Bürgerinitiative will keine Straßensperrung im Samariterkiez

Poller sollen Verkehrsbelastung senken. Das Gegenteil sei der Fall, sagen Anwohner.

3 Min
Durchfahrt verboten: Oliver Mummer steht an der Sperre, die sich seit Mitte August diagonal über die Kreuzung Schreiner-/ Voigtstraße zieht.

Durchfahrt verboten: Oliver Mummer steht an der Sperre, die sich seit Mitte August diagonal über die Kreuzung Schreiner-/ Voigtstraße zieht.

Adressat ist ein Mann, der polarisiert. „Wir müssen dem Autoverkehr Platz wegnehmen“: Das ist die Devise von Stadtrat Florian Schmidt, der für Planen und Bauen zuständig ist. Der Grünen-Politiker hat kein Auto mehr. Er legt viele Wege mit dem Fahrrad zurück - wie auch sein neuer Tiefauamtsleiter Felix Weisbrich. Beide möchten Friedrichshain-Kreuzberg zum Modellbezirk für die Verkehrswende machen, bei der Radfahrer und Fußgänger den Platz bekommen, den sie verdienen.

Die Bedeutung des Autos werde überschätzt, sagt Schmidt - und belegt dies mit dem Motorisierungsgrad, der wahrscheinlich der niedrigste einer deutschen Gebietskörperschaft ist. In Kreuzberg sind pro tausend Einwohner gerade mal rund 285 Kraftfahrzeuge zugelassen. Der Durchschnittswert für Deutschland liegt knapp unter 700.

Mehr Verkehr statt weniger

„Wir sind nicht gegen Verkehrsberuhigung – aber nicht so“, kontert die rund 20-köpfige Arbeitsgemeinschaft „Verkehr und Vernunft“, der Oliver Mummer angehört. Es stimme nicht, dass die Sperren die Verkehrsbelastung senken, sagt der 56-Jährige, der seit 1996 in der Schreinerstraße wohnt und in Buch arbeitet: „Im Gegenteil: Sie führen zu mehr Verkehr. Das Ziel wurde klar verfehlt.“ Die Poller zwingen zu Umwegfahrten: „Der Verkehr, auch der Durchgangsverkehr sucht sich weiter seine Wege – die nun länger sind.“

Die Parkplatzsuche ziehe sich nun länger hin als vorher, erzählt Mummer. Sein Rundkurs habe sich dank der Sperre in seiner Nachbarschaft um 600 Meter verlängert. Ortsfremde verfransen in dem Gewirr von Zickzackrouten. Folge seien gefährliche Falschfahrten in Einbahnstraßen und Rückwärtsfahrten.

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Widerstand von Taxi-Fahrern

Die Stadtreinigung sei ebenfalls betroffen. Taxifahrer lehnten es ab, sich in das Labyrinth zu begeben. Mummer rechnet vor: Ein Rettungsfahrzeug, das von der Frankfurter Allee zur Bänschstraße bisher 535 Meter zurücklegen musste, müsse nun rund 2,3 Kilometer bewältigen.

Stichwort Sicherheit: Nicht selten führten die Umwege an Bereichen vorbei, in denen sich oft Kinder aufhalten. Ein Beispiel ist die Bänschstraße: Dort lässt sich die Sperre in der Pettenkoferstraße mit einem U-Turn umfahren – vorbei an einer Kita, einem Spielplatz und einem Kinderladen. Eine Anwohnerin habe an einem Nachmittag innerhalb einer halbe Stunde 125 Autos gezählt.

Die Initiative kritisiert auch, dass der Bezirk unzureichend informiert habe. „Vielleicht fünf bis zehn Prozent der Bürger im Kiez wussten Bescheid – mehr nicht“, so Mummer. "Wir fordern eine vernünftige Lösung - ohne Poller." Aus Sicht der Bürger denkbar wären Tempo 10, Spielstraßen, Schwellen gegen Kraftfahrer, die zu schnell sind.

Das Auto wird nicht abgeschafft

Oliver Mummer stört vor allem das Prinzip: Politiker wollen mit aller Macht Mobilitätsgewohnheiten ändern. Die Findlinge, die in der Bergmannstraße Parkplätze okkupieren, seien ein weiterer Beleg dafür. Doch er fährt weiter Auto – „weil ich zur Arbeit sonst doppelt so lang unterwegs wäre“. Auch der Musiker Christian Raudszus, einer seiner Mitstreiter, schafft seinen Pkw nicht ab: „Mit meinem Cello fahre ich auch schon mal zehn Kilometer Rad. Doch zu vielen Konzerten muss ich längere Wege zurücklegen.“

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