Der russische Angriffskrieg in der Ukraine hat längst Deutschland erfasst. Nicht nur in Form von höheren Energiepreisen, Gasknappheit und mehr als 600.000 geflüchteten Frauen, Kindern und Alten. Am Montag wurde in Charlottenburg das Ausstellungsprojekt „Testament of Bucha“ eröffnet. Auf dem Kurfürstendamm steht ein Auto, das komplett ausgebrannt ist. Es ist ein Dokument für das Leid der Ukrainer, die es nicht geschafft haben, ihr Land zu verlassen.
In dem Auto saßen die 53-jährige Tamila Mishchenko, ihre 14-jährige Tochter Hanna. Zusammen mit Zhanna Kamenevoa und Maria Ilchak aus Butcha wollten sie vor den russischen Invasoren fliehen. Sie saßen in ihrem Auto und fuhren in Richtung Freiheit. Sie wollten weiterleben, ohne Angst. Noch in der Stadt trafen die drei Frauen und das Kind auf die russische Armee. Die russischen Soldaten feuerten auf das Auto, bis es in Flammen aufgeht. Alle vier Menschen starben.
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Der ukrainische Botschafter André Melnyk eröffnete am Montagvormittag zusammen mit dem Bezirksstadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf Oliver Schruoffeneger (Grüne) die kleine Ausstellung. „Es war nicht Putin“, sagt Melnyk, „sondern es war ein russischer Soldat, der die Entscheidung getroffen hat, das Auto zu beschießen.“ Bis zum 15. September 2022 soll auf dem Georg-Grosz-Platz ein „Testament of Bucha“ gezeigt werden – vis-à-vis den Geschäften von Gucci, Prada, Cartier, Chanel und Saint Laurent.
Das ukrainisch-deutsche Projekt hat zum Ziel, die Aufmerksamkeit der deutschen und europäischen Gesellschaft auf die Ereignisse in der Ukraine zu lenken. Der Ausstellungsort am Kudamm Ecke Schlüterstraße ist bewusst gewählt worden. Mitten zwischen Nobelboutiquen und Feinkostcafés sollen die Menschen erkennen, dass der Krieg nicht weit weg ist. Zugleich ist der obere Kudamm mit seinen Luxusshops ein beliebter Ort für Russen. Sei es in Deutschland lebende Russen oder russische Touristen.
Melnyk nutzte die Gelegenheit und äußerte sich am Kurfürstendamm auch zur Frage, ob Russen eine Einreise in die EU weiter erlaubt werden sollte. „Es könnte sein“, sagt er, „dass diese Soldaten, die geschossen haben, sich mithilfe eines Studentenvisums in Berlin aufhalten und dann über den Kudamm entlanggehen, das KaDeWe besuchen und hier auf dem Platz einen Kaffee trinken.“ Daher sei es nicht nur Putins Krieg, sondern ein Krieg, den die russischen Staatsbürger mitzuverantworten haben.
Wir müssen unsere Bequemlichkeit und Ruhe stören
Der Bezirksstadtrat Oliver Schruoffeneger sagt, dass es im Vorfeld Diskussion darüber gab, ob dieses Projekt und dieser Ort richtig seien. „Wir bringen nicht den Krieg hierher“, sagt er, „aber wir wollen und müssen bewusst unsere Bequemlichkeit und Ruhe stören“. Mit Blick auf die Nord-Stream-2-Debatte betont er: „Diese Haltung – was schert uns die Ukraine, was scheren uns die Hungertoten in der Welt – ist eine unmoralische Haltung.“
Initiiert wurde das Projekt von den Ukrainern Andriy Radnyuk und Roman Semenyshyn-Braescu. Beide haben sich mit Beginn des russischen Angriffes auf die Ukraine der Territorialverteidigung verpflichtet, um ihre Heimat zu schützen. Beide sind heute nach Berlin gekommen, um das Projekt persönlich zu präsentieren. „Wir tragen die Folgen des Krieges nach Berlin“, sagt Andriy Radnyuk, „damit die Besucher der Installation verstehen, was unser Land durchgemacht hat und immer noch durchmacht“. Die Künstler möchten die Erfahrungen der Ukraine weitergeben, damit sich die Tragödie von Bucha nirgendwo anders ereigne.
Das Innere des Autos, was in Bucha von russischen Soldaten beschossen wurde, bis es in Flammen aufging.
© Berliner Zeitung/Sebastian Ahlefeld
Das Auto ist Tag und Nacht kostenlos zu betrachten. Auf einer Informationstafel und in digitalen Schaukästen kann man sich darüber informieren. Am Tag der Eröffnung kommt ein Mann zu dem ausgebrannten Auto und fragt, was das sein soll. Ein Umstehender erklärt es ihm. Der Mann winkt ab und sagt: „Die Ukrainer sind selbst daran schuld, weil sie die Russen provoziert haben.“ Es kommt zu einem kurzen, heftigen Streit. Dann macht der Mann grinsend ein Selfie vor dem verbrannten Auto, in dem vier Frauen gestorben sind, und fährt mit seinem Fahrrad davon.
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