UPDATE

Tourismus

26 Millionen Ziegel: Deutschlands unbekanntestes Weltwunder soll berühmt werden

Die Göltzschtalbrücke im Vogtland ist die größte Ziegelsteinbrücke der Welt und wurde vor 175 Jahren erstmals befahren. Jetzt werden Millionen investiert

5 Min
Seit 175 Jahren ein technisches Wunder - die Göltzschtalbrücke

Seit 175 Jahren ein technisches Wunder - die Göltzschtalbrücke

© Claudia Lord

Vor genau 175 Jahren rollte heute der erste Zug über die Göltzschtalbrücke. Was am 15. Juli 1851 als kühnstes Bauprojekt seiner Zeit begann, ist bis heute ein Symbol für technischen Fortschritt und Ingenieursgeist in Sachsen. Denn dort steht die weltgrößte Ziegelsteinbrücke aus 26 Millionen Steinen. Die 574 Meter lange Eisenbahnbrücke überspannt bis zu 78 Meter hoch das Göltzschtal.

Nur kennt sie kaum jemand... „Wir haben pro Jahr rund 60.000 bis 100.000 Besucher in unserer Region und wollen das mindestens verdoppeln“, sagt Mike Purfürst (parteilos), Bürgermeister der unmittelbar angrenzenden Gemeinde Netzschkau. Denn während die berühmte Basteibrücke im Elbsandsteingebirge es sogar bis zum Bildschirmschoner-Motiv bei Microsoft geschafft hat, ist die mächtige Ziegelsteinbrücke noch touristisch unterbelichtet.

Was die aktuellen Tourismuszahlen auch belegen. Die Zahl der Hotels und Pensionen sank seit 2012 von 158 Einrichtungen auf 138 im letzten Jahr, auch die Bettenzahl sank. Urlauber bleiben im Schnitt nur zweieinhalb Tage in der landschaftlich reizvollen Ecke Sachsens, was einem Minus von 3,1 Prozent zum Jahr 2024 entspricht. Bei einer Auslastung von nur 42 Prozent übers ganze Jahr ist mit Hotels und Gastronomie im Vogtland kein Reichtum zu machen.

Doch das soll sich ändern. „Wir wollen in den nächsten Jahren rund 30 Millionen, auch dank Fördermitteln, investieren“, so Purfürst weiter zur OAZ. Seit Jahren gibt es dazu schon Diskussionen im Stadtrat von Netzschkau und Reichenbach. Zuletzt stellte die Berliner Firma mascontour stellte im April ihr Tourismuskonzept vor, mit dem Ziel, die Brücke zum „ganzjährig erlebbbaren Tourismusmagneten zu machen“.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Nervenkitzel an der Brücke

Unter dem Leitbild „GöltzschExperience 360°“ soll bis zum Jahr 2031 ein ganzjähriges Ausflugsziel entstehen, das Geschichte, Natur und moderne Freizeitangebote miteinander verbindet. Dafür wird ein zentrales Besucherzentrum mit Ausstellung, Gastronomie und Veranstaltungsbereich gebaut. Ein 1,4 Kilometer langer Erlebnispfad entsteht, sowie neue Veranstaltungs- und auch Spielflächen für kleine Besucher.

„Highligt ist eine spektakuläre Zipline-Anlage“, so der Bürgermeister weiter. Dabei fliegt man in ein Drahtseil eingehängt 700 Meter übers Göltzschtal und erreicht Geschwindigkeiten von bis zu 50 km/h.

Mit der Verbesserung der Infrastruktur sowie einer gezielten Marketingstrategie soll die Göltzschtalbrücke ein touristisches Leuchtturmprojekt in Sachsen werden.

Schon den 1920ern war die Brücke beliebtes Fotomotiv

Schon den 1920ern war die Brücke beliebtes Fotomotiv

© privat/Gero Fehlhauer

Ihre Geschichte gibt es allemal her. Denn der nur fünfjährige Bau der Brücke gehört zu den spannendsten Kapiteln der deutschen Ingenieurgeschichte. Mitte des 19. Jahrhunderts sollte die neue Eisenbahnverbindung zwischen Leipzig und Hof das wirtschaftliche Wachstum Sachsens beschleunigen. Das tief eingeschnittene Göltzschtal stellte die Planer jedoch vor eine nahezu unlösbare Aufgabe. Erst der Entwurf des vogtländischen Ingenieurs Johann Andreas Schubert (1808 – 1870) schuf die Grundlage für eine Brücke, die alle damaligen Vorstellungen von Größe und Baukunst übertraf.

Denn auf einen Wettbewerbsaufruf zur Gestaltung der Brücke, sowie der benachbarten Elstertalbrücke, gingen 81 Entwürfe ein. Keiner davon entsprach jedoch den statischen Anforderungen. Also setzte sich Johann Andreas Schubert, der die Prüfungskommission leitete, selbst ans Reißbrett. Er hatte zuvor bereits 1838 die erste sächsische Dampflokomotive konstruiert.

Mehr als 1700 Arbeiter waren ab 1846 am Bau beteiligt und mauerten Stein auf Stein. Der größte Rundbogen in der Mitte der Brücke hat eine Spannweite von knapp 31 Metern. Die Baukosten lagen damals bei 2,2 Millionen Talern, was laut Deutscher Bundesbank einem Kaufkraft-Äquivalent von rund 350 Millionen Euro heute entsprechen würde.

Selbst den Zweiten Weltkrieg überstand die Brücke unbeschadet. Obwohl die Wehrmacht im April 1945 Sprengungen vorbereitete und sogar Bohrlöcher in das Mauerwerk einbrachte, konnte die Zerstörung des weltgrößten Ziegelsteinviadukts in letzter Sekunde verhindert werden. Der zuständige Brückenkommandant soll, Erzählungen zufolge, von Vogtländern abgelenkt und von der Brücke fern gehalten worden sein, bis die amerikanischen Truppen eintrafen.

Soviel Glück hatte die Elstertalbrücke, aus immerhin 7 Millionen Ziegeln, nicht. Sie überbrückt das Tal der Weißen Elster bei Jocketa, 20 Autominuten von der Göltzschtalbrücke entfernt. Die „kleine Schwester“, ebenfalls eine Rundbogenbrücke aus immer noch 12 Millionen Ziegeln, ist neben einer Eisenbahn- auch eine Fußgängerbrücke. Sie verfügt auf halber Höhe über einen Fußgängerweg.

Welterbe und Whisky

Die Vogtländer sind sich ihres Schatzes bewusst. Doch die Kulturministerkonferenz der Länder lehnte 2023 die Bewerbung zur Aufnahme ins Unesco-Weltkulturerbe ab. Die  Begründung gegen das Monumaldenkmal lässt verwundern. Die Unesco krititisierte die Erneuerung der Brückenköpfe durch die Deutsche Bahn an den Enden des Viadukts. Sie mussten massiv verstärkt und teilweise neu aufgebaut werden, um tonnenschwere IC- und Regionalzüge tragen zu können. Auch Aufbauten wie Oberleitungsmasten und ein Geländer passten nicht ins Denkmalbild.

Nun feiern Netzschkau und Reichenbach ihre Brücke auf eigene Weise. „Am 15. Juli, dem Geburtstag der Erstbefahrung der Brücke, geht auch unser Brücken-Whisky in den Verkauf“, so Netzschkaus Bürgermeister Purfürst.

Thomas Michalski von der Dresdner Whisky-Manufaktur präsentiert mit Netzschkaus Bürgermeister Mike Purfürst den Jubiläumstropfen

Thomas Michalski von der Dresdner Whisky-Manufaktur präsentiert mit Netzschkaus Bürgermeister Mike Purfürst den Jubiläumstropfen

© Stadtverwaltung Netzschkau

Dafür lagerten zwei Fässer der Dresdner Whisky-Manufaktur ein Jahr lang in der Brücke zum Reifen. 400 Flaschen wurden daraus abgefüllt, „von denen über die Hälfte schon vorbestellt ist“, so Purfürst.

Neben dem edlen Tropfen für 149 Euro pro Flasche bekommt man ein Stück Originalziegel aus der Brücke, die sich die Stadt bei Ausbesserungsarbeiten am Bauwerk sicherte. Sämtliche Erlöse des Whisky-Verkaufs sollen wieder in die Umgestaltung des Geländes zum Erlebniszentrum fließen, so der Bürgermeister.

Am Wochenende wird das  Brücken-Jubiläum mit Sonderfahrten über die Göltzschtalbrücke und Wanderungen in ihrem Umfeld gefeiert. Nächste Woche hat sich Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch (CDU) im Vogtland angesagt. Purfürst sagt kämpferisch: „So etwas, wie diese Brücke gibt es kein zweites Mal auf der Welt. Wir müssen dieses Alleinstellungsmerkmal mehr vermarkten.“ 2028 sollen die Bauarbeiten für das neue Erlebnisareal beginnen und 2021 abgeschlossen sein.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner