Confurence in Berlin

Die flauschigen Furries sind in Berlin: „In Dino-Jahren bin ich 35 Millionen Jahre alt“

Eurofurence: In diesen Tagen versammelt sich die Furry-Gemeinschaft in Berlin. Erwartet werden 4000 Furries.

Lenja Stratmann Franka Klaproth
4 Min
Auf der Eurofurence ist tierisch was los.

Auf der Eurofurence ist tierisch was los.

© Berliner Zeitung/Markus Wächter

Der 35-jährige Marcel ist sein eigenes Tier, genauer: sein eigener Velociraptor. So sagt er es, wenn man ihn nach seinem Kostüm fragt: ein grauer Dinosaurier-Anzug mit blauen Streifen und grünem Haar auf dem Kopf. Heute ist er als Velon unterwegs, so ist sein Spitzname, denn alle haben hier einen Spitznamen. „In Dino-Jahren bin ich 35 Millionen Jahre alt“, sagt der gelernte Maler. „Ich mochte immer Karneval und Maskottchen beim Fußball.“ Schließlich sei er im Internet auf die Furries gestoßen.

Velociraptor? Furries? Was soll das sein? Wir sind in der Lobby des Hotels Estrel in Neukölln auf der 26. Eurofurence, einer Konferenz, zu der Menschen aus der ganzen Welt in tierischen Kostümen anreisen. Sie bezeichnen sich selbst als „Furries“ – ein Sammelbegriff für eine internationale Subkultur, die sich für die Vermenschlichung von Tieren in verschiedenen künstlerischen Formaten fasziniert. Es geht darum, mit Kostümen eine anthropomorphe Gestalt anzunehmen: die Gestalt eines Tieres, in dem ein Mensch steckt. Auf der Eurofurence können Teilnehmer an Workshops zum Kostüm-Basteln teilnehmen, doch im Grunde scheint es vor allem ums Sehen und Gesehenwerden zu gehen.

Entstanden sei die Gemeinschaft in den 80er- und 90er-Jahren, sagt Raschka, ein großer Mann mit grauen Haaren, der schon seit den Anfängen dabei ist und inzwischen als Mitglied des Mediateams arbeitet. Natürlich ist auch dies nicht sein richtiger Name. Er erklärt: „Viele der Kostüme sind von Science-Fiction-Filmen inspiriert oder von Büchern, in denen Tiere eine Rolle spielen, zum Beispiel Star Wars oder Jurassic Park. Auch Videospiele wie Starfox, ein Spiel aus den 90ern, oder das Nintendo-Spiel Animal Crossing benutzen einige als Vorbilder.“

Sobald die Furries in ihrer Gemeinschaft sind, nehmen sie eine andere Identität an: Die sogenannte Fursona, von der man auch mehrere haben kann. So hat Kyo, dessen Kostüm eine Mischung aus Fledermaus, Känguru, Hund und Pferd ist, auch noch eine andere Fursona. „Die heißt Maddy“, sagt er, „und sieht aus wie ein Border Collie.“

Marcel, einer der Eurofurence-Teilnehmer, als Velociraptor Velon.

Marcel, einer der Eurofurence-Teilnehmer, als Velociraptor Velon.

© Lenja Stratmann

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Die Ganzkörperkostüme, die man auf der Konferenz zu sehen bekommt, sind nicht gerade günstig: 5000 bis 8000 Euro müsse man für einen Fursuit aufbringen, so Jyanon, der außerhalb der Konferenz Jens Metzger heißt. Er selbst ist in Zivil unterwegs, er arbeitet, wie er sagt, in der Logistik der Konferenz. Wenn Jens Metzger zu Jyanon wird, wird er zum weiß-roten Drachen. „Der teuerste Fursuit, von dem ich weiß, hat 15.000 Euro gekostet“, sagt er. Tatsächlich sind viele der Kostüme auf der Eurofurence sogar mit eingebauten elektronischen Elementen versehen. So tragen einige der Teilnehmer im Gesicht einen Bildschirm anstelle einer Drachenschnauze.

Das Geschlecht der Teilnehmer ist unter den Kostümen schwer zu erkennen. Es wirkt, als seien die meisten hier männlich. Doch auch Frauen verstecken sich unter den aufwendig gestalteten Verkleidungen. Jorinda zum Beispiel ist heute als Möwe hier. Sie hat schon eine lange Furry-Karriere hinter sich: So sei sie bereits als Kormoran, Tiger und Löwe auf verschiedenen Konferenzen unterwegs gewesen. Doch nur als Möwe habe sie sich so richtig wohlgefühlt, sagt sie. „Ich war als Kind immer mit meinen Eltern an der See und fand Möwen einfach toll.“ Heute sei sie vor allem da, um Freunde zu treffen. In der Furry-Community kennt man sich, die Szene ist klein. Was häufig als Internet-Freundschaft beginnt, wird auf der Eurofurence zur Realität. Insgesamt rechnen die Veranstalter für die viertägige Veranstaltung mit 4000 Furries. Es handelt sich um die europaweit größte Versammlung, ein Ticket kostet 100 bis 130 Euro. 

„Das macht mir Spaß, damit fühle ich mich wohl“ – Jorinda im Möwenkostüm.

„Das macht mir Spaß, damit fühle ich mich wohl“ – Jorinda im Möwenkostüm.

© Lenja Stratmann

Die Motivation hinter der Verkleidung ist für die einzelnen Furries sehr unterschiedlich. „Für jeden ist es etwas sehr Persönliches dabei“, so Jyanon alias Jens Metzger. Einige wollten „ein Alter Ego aufbauen“, für andere sei es eine Möglichkeit, zum eigenen Haustier eine „Verbindung herzustellen“. Zum Hund zum Beispiel, der kürzlich gestorben sei. In jedem Fall biete die Verkleidung eine Möglichkeit, für eine Zeit aus der eigenen Haut zu schlüpfen und der „normalen“ Gesellschaft mit ihren Standards den Rücken zuzukehren. Jyanon sagt: „In unseren Kostümen sind wir von den Normen befreit.“ Und auf die Frage, ob er traurig sei, heute nicht im Kostüm da zu sein, antwortet er: „Überhaupt nicht. Es ist mehr als genug, das Lächeln der Furries zu sehen.“

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