Die Welt trauert um einen großen Politiker und Versöhner: Der russische Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow ist tot. Er starb am Dienstagabend im Alter von 91 Jahren in Moskau. „Heute Abend ist nach schwerer und langer Krankheit Michail Sergejewitsch Gorbatschow gestorben“, teilte das Zentrale klinische Krankenhaus (ZKB) der russischen Hauptstadt mit. Der weltweit geschätzte Politiker galt als einer der Väter der Deutschen Einheit und als Wegbereiter für das Ende des Kalten Krieges. Gorbatschow gilt als einer der wichtigsten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts.
Baerbock: Wir sind Gorbatschow „ewig dankbar“
Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) hat die Verdienste des verstorbenen Ex-Präsidenten der Sowjetunion, Michail Gorbatschow , um die deutsche Einheit gewürdigt. Gorbatschow habe sich „in Schicksalsmomenten unserer Geschichte von Frieden und der Verständigung zwischen den Menschen leiten lassen“, schrieb sie am Mittwochmorgen auf Twitter. „Das Ende des Kalten Kriegs und die deutsche Einheit sind sein Vermächtnis. Wir trauern um einen Staatsmann, dem wir dafür ewig dankbar sind.“
Ähnlich äußerte sich Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP): „Michail Gorbatschow haben wir so viel zu verdanken“, schrieb er auf Twitter. „Sein Einsatz für Frieden und Freiheit in Europa wird unvergessen bleiben - sein Engagement hat unsere Geschichte verändert.“ Gorbatschow sei ein „Wegbereiter für das Ende des Kalten Krieges und eine treibende Kraft der Deutschen Einheit“ gewesen.
Von der Linkspartei äußerte sich Bundestagsfraktionschef Dietmar Bartsch. „ Gorbatschow hat die Welt verändert“, schrieb er und erinnerte an die Schlagworte von Gorbatschows neuer Politik, die in der DDR von vielen begierig aufgenommen wurden: Perestroika (Umgestaltung) und Glasnost (Offenheit). „Das einziges Autogramm, das ich mir jemals holte, ist von ihm.“
Michail Gorbatschow: Er agierte wie ein Advokat der Bundesrepublik Deutschland
Gorbatschow: Der Westen zeichnet neue Feindbilder gegen Russland
In den letzten Jahren war Gorbatschow – von den Deutschen gern „Gorbi“ genannt – vor allem noch als Buchautor aktiv und meldete sich zu aktuellen Themen wie im Ukraine-Konflikt zu Wort. Nach Angaben des früheren Chefredakteurs von Echo Moskaus, Alexej Wenediktow, kritisierte Gorbatschow ihm gegenüber den russischen Angriffskrieg gegen das Nachbarland scharf. Offiziell äußerte er sich zu dem Zeitpunkt allerdings schon nicht mehr.
Reaktionen auf Gorbatschows Tod: „Er ebnete den Weg für ein freies Europa“
In den Jahren zuvor hatte Gorbatschow aber auch beklagt, dass nach der maßgeblich von Moskau unterstützten deutschen Einheit heute neue Feindbilder gegen Russland gezeichnet würden. Er sah auch eine Entfremdung zwischen Deutschen und Russen.
In seinem letzten Buch „Was jetzt auf dem Spiel steht“ kritisierte er ein „Triumphgehabe“ des Westens. „Gorbi“ war enttäuscht, dass die Deutschen mit der EU und den USA im Ukraine-Konflikt eine Politik der Sanktionen gegen Russland fahren. „Das erklärte Ziel ist es, Russland zu bestrafen.“ Die Strafmaßnahmen für die russische Annexion der ukrainischen Schwarzmeer-Halbinsel Krim von 2014 wollte er ebenso wenig einfach hinnehmen wie der Kreml. „Denn die Sanktionen haben nur eine einzige Wirkung: Die gegenseitige Entfremdung nimmt zu.“
Bei aller Schaffenskraft in den letzten Jahren mit vielen Interviews musste Gorbatschow schwere gesundheitliche Probleme einräumen. Immer wieder kam er ins Krankenhaus. Seine letzte Ruhe finden soll „Gorbi“ auf dem Neujungfrauenfriedhof in Moskau – für prominente Russen – neben seiner Frau Raissa. Ihren frühen Tod bezeichnete er stets als schweren persönlichen Schlag. Raissa starb 1999 in einer Klinik in Münster an Krebs.
Die Politik von Glasnost und Perestroika
Seinen Platz in der Geschichte hatte sich Gorbatschow schon Ende der 1980er Jahre gesichert. Mit seiner Politik von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) schaffte er die Voraussetzung für das Ende des Kalten Krieges zwischen Ost und West und auch für den Fall der Berliner Mauer 1989. Die damals auch von DDR-Bürgern glühend aufgenommene neue Linie Moskaus gilt bis heute als Durchbruch zu Freiheit und Demokratie. Bei den 30-Jahr-Feiern 2019 fehlte er aus gesundheitlichen Gründen.
Bis heute steht sein Name zudem für eine historische atomare Abrüstung, die er mit US-Präsident Ronald Reagan auf den Weg gebracht hatte. Vor seinem Tod musste „Gorbi“ aber noch mit ansehen, wie ein Abrüstungsvertrag nach dem anderen endete. Er warnte vor einem neuen Rüstungswettlauf: „Die Gefahr einer Militarisierung von Weltraum und Cyberspace ist real und in ihren möglichen Folgen katastrophal.“
Wann gab die Sowjetuniondie DDR frei?
Gorbatschow erhält 1990 den Friedensnobelpreis
1990 erhielt Gorbatschow für seine mutigen Reformen den Friedensnobelpreis. Der politische Prozess führte zu massiven Umbrüchen in allen Republiken des Sowjetstaates und letztlich zu einem Zusammenbruch des kommunistischen Imperiums.
Ein Großteil der russischen Bevölkerung sah den früheren Partei- und Staatschef stets als Totengräber der Sowjetunion - und als einen Politiker ohne Machtinstinkt. Gorbatschow trat als Präsident der Sowjetunion 1991 zurück, bevor sich der Staat wenig später selbst auflöste. Der neue starke Mann in Moskau wurde damals der russische Präsident Boris Jelzin (1931-2007).
Das „Bad in der Menge“ im Juni 1986: Die Bonner Bevölkerung bereitet dem sowjetischen Staatschef Michael Gorbatschow und seiner Ehefrau Raissa einen einmaligen Empfang.
© dpa/Frank Kleefeldt
Bis zu seinem Tod hatte Gorbatschow sich um seine eigene politische Stiftung in Moskau verdient gemacht. Die Organisation setzt sich für demokratische Werte und eine Annäherung Russlands an den Westen ein.
Bundespolitiker würdigen Gorbatschow – „mutiger Überzeugungstäter“
Mehrere Politiker haben Gorbatschow kurz nach Bekanntwerden seines Todes gewürdigt. Ohne Gorbatschow „wären die friedlichen Revolutionen in den Ländern des Ostblocks, bei uns, so nicht denkbar gewesen“, schrieb die Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) am Dienstagabend auf Twitter. „Seine Worte haben uns, haben mich, ermutigt, stark gemacht.“
Deutschland habe Gorbatschow viel zu verdanken, schrieb Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) ebenfalls auf Twitter. „Er leitete das Ende des kalten Krieges ein, ermöglichte Deutschlands Wiedervereinigung und schenkte seinem Land ein demokratisches Momentum. Ein mutiger Überzeugungstäter, dessen Stimme fehlen wird.“
Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) äußerte sich ähnlich und fügte hinzu: „Sein Tod bedrückt. In dieser Zeit noch mehr. Danke & #RIP“. Grünen-Politiker Jürgen Trittin twitterte: „Ich verneige mich vor einem großen Politiker des Friedens Michael #Gorbatschow RIP“.
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Der russische Präsident Wladimir Putin hat nach Angaben eines Sprechers sein tiefes Mitgefühl zum Tod von Gorbatschow geäußert. Putin werde der Familie am Mittwochmorgen ein Telegramm schicken, kündigte Kremlsprecher Dmitri Peskow der russischen Nachrichtenagentur Interfax zufolge am Dienstagabend in Moskau an.
Es sei der „Autor eines neuen Denkens“ gestorben, der dem Land und der Welt damals ein neues Atmen ermöglicht habe, meinte der Chef des russischen Rechnungshofes, Alexej Kudrin, in seinem Kanal bei Telegram.
Michail Gorbatschow - Stationen eines bewegten Lebens
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