Tesla in Brandenburg

Elon Musk und das Moor: „Nie die ganze Wahrheit, das ist das Tesla-Prinzip“

Die Gigafactory vor den Toren Berlins könnte irgendwann so viel Wasser verbrauchen wie eine Stadt mit etwa 40.000 Einwohnern. Das wäre fatal für eines der artenreichsten Moore in Norddeutschland.

Jens Blankennagel
Jens Blankennagel
15 Min
Weil der Elektro-Automobilhersteller Tesla im Löcknitztal in der Nähe der Autobahn 10 sein Werk Gigafactory baut, musste großflächig ein Stück Wald abgeholzt werden.

Weil der Elektro-Automobilhersteller Tesla im Löcknitztal in der Nähe der Autobahn 10 sein Werk Gigafactory baut, musste großflächig ein Stück Wald abgeholzt werden.

© IMAGO / Kai Horstmann

Doch hier draußen im Löcknitztal ist es nicht nur ruhig, es ist geradezu still. Nur das Krächzen eines Kolkraben ist zu hören, als Naturschützer Jörg Gelbrecht einen Waldweg entlanggeht. Leise streift der Wind über diese grüne Landschaft. Sie ist geradezu üppig grün, verschwenderisch und eine echte Besonderheit.

„Das Löcknitztal ist ein Moorgebiet, und als solches ist es eines der artenreichsten und vielfältigsten Feuchtbiotope im gesamten Norden von Deutschland“, sagt Jörg Gelbrecht, 69, und er muss es wissen. Der promovierte Chemiker arbeitete jahrzehntelang am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Brandenburg, war dort Abteilungsleiter und Moorspezialist. Außerdem ist er für den Naturschutzbund (Nabu) aktiv und ein wahrer Schmetterlingsexperte. Er sagt: „Das Löcknitztal ist definitiv auch ein Paradies für Schmetterlinge.“

Das Paradies Löcknitztal könnte austrocknen

Doch dieses Paradies ist in Gefahr. Das befürchten viele Natur- und Umweltschützer, nicht nur Jörg Gelbrecht. Das Löcknitztal, das sich von dem Örtchen Kienbaum bis nach Grünheide erstreckt, könnte austrocknen.

Der Name Grünheide ist inzwischen weltweit bekannt als Standort der ersten europäischen Fabrik des Elektroautobauers Tesla. Die Fabrik des Milliardärs Elon Musk könnte irgendwann so viel Wasser verbrauchen wie eine mittlere Stadt mit etwa 40.000 Einwohnern. Doch der Wasseranbieter der Region zwischen Berlin und Frankfurt (Oder) hatte bereits vor Tesla erhebliche Probleme, den enormen Durst der Wirtschaft und der Bürger zu stillen.

Dann kam Elon Musk mit der größten industriellen Investition in Ostdeutschland. Dem reichsten Mann der Welt wurde erlaubt, seine Gigafactory ausgerechnet in einem Trinkwasserschutzgebiet zu bauen, in der Nähe des Naturschutzgebietes Löcknitztal.

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Jörg Gelbrecht schützt die Schmetterlinge.

Jörg Gelbrecht schützt die Schmetterlinge.

© Berliner Zeitung/Markus Wächter

Die Besonderheit dieses Tals wird auch Laien ziemlich schnell klar. Man begreift es nach dem ersten ruhigen Blick über die Landschaft. Das Grün hier ist nicht so gleichförmig langweilig wie das Grün eines gut gewässerten und wohlfrisierten Rasens in einem Vorgarten. Das Löcknitztal bietet so etwas wie die größte anzunehmende Vielfalt an Grün. Das Schilf dort vorn am Ufer schimmert bläulich-grün, hier vorn die brusthohen Grasbüschel sind dunkelgrün, ein Stück weiter auf der Wiese wuchert überall das zarte Lindgrün frischer Farne. Und wer in die Hocke geht, sieht am Boden eine schiere Vielfalt an Blattformen: winzig klein oder flatschig groß, schmal oder kreisrund, durchschimmernd dünn oder wulstig dick. Das üppige Grün ist in diesem Extremsommer eine Wohltat für die Augen.

Überall Dürre, aber nicht in diesem Tal

Jörg Gelbrecht steht auf dem knochentrockenen und harten Sandboden des Waldweges. Als er die paar Schritte zur Wiese geht, überschreitet er die unsichtbare Grenze zum Moor. Auf der Wiese wippt er dann ein wenig mit dem Körper, und der Boden vibriert sichtlich. „Der Boden federt hier, als wäre er ein großer nasser Schwamm“, sagt er. Dann steht er einfach nur da und verlagert sein Körpergewicht auf die rechte Fußspitze. Sofort bildet sich rund um seine Sandale eine Pfütze. „Wer kann in diesem Sommer schon behaupten, auf einer Wiese nasse Füße bekommen zu haben?“

Er hat recht. Das beweist ein Blick hinüber zu dem Kiefernwald, keine 30 Meter entfernt. Dort stehen die Bäume nicht so dicht, sondern recht locker verteilt. Der Boden ist voller Gräser. Doch die Region Berlin-Brandenburg hat innerhalb von fünf Jahren gleich vier Dürresommer erlebt. Nun sind die Gräser völlig vertrocknet und die Büsche und die jungen Bäume lassen die Blätter hängen.

Die Tesla Gigafactory Berlin-Brandenburg in Grünheide im brandenburgischen Landkreis Oder-Spree. 

Die Tesla Gigafactory Berlin-Brandenburg in Grünheide im brandenburgischen Landkreis Oder-Spree. 

© imago 

Dieser Sommer ist extrem. In Potsdam zeigte das Thermometer die höchste jemals registrierte Temperatur an: 38,9 Grad am 20. Juli. An diesem Tag wurden in Thailands Hauptstadt Bangkok gerade mal 34 Grad erreicht. Der aktuelle Sommer wird in Berlin-Brandenburg wohl der zweitheißeste überhaupt werden.

Diese Entwicklung macht das Problem mit dem Wasser nicht kleiner. Die Dürre und die jüngsten Gießverbote für Gärten haben den meisten Menschen klar gemacht, dass sich etwas verändert. Dass es keine Selbstverständlichkeit mehr ist, dass Trinkwasser aus dem Hahn kommt. Wasser wird zu einer begehrten Ressource.

Die Landwirtschaft trifft es schon jetzt hart. Auch hier, rings um das grüne Löcknitztal. Die Hitze richtet massive Schäden an. Normalerweise würde der Mais jetzt bis zu drei Meter hoch stehen. Wegen der Dürre sind die Pflanzen aber oft nur brusthoch. Normalerweise wird der Mais Ende September geerntet. Dann sollen die Pflanzen oben an den Spitzen noch grün sein. Doch nun – vier Wochen vor der üblichen Ernte – sieht der Mais so braun aus wie auf Fotos aus Mexiko. Knochentrocken. Die Wüste lebt in Brandenburg.

1000 statt nur 100 Arten

Nur ein paar Hundert Meter weiter bekommt Jörg Gelbrecht noch nasse Füße. „Und das muss unbedingt so bleiben“, sagt er. Würde das Moor austrocknen, würde es ganz viel klimaschädliches Kohlendioxid freigeben. Die Landschaft sei extrem wichtig, um die Artenvielfalt zu erhalten, auch für Gelbrechts Lieblingstiere. „Mit Schmetterlingen beschäftige ich mich, seit ich fünf Jahre alt bin“, sagt der Mann mit der unaufgeregten Stimme. „Seit ich laufen kann, versuche ich alles einzufangen, was langsamer ist als ich.“ Egal, ob Eidechsen oder kleine Vögel. „Ich habe alles aufgepäppelt und gefüttert.“ Hier ganz in der Nähe ist er in einem Forsthaus aufgewachsen, war als Kind ständig in der Natur und lernte so die Schmetterlinge lieben – und damit auch das Löcknitztal.

Akribisch hält Jörg Gelbrecht fest, welche Schmetterlingsarten er vor Ort sieht.

Akribisch hält Jörg Gelbrecht fest, welche Schmetterlingsarten er vor Ort sieht.

© Berliner Zeitung/Markus Wächter

Gelbrecht erzählt, dass auf herkömmlichen Feldern oft nur 100 Arten von Schmetterlingen und Faltern heimisch sind. In diesem schmalen Tal seien es mehr als 1000. „Wenn wir hier und in den angrenzenden Gebieten tatsächlich alle Kleinschmetterlinge erfassen könnten, wären es sicher 1500, vielleicht auch 1800 Arten.“ Das heißt: Auf diesem schmalen Stück Land leben etwa zwei Drittel aller Schmetterlingsarten, die im gesamten restlichen Land Brandenburg nachgewiesen werden konnten. Wie gesagt: ein Naturparadies.

Doch wenn es nicht mehr ausreichend Wasser bekommt, könnte es austrocknen. Erst verschwindet die einzigartige Vielfalt an Pflanzen, dann verschwinden die Schmetterlinge und Insekten, die sich an genau diese Pflanzen angepasst haben. Und wenn die Insekten weg sind, fehlen sie als Futter für die Vögel.

Mehr Vielfalt geht kaum auf so engem Raum

„In diesem Jahr ist die große Zeit der Schmetterlinge bereits vorbei“, sagt Gelbrecht. Im Juni fliegen hier über diese kleine Wiese Hunderte dieser Tiere. Die Wiese wurde im August von den Freiwilligen der Interessengemeinschaft Löcknitztal gemäht. „Das machen wir einmal pro Jahr auf sechs Wiesen“, sagt Gelbrecht. „Sonst würde hier alles ganz schnell zuwuchern und wir hätten nicht so gute Bedingungen für die Pflanzen und Tiere.“ Die Flusslandschaft ist ein Mosaik aus Schilfbereichen, feuchten Moorwiesen mit Orchideen sowie Trockenwiesen und nassen und trockenen Wäldern. Mehr Vielfalt geht kaum auf so engem Raum. Gelbrecht sagt: „Ohne das jahrzehntlange Engagement der ehrenamtlichen Naturschützer wären hier sicher schon viel mehr Arten ausgestorben.“

Ein Mausgraues Flechtenbärchen - der Falter lebt im Löcknitztal.

Ein Mausgraues Flechtenbärchen - der Falter lebt im Löcknitztal.

© Berliner Zeitung/Markus Wächter

Gelbrecht zeigt auf einen Grashalm: ein kleines weiß-graues Etwas mit winzigen schwarzen Punkten. Diesen Falter würden wohl fast alle übersehen, er aber nicht. „Ein Mausgraues Flechtenbärchen. Der ist typisch für die Bäume dort am Rand der Wiese.“ Kurz danach fliegt der Falter tatsächlich zu den Erlen.

Warum wurde Elon Musk zum Feindbild?

Warum ist ausgerechnet Elon Musk zum Feindbild für etliche Naturschützer geworden? Der Mann baut doch Elektroautos, und die gelten vielen als ökologische Alternative zu Benzinern und Diesel. Und die „Gigafactory Berlin-Brandenburg“ gilt als modernste Autofabrik Deutschlands. Eine Milliarden-Investition. Musk wird von den einen als Visionär der Elektromobilität gefeiert, als ein Revolutionär, der mit seinen E-Autos die überhebliche deutsche Autoindustrie das Fürchten lehrt. In den USA war der 51-Jährige die Persönlichkeit des Jahres 2021. Von anderen wird der gebürtige Südafrikaner geschmäht als Egozentriker, als Mann der oft sprunghaften Entscheidungen, der mit ein paar Worten bei Twitter ganze Branchen in Bedrängnis bringt und Börsenkurse nach oben oder unten jagt. Er gilt vielen auch als ein Mann, der sich nicht so sehr um die Rechte von Arbeitnehmern kümmert oder um den Naturschutz.

Tesla-Chef Elon Musk in der Fabrik in Grünheide.

Tesla-Chef Elon Musk in der Fabrik in Grünheide.

© dpa/Patrick Pleul

Auch in Grünheide wird ihm vorgeworfen, dass es ihm egal sei, woher das Wasser komme. Legendär ist sein Satz bei einem Vor-Ort-Termin: „Diese Region hat so viel Wasser, schauen Sie sich um. Finden Sie, es sieht hier nach Wüste aus?“

Und natürlich stellt sich die Frage, warum das Löcknitztal austrocknen sollte, wenn in der Nachbarschaft die Tesla-Fabrik läuft. Immerhin hat Tesla doch einen gültigen Vertrag mit dem regionalen Wasserbetrieb.

Woher soll das Wasser kommen?

Doch bislang kann nicht abschließend gesagt werden, woher so viel zusätzliches Wasser kommen soll. Es gab gerichtliche Auseinandersetzungen wegen einer fehlerhaften Genehmigung für ein Wasserwerk. Nun gibt es eine Sondererlaubnis zur Förderung. Aber der Wasserbetrieb sagt: Die Gesamtsituation sei angespannt, alle Reserven seien bereits ausgeschöpft. Wegen des Wassermangels dürfe sich auch kein Gewerbe mehr ansiedeln. Nun wird überlegt, ob Wasser aus noch größeren Tiefen geholt werden sollte.

„Das könnte ein echtes Problem für das Tal werden“, sagt Jörg Gelbrecht und zeigt auf die riesigen, brusthohen Grasbüschel, von denen manche mehr als einen Meter Durchmesser haben. „Diese Pflanzen werden Seggen genannt“, sagt er. „Sie sind ein Beweis dafür, dass das Moor hier aus dem Grundwasser gespeist wird, denn Seggen wachsen nur an solchen Standorten.“

Luftbild von der Löcknitz und den Moorwiesen.

Luftbild von der Löcknitz und den Moorwiesen.

© Berliner Zeitung/Markus Wächter

Auch die großen Bäume ringsum leben vom oberen Grundwasserleiter, er speist auch die meisten Seen und Flüsse. „Doch durch die langen Dürren sinkt das Wasser im oberen Grundwasserleiter überall immer weiter ab“, sagt Gelbrecht. Deshalb vertrocknen Pflanzen, und der Wasserstand in den Seen und Flüssen sinkt. Noch kommt hier auf diesen Wiesen reichlich Wasser aus der Tiefe an. „Damit sprechen alle Indizien dafür, dass dieses Wasser aus einer viel größeren Tiefe in die Höhe sprudelt, aus dem sogenannten zweiten Grundwasserleiter.“ Nun werde aber diskutiert, ob dieses Wasser angezapft werden sollte. Nicht nur für Tesla, auch für Berlin und die Leute, die in den Speckgürtel ziehen.

„Wo ist der Plan B?“

„Noch ist es nur eine Debatte, die ergebnisoffen geführt werden soll“, sagt Gelbrecht. Aber es irritiere viele Leute in der Region, dass in einer ergebnisoffenen Debatte nicht auch über eine Alternativvariante diskutiert wird. „Wo ist der Plan B?“, fragt Jörg Gelbrecht und geht hinüber zu einer Trockenwiese.

Er sieht im Gras die gelb-orangefarbenen Flügel eines Dukatenfalters. „Ein Weibchen. Das ist nicht so prachtvoll wie das knallige Goldrot der Männchen“, sagt er und lächelt. „Einer der schönsten Schmetterlinge, die ich kenne.“ Und er war auch in Sibirien auf Suche, in Marokko, der Türkei oder Australien.

Die erste Gottesanbeterin vom Löcknitztal.

Die erste Gottesanbeterin vom Löcknitztal.

© Berliner Zeitung/Markus Wächter

Dann sieht er etwas im Wald, das so ungewöhnlich ist, dass er geduckt losläuft. Ganz vorsichtig, weil er es nicht glauben kann. „Tatsächlich, eine Gottesanbeterin“, sagt er und schüttelt den Kopf. „Die stammen aus dem Süden und wandern aus viel trockeneren Gegenden ein. Ich habe hier noch nie eine gesehen.“ Es sei der Erstnachweis im Löcknitztal und ein Beleg dafür, dass auch diese Gegend immer trockener wird. „Aber es war schon immer ein Feuchtgebiet“, sagt Gelbrecht. „Das sagt schon der Name Löcknitz. Der stammt aus dem Slawischen und bedeutet Seerosenbach.“

Rot ist die Farbe von Tesla

Rot ist die Farbe von Tesla. Jedenfalls im öffentlichen Verkehr. Und damit sind nicht die Elektroautos des Konzerns gemeint, sondern die Busse, die an den Bahnhöfen rund um die Gigafactory stehen. Rote Shuttle-Busse, an denen vorn nicht eine Nummer oder ein Ortsname steht, sondern Tesla. Am Bahnhof Fangschleuse warten gleich drei Busse, um die Mitarbeiter zur Fabrik zu bringen.

Die Straße führt durch weite Kiefernwälder, dazwischen wurde ein Stück Wald gerodet für ein Umspannwerk für Tesla. „Ein breiter Streifen entlang der Straße soll abgeholzt werden, damit die Straße zu Tesla vierspurig wird“, sagt Thomas Löb, der Chef der Brandenburger ÖDP, der Ökologisch-Demokratischen Partei. Die Bäume würden nicht als wertvoll angesehen. „Dabei sind da sogenannte Methusalem-Kiefern dabei.“ Die sind so alt, dass ihre Zapfen für die Zucht gesammelt werden.

Lkw und Container auf einem Parkplatz der Gigafactory in Grünheide.

Lkw und Container auf einem Parkplatz der Gigafactory in Grünheide.

© imago images

Löb und seine kleine Partei gehören zu den ganz großen Kritikern der Tesla-Fabrik an diesem Standort. Die großen Parteien sind in Fragen Elon Musk kaum aufmüpfig. Die einen freuen sich, dass er 12.000 Arbeitsplätze verspricht, die anderen sind sowieso industriefreundlich. Die nächsten sind einfach glücklich, dass die größte Investition in Ostdeutschland nach Brandenburg geholt wurde. Und die Grünen leiten in Brandenburg das Umweltministerium, das die Tesla-Fabrik genehmigen muss.

Thomas Löb geht hinüber zur Tesla-Fabrik. In den Hallen werden seit März Autos gebaut, aber überall rollen noch Baufahrzeuge umher. Ein Laster bringt Kies, ein Radlader verteilt ihn. Gleich daneben steht der Rohbau der Batteriefabrik. Die steht für Löb symptomatisch für das Prinzip Tesla. „Die fahren ganz gezielt eine Salami-Taktik“, sagt der 55-Jährige. „Anfangs hieß es: Eine Batteriefabrik wird hier nicht gebaut.“ Die hätte der Konzern wohl auch nicht genehmigt bekommen wegen der vielen Gefahrenstoffe in einem Wasserschutzgebiet. Dann reichte Tesla Pläne für ein großes Lager nach. Das wurde genehmigt. „Später wurde das Lager zur Batteriefabrik umgewidmet“, sagt er. „Es wird immer irgendwie gemauschelt. Es werden nie alle Karten auf den Tisch gelegt. Es gibt keine Transparenz.“

Thomas Löb von der Ökologisch-Demokratischen Partei vor dem Rohbau der Batteriefabrik.

Thomas Löb von der Ökologisch-Demokratischen Partei vor dem Rohbau der Batteriefabrik.

© Berliner Zeitung/Markus Wächter

Es ist gefährlich an der Straße. Große Laster rasen vorbei, Baufahrzeuge, rote Busse. Löb geht an der Batteriefabrik vorbei. Aus einem riesigen Fenster sind die Rufe der Bauarbeiter zu hören. Dahinter ein altes Bahngleis, dahinter ein Kiefernwald, der bis zum Löcknitztal reicht. Dort will Tesla Gleisanlagen bauen und einen Bahnhof. Etwa 170 Hektar, etwa halb so groß wie das bisherige Firmengelände. Löb sagt: „War auch anfangs nicht geplant. Wieder Salami-Taktik. Immer schön scheibchenweise, damit niemand genau weiß, was wirklich noch alles geplant ist.“

Er zeigt auf ein Stück platte Erde, wo vor vier Monaten noch ein Wald stand. Dort fahren Baufahrzeuge umher. „Dort soll wohl ein Löschwasserbecken hin.“ War auch nicht in den ursprünglichen Plänen. Er zeigt auf das Areal daneben. „Dort stehen Krötenzäune, damit keine Tiere mehr auf das Baugelände gelangen“, sagt er. Da wird auch gebaut. Gehörte anfangs auch nicht zu Tesla.

Das Tesla-Prinzip: immer neue Flächen übernehmen

Gegenüber der Tesla-Fabrik befindet sich ein riesiges Güterverteilzentrum aus den 90er-Jahren. „Nun gibt es Spekulationen, dass Tesla dort auch Flächen übernehmen könnte“, sagt der Veranstaltungskaufmann. „Immer stückweise. Nie die ganze Wahrheit. Das ist das Tesla-Prinzip.“

Wieder fährt ein roter Tesla-Bus vorbei. Danach viele große und kleine Fahrzeuge. Der Verkehr brummt, ein Dauerrauschen. Gefühlt sind hier zehnmal mehr Fahrzeuge unterwegs als vor zweieinhalb Jahren, als hier noch ein Wald stand und die Gigafactory noch fern war.

Die Produktion der Elektroautos läuft in Grünheide seit diesem Frühjahr.

Die Produktion der Elektroautos läuft in Grünheide seit diesem Frühjahr.

© dpa/Patrick Pleul

Thomas Löb sammelt akribisch alle Fakten über die Fabrik. „Niemand weiß, was hier noch alles kommen wird.“ Die erste von drei Ausbaustufen der Fabrik arbeite längst, aber erst hinterher werde versucht, dort die gängigen Umweltstandards zu etablieren. „Da wird mit hochgiftigen und brandgefährlichen Stoffen auf einem Trinkwasserareal allerhöchster Güte hantiert.“ Löb spricht von Bioziden, die alles Leben abtöten können. „Wenn hier etwas schiefläuft und die Gifte ins Grundwasser gelangen, ist nicht nur die schöne Natur im Löcknitztal dahin, dann stehen auch eine Millionen Brandenburger und Berliner irgendwann ohne sauberes Trinkwasser da.“

„Das größte anzunehmende Unglück für den Umweltschutz“

Die Gigafactory wurde mit knapp 20 kleinen Einzelgenehmigungen gebaut. Erst als sie fertig war, bekam Musk im März die offizielle Baugenehmigung. Ministerpräsident Dietmar Woidke sagte, dass es in Brandenburg eine neue wirtschaftliche Zeitenrechnung gebe: „Es wird eine Zeit vor Tesla geben und eine Zeit mit Tesla.“ Der Sozialdemokrat meinte das rundweg positiv. Auch Thomas Löb teilt diese Sicht mit dem Davor und Danach. Aber seine Sichtweise fällt sehr düster aus. „Diese Industrieansiedlung ist so etwas wie das größte anzunehmende Unglück für den Umweltschutz“, behauptet er.

Hier sei im inzwischen berüchtigten „Tesla-Tempo“ gebaut worden, ohne endgültige Baugenehmigung. „Nun berufen sich bereits andere Firmen darauf und wollen ebenfalls in Tesla-Tempo bauen – mit möglichst wenigen Einsprüchen von Bürgern und Umweltverbänden.“

Löb schüttelt den Kopf und holt einen Stapel Unterlagen aus seiner Tasche. „Diese Fabrik wird den Umgang der Industrie und der Politik in der Bundesrepublik mit der Natur nachhaltig verändern“, sagt er. „Elon Musk hat Maßstäbe gesetzt, und das sind definitiv keine positiven.“

Löb trägt das leuchtorangefarbene T-Shirt seiner Partei ÖDP. Nicht nur aus Überzeugung, sondern auch, weil er damit hier vor der Fabrik besser gesehen wird. Er schaut sich um, und tritt schnell ein Stück von Straßenrand zurück in den Graben. Wieder kommt ein roter Tesla-Bus angerauscht. „Auch die Busse nehmen ziemlich wenig Rücksicht auf uns.“

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