Berliner Rap boomt in allen Ecken der Stadt. Die Bezirke feiern ihre Rap-Acts, die im Gegenzug die Wahrzeichen der Stadt in Liedzeilen erwähnen – oder gleich die eigene Postleitzahl im Namen tragen. Der Kiez bleibt Bezugspunkt junger Rapper und Rapperinnen – auch für Babyjoy aus Schöneberg. In ihrer Debütsingle „Traum“ etwa: „Ich laufe durch die Straßen, laufe enge Straßen lang“, singt sie, noch bevor der Beat so richtig einsetzt. Vorm inneren Auge schrumpfen die West-Berliner Straßen zu schmalen Gassen, an deren Seiten sich Mehrfamilienhäuser emporstrecken, um den Himmel zu verdunkeln.
Berliner Slang und lokale Rap-Connections
Der Song „Traum“ erzählt von der Suche nach Orientierung: „Träume, dass ich fliegen kann / Dass ich weiß, wo lang es geht.“ Schon mit der Veröffentlichung ihrer ersten EP „Troubadour“ 2021 wurde deutlich, dass Babyjoys Weg nicht, wie der vieler Rap-Durchstarter, geradewegs aufwärts zu Geld, Ruhm und Klickrekorden führt. Sondern in die facettenreiche Breite; den Strängen kultureller Netze und Identitäten folgend. Ihre Lieder drehen sich nicht um Markennamen oder Straßengeschichten, sondern um Mitgefühl, Familie und ihre Lebenswirklichkeit als Schwarze Frau. Sie zieht nicht mit dem Mob um die Blocks, sondern besingt „eins, zwei, drei, vier, fünf gute Freunde“. Und ihre Musikvideos präsentieren keine vermummten Männerformationen vor Plattenbauten, sondern wundervoll gestaltete Choreografien, intim und artistisch zugleich. Auch auf ihrer neuen EP „Ophelia“ streckt die 23-Jährige ihre Fühler aus.
Träumt, dass sie fliegen kann: Babyjoy.
© Nikita Teryoshin für Beliner Zeitung
Babyjoy, die eigentlich Joy Grant heißt, wechselt mühelos zwischen Rap und R&B – und textet trilingual: auf Deutsch, Französisch und Englisch. „Ich bin Berlinerin, in Schöneberg aufgewachsen“, erzählt sie im Interview mit der Berliner Zeitung. „Das ist ein großer Teil meiner Identität.“ Will meinen: Berliner Slang, lokale Rap-Connections und Features mit Szenelieblingen wie Ahzumjot und Badchieff sind für sie selbstverständlich; ihre neue EP wurde von ihrem Kindheitsfreund KazOnDaBeat produziert. Schon Babyjoys älteste Schwester verfolgte eine kreative Karriere, und ihr Bruder Pablo ist unter dem Namen Dead Dawg Teil des Schöneberger Rap-Kollektivs BHZ.
Sie pimpt die deutsche Sprache mit Chanson-Wohlklang auf
Ihre Eltern seien beide nicht mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen, erzählt Babyjoy. Die Mutter zog aus Paris in die deutsche Hauptstadt, ihr Vater aus New York. Beide Städte üben Anziehungskraft aus auf Babyjoy. Gerade erst eine Woche vor dem Release ihrer EP war sie in der französischen Hauptstadt: „In Paris habe ich noch Familie, auch einige gute Freundinnen. Paris ist für mich wie ein zweites Zuhause.“ Neben dem sozialen Umfeld schwärmt Babyjoy vom Nachtleben der Lichterstadt – und von der Melancholie des französischen Rap. „Es ist unumgänglich“, sagt sie, „dass meine Identität sich auch mit den Orten verbindet, aus denen meine Eltern kommen.“
Die Schöneberger Rapcrew hat zur Party geladen: BHZ in der Columbiahalle
In der Praxis bedeutet das: Babyjoy stattet die deutsche Sprache mit dem melodiösen Wohlklang des Chansons aus; „Keine Zeit“ sampelt mit ihrem Feature-Gast Monk (aus dem Rap-Kollektiv BHZ) den Nullerjahre-Hit „Me & U“ der Wahl-New-Yorkerin Cassie. „Als ich klein war, habe ich den Song rauf und runter gehört“, sagt Babyjoy. „Den kenne ich auswendig.“ Viele ihrer Fans wohl auch: Schon eine Woche nach Release schickt sich der einprägsame Groove an, zum vollen Streaming-Erfolg zu werden. In „Sourire à l’envers“ wiederum verhandelt sie in Gänze auf Französisch den Verlust ihres Vaters – der ihr einst den Spitz- und Künstlernamen Babyjoy verlieh. „Je t’aime à la mort mais t’es plus là pour me voir danser“, also: „Ich liebe dich bis in den Tod, aber du bist nicht mehr da, um mich tanzen zu sehen.“
Harte Konsonanten und das Überschreiten der Codes
Intuitiv legt sich die Sprache der Grande Nation wie ein Schleier über die Intimität von Trauer und Schmerz, schützt allzu persönliche Lebensbereiche – und klingt in Babyjoys harter Betonung der Konsonanten im repetitiven Vers doch wieder so schön nach Staccato, dass die Sozialisation im Deutschrap-Umfeld hörbar durchschlägt. „Mir ist wichtig, die Kulturen, mit denen ich aufgewachsen bin, in meiner Musik zu repräsentieren.“ Babyjoy switcht nicht einfach Codes: Sie überschreitet, transzendiert sie.
Babyjoy entwickelt mit „Ophelia“ eine fluide Ästhetik zwischen kulturellen Polen, die eindeutige Verortungen erschwert und einen musikalischen Ausdruck diasporischer Marginalität formt. Steht im sanftmütigen Opener „Wenn du weinst“ noch zweisame Empathie im Fokus, thematisiert Babyjoy wenig später ihre Erfahrungen identitätsbezogener Einsamkeit: „Alle Menschen um mich herum sind ohne Ausnahme ziemlich weiß“, rappt sie im Titeltrack abgebrüht, um gleich darauf die oft gehörte Gegenrede auszuhebeln: „Du sagst: ‚Das ist diskriminierend‘, ich weiß nicht, was du meinst/ Und ich seh’s in deinem Blick: Du findest mich gemein“ – darauf folgt eine Wiederholung der ersten Zeile. Ernüchternd, doch „man gewöhnt sich daran“, so die Künstlerin. Ein deutscher Zustand, dessen Gegensatz Babyjoy in den weniger weißen Menschenmengen von Paris oder New York findet.
Intensiviert wird das Gefühl der Entfremdung für Babyjoy zusätzlich durch den in Deutschland omnipräsenten Alltagsrassismus: „Menschen in der Bahn oder in Geschäften schauen mich kopfschüttelnd an, alleine meine Existenz als Schwarze Frau geht ihnen auf den Senkel. Und das verstecken die auch nicht.” Erfahrungen, die bereits ihre Debüt-EP thematisierte. „Viele Leute gucken wegen meiner Schwarzen Haut“, heißt es dort, sie spricht von sozialer Kälte und Gewalt, die das Leben Schwarzer Menschen hierzulande torpedieren. Binnenreime amalgamieren Ohnmacht und Optimismus. „Im besten Fall bin ich mental fit und tough genug, um das an mir vorbeigehen zu lassen“, sagt sie. Nicht immer ist es so einfach: „Es gibt Momente, die mich tagelang bedrücken.“
Shakespeare und die depressive Phase
Auch von diesen mentalen Schwankungen sprechen ihre Lieder: von „eins, zwei Sorgen in mein’m Kopf“, von Nächten, die sich in den Morgen ziehen, von leeren Flaschen und grauen Wolken. In einer französischen Bridge tanzt Babyjoy dann allein in ihrem Zimmer, erinnert sich an die lange Zeit seit der letzten guten Zeit. Ihren Höhepunkt findet die depressive Phase der EP in der Nachahmung ihrer Shakespeare’schen Namenspatin: „Leg mich sterbend in das Wasser wie Ophelia“.
Die tragische Referenz, von Babyjoy einst rasch ins Handy getippt und später in einer Studiosession wiedergefunden, entstand während eines Seminars der Schauspielausbildung, die Babyjoy nunmehr im zweiten Jahr bestreitet. Nach dem Abitur hatte sie bereits ein Jazz-Studium begonnen und wieder abgebrochen; vom Schauspiel hingegen träumte sie schon, seit sie mit zehn Jahren für den SWR-Fernsehfilm „Das geteilte Glück“ vor der Kamera stand. „Ich brauche das“, sagt sie. „Dass immer etwas zu tun ist. Sonst falle ich in ein Loch.“
An einem solchen Tiefpunkt befand sich Babyjoy über weite Teile der Entstehungsphase von „Ophelia“. „Mir ging es lange schlecht“, erzählt sie über die Zeit, in der gar nichts mehr ging, nicht einmal Musik. „Ich hatte nichts zu tun, wog zehn Kilo weniger und musste mich durchringen, überhaupt rauszugehen. Als ‚Sorgen im Kopf‘ endlich fertig war, habe ich mich riesig gefreut.“
Das Musizieren als Quelle neuer Lebensfreude, es zeigte Wirkung. Nicht umsonst heißt es schließlich in dem Track: „Mach das Fenster auf, sieht ein bisschen besser aus“. Im eigenen Werdegang wie im kreativen Schaffen stößt Babyjoy so manche Barrieren druckvoll weg. Ob ihre Zukunft nun in Berlin, in Paris, in New York oder ganz anderswo wartet: Unzählige Wege liegen Babyjoy zu Füßen.
Babyjoy: Ophelia. Virgin Music/Universal
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]