Internationales Literaturfestival

Die Autorin Angeline Boulley ist Native American. Sie tritt in Berlin auf

Man muss nicht mehr Winnetou schauen, um von den Ureinwohnern Amerikas zu erfahren. Die Autorin von „Firekeeper’s Daughter“ spricht beim Literaturfestival.

Cornelia Geißler
Cornelia Geißler
3 Min
Angeline Boulley hält die Eröffnungsrede in der Sparte Kinder- und Jugendliteratur des Literaturfestivals.

Angeline Boulley hält die Eröffnungsrede in der Sparte Kinder- und Jugendliteratur des Literaturfestivals.

© Amber Boulley

Während „Der junge Häuptling Winnetou“ noch im Kino läuft und die einen den Film schätzen, andere sich aber über die Darstellung der Apachen darin empören, gibt es in Berlin jetzt eine Möglichkeit, sich real mit Native Americans zu beschäftigen. Am Mittwoch spricht Angeline Boulley zur Eröffnung der Sparte Kinder- und Jugendliteratur beim 22. Internationalen Literaturfestival Berlin (ilb), am Donnerstag liest sie noch einmal im Haus der Berliner Festspiele. Die Autorin aus dem US-Bundesstaat Michigan gehört dem Volk der Ojibwe an. Ihr Roman „Firekeeper’s Daughter“, im Frühjahr in der Übersetzung von Claudia Max bei cbj in München erschienen, hat eine Icherzählerin, die wie sie in zwei Kulturen aufgewachsen ist: bei Native Americans und in einer weißen Familie.

Angeline Boulley ist erst spät Schriftstellerin geworden. 55 Jahre alt war sie, als ihr Debüt in den USA erschien – und sich bestens verkaufte. Es ist ein Buch, das zwischen den Genres steht, man kann es als Thriller lesen und als Jugendroman, es handelt von einer jungen Frau, die unter den Zuschreibungen durch andere leidet, aber sich selbst auch erst ihres Platzes gewiss werden muss. Gewalt gegen Frauen und gegen die Angehörigen von Minderheiten thematisiert der Roman, genauso wie er Traditionen anschaulich macht, die viele bisher nur durch Filme wie Winnetou kannten.

Own voice: Die eigene Stimme

In einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit sprach Angeline Boulley von einer Statistik, die jedes Jahr die Anzahl der Bücher erfasse, die in den USA und Kanada für Kinder und Jugendliche erscheinen. Vor zwanzig Jahren seien von den 64 gefundenen Büchern mit indigenen Themen nur sechs von indigenen Autorinnen oder Autoren gewesen. „Im vergangenen Jahr hat sich das umgedreht: Es sind 74 Bücher aus der Native-Welt erschienen, davon waren 60 von Own-voice-Autoren.“ Own voice, die eigene Stimme, ist ein Begriff, der lang Unterdrückte ins Recht setzt.

Es mag wohl mit Boulleys mehrjähriger Arbeit im Bureau of Indian Education im Bildungsministerium in Washington zusammenhängen, mit der Erinnerung an ihr Aufwachsen und mit der Erziehung ihrer drei Kinder, dass sie eine junge Erzählerin für ihr Debüt auswählte. Dieses Ich wird der Leserin schnell vertraut, ihre Stimme trägt auch durch komplizierte Passagen etwa mit kleinen Ojibwe-Sprachlektionen. Nun spricht die Autorin selbst. Ihre Rede am Mittwochmorgen wird live übertragen, auf Youtube läuft die Zeit rückwärts.

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