New Music Friday

Neue Platten fürs Wochenende: Robbie Williams, Sampa the Great, Oliver Sim

Robbie Williams gönnt uns Zuckerwatte. Oliver Sim von The xx stellt sich den inneren Dämonen. Und Sampa the Great ist so großartig, wie es ihr Name verheißt.

4 Min
Zeigt sich verwundbar: The-xx-Sänger Oliver Sim.

Zeigt sich verwundbar: The-xx-Sänger Oliver Sim.

© Beggars Group

Robbie Williams: „XXV“ (Columbia/Sony)

Was wäre ein Rummel ohne Zuckerwatte? Na gut, Geisterbahn gibt’s auch noch, aber: pssst! Und in Klang überführte Zuckerwatte, das ist ja wohl das Orchester im Pop: Fluffig, sweet und meistens ziemlich vitaminarm, aber, hey, es ist vor allem teuer! Und das ist wohl auch der Grund, aus dem alternde Popstars irgendwann, wenn ihnen nix mehr einfällt, aber sie es sich leisten können, ein Orchester anheuern.

Scheint Bock aufs orchestrale Dirigieren zu haben: Robbie Williams.

Scheint Bock aufs orchestrale Dirigieren zu haben: Robbie Williams.

© imago

Ein Orchester, das das zum Geschäftsmodell gemacht hat, ist das Metropole Orkest aus Holland. Das ist nun auch bei Robbie Williams mit von der Partie, auf einem Best-of, das nicht „Best of“ heißt. Eine Geisterbahn ist das nicht – denn dann wäre es nicht: völlig entbehrlich. Selbst bei der Drama-Herbst-Ballade „Eternity“, wo das Pomp-Konzept als Konter zum Piano noch ansatzweise Sinn ergibt, schwellen die Streicher und Blechbläser so einfallslos an und ab wie Schwellkörper beim Routine-Sex. Ein bisschen zu viel Robbie ohne Williams.


Oliver Sim: „Hideous Bastard“ (Young/Beggars)

Melancholisch: Oliver Sim

Melancholisch: Oliver Sim

© Beggars Group

Während sich in den Hits von The xx die Stimmen von Oliver Sim und Romy Madley Craft meist beschützend umgarnen, sodass letztlich nix Schlimmes geschehen kann, ist Oliver Sim diesmal auf sich gestellt: Mit seinem powerzarten Bariton steigt er tief in seinen Traumakeller, deren Gänge er kennt, seit er ein Teenager ist: Es sind die Ängste eines schwulen Jungen, der merkt, dass er anders, womöglich „far too femme“ ist, und dadurch Spott und Hass, aber im allermindesten Liebesentzug erfahren könnte („Sensitive Child“, „Fruit“). Es geht um die Ängste eines jungen Mannes, der zögert und zaudert, Bindungen zu anderen aufzubauen („Saccharine“), und stattdessen lieber Horrorfilme schaut – um sich mit den verkannten, verabscheuten, missverstandenen Monstern zu identifizieren.

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Während die Texte von The xx stets dezent im Diffusen bleiben, wird Oliver Sim so konkret und persönlich, dass es wehtut: „Been living with HIV/ since seventeen/ am I hideous?“, fragt er im Finale des Openers. All dies hätte sicher das Potenzial, einen vollends niederzuschmettern, aber zum Glück sind da ja noch Schutzengel Jimmy Somerville (Bronski Beat) und die Beach Boys (im Sample) und vor allem diese Stimme von Oliver Sim, die so erleichternd „I have people in my life that really love me“ feststellt, dass einem literweise Glückstränen kullern müssen.


Sampa the Great: „As Above, So Below“ (Loma Vista Recordings/Concord)

Herzförmige Engelsflügel: Sampa the Great

Herzförmige Engelsflügel: Sampa the Great

© Imraan Christian

Es war eines der letzten großartigen Berliner Konzerte vor der Pandemie, als Sampa the Great im November 2019 im Astra auf dem RAW-Gelände gastierte – seinerzeit noch mit ihrem Debütalbum. Nun ist die zweite Platte der in Sambia geborenen und in Botswana aufgewachsenen Rapperin da – und was für eine! Afrobeats treffen auf Beyoncé’schen R&B und Psychrock-Anleihen aus den 70ern. Sampas Stimme skippt gekonnt hin und her zwischen samtig und markig; ihr Rap-Flow gleicht eher einem zackigen Blitz als einem Fluss. Die Gäste Denzel Curry und der sambische Rapper Chef 187 sind aber auch auf Zack. Lyrisch geht’s Sampa viel um Weiblichkeit, aber auch um Afrikas Rolle in der Weltgeschichte. Man sollte ja vorsichtig sein bei Menschen, die sich selbst als great, als großartig bezeichnen. Sampa the Great. Nun ja, diese Frau hat aber einfach eine sehr gesunde Selbsteinschätzung.

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