Keine Fashion Week in Kiew

Ukrainische Designer in Berlin: „Wir haben keine andere Wahl, als hier zu sein“

In der Ukraine Mode machen – das ist im Moment kaum möglich. Einige Designer hat der Krieg nach Berlin getrieben. Wir haben mit zwei von ihnen gesprochen.

Franka Klaproth
7 Min
Kiew, Kiew, Kiew: Mit dem Print erinnert der Designer Jean Gritsfeldt an seine Heimat.

Kiew, Kiew, Kiew: Mit dem Print erinnert der Designer Jean Gritsfeldt an seine Heimat.

© Jean Gritsfeldt

Am 24. Februar 2022 griffen russische Truppen die Ukraine an. Knapp drei Wochen darauf lief in Berlin ein Model über den Laufsteg, das aussah, als sei es mit einem Eimer Blut übergossen worden – ihr Gesicht, ihre Arme, das Tanktop und der eng anliegende Rock waren rot eingefärbt. Und auf ihrem Oberteil stand in kyrillischen und lateinischen Großbuchstaben: „PEACE“, „MYR“ auf Ukrainisch.

Es war eine der ersten Botschaften der ukrainischen Modewelt an das internationale Publikum nach Kriegsausbruch – gesendet durch den in seinem Heimatland recht bekannten Designer Jean Gritsfeldt. Eigentlich hatte er auf seiner von langer Hand geplanten Modenschau in Berlin eine andere Kollektion zu zeigen, musste dann aber alles anders machen.

Damals, im März 2022, war er selbst nicht in Berlin auf seiner Modenschau, sondern in Kiew. In der Stadt ging zu dieser Zeit dreimal am Tag der Luftalarm los, Bomben fielen, Männern zwischen 16 und 60 war die Ausreise verboten. Auch seine Kollektion konnte der Designer nicht nach Berlin schicken, damit sie wie geplant auf der dortigen Modewoche präsentiert werden konnte. 

Er lächelt, trotz allem: Jean Gritsfeldt lebt eigentlich in Kiew, ist aktuell aber in Berlin unterwegs.

Er lächelt, trotz allem: Jean Gritsfeldt lebt eigentlich in Kiew, ist aktuell aber in Berlin unterwegs.

© Jean Gritsfeldt

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Mit Unterstützung der Berliner Nachhaltigkeitsinitiative Fashion Revolution wurde stattdessen kurzerhand eine andere Kollektion realisiert: Zwei Dutzend Freiwillige fertigten in nur zehn Tagen neue Kleider an, basierend auf Skizzen, die Gritsfeldt aus Kiew schickte. Die Show konnte schließlich stattfinden, gezeigt wurden die Teile mit den kyrillischen und lateinischen Großbuchstaben darauf.

Man unterscheidet nur noch zwischen dem Leben vor Kriegsanfang und dem Leben danach.

Kristina Bobkova

Heute, ein halbes Jahr später, herrscht immer noch Krieg in der Ukraine. Und die Designerinnen und Designer des Landes sind weiterhin darauf angewiesen, ihre Mode woanders zu präsentieren – oder gar nicht. „Es hat sich alles in unserem Land verändert“, so Kristina Bobkova. „Man unterscheidet nur noch zwischen dem Leben vor Kriegsanfang und dem Leben danach.“

Vor rund zwei Wochen sagte das die Designerin im Anschluss an ihre Modenschau auf der Berliner Fashion Week: Wie damals Jean Gritsfeldt war auch sie dieses Mal mit ihrer Marke Bobkova bei dem Format zu Gast. Die Berliner Modewoche wollte sich mit der Ukraine solidarisieren, mittels Runway Shows, Showrooms und Panel Talks von und für ukrainische Designerinnen und Designer.

Schau auf der Berliner Fashion Week: ein Look der Marke Bobkova.

Schau auf der Berliner Fashion Week: ein Look der Marke Bobkova.

© Imago

Neben Jean Gritsfeldts Label gehört auch Kristina Bobkovas Marke zu den bekanntesten ihres Heimatlandes. Bobokova möchte für weibliche Selbstbestimmtheit stehen, ihre Mode wird unter anderem von Olena Selenska getragen, der Ehefrau von Präsident Selenskyj.

Manchmal sitze ich in meinem Zimmer und weine einfach. Aber dann sage ich mir: Jetzt weinst du, aber gleich musst du aufhören.

Jean Gritsfeldt

Und auch Jean Gritsfeldt, dessen eindrucksvolle Modenschau vergangene Saison trotz seiner Abwesenheit für Standing Ovations gesorgt hatte, war dieses Mal persönlich bei der Berliner Fashion Week dabei. Seit Juli ist der Designer bereits in der Stadt. Am Eröffnungstag der Modewoche vor zwei Wochen präsentierte er als ukrainischer Gastdesigner seine Kreationen im Berliner Salon, einer Gruppenausstellung, die eigentlich die beste Mode aus Deutschland vorstellen will.

Gritsfeldts Schaufensterpuppen, die im Halbkreis im Foyer des Kulturforums aufgestellt wurden, waren dieses Mal nicht in schlichte Entwürfe mit Friedensstatements gekleidet. Endlich konnte der Designer nun auch in Berlin zeigen, wofür er wirklich steht: Extravaganz und viel Dekoration, asymmetrische Schnitte, Fransen, Perlen, Lack und vor allem Glitzer – ganz anders als die improvisierte Kollektion, die Berlin im vergangenen Frühling zu sehen bekam.

Sie will gerade jetzt die Traditionen ihrer Heimat wahren: Kristina Bobkova veranstaltete eine Schau in Berlin.

Sie will gerade jetzt die Traditionen ihrer Heimat wahren: Kristina Bobkova veranstaltete eine Schau in Berlin.

© DPA

„Damals ging es mehr um die Ideologie und ein starkes Statement auf dem Catwalk. Jetzt geht es mehr um die DNA der Brand“, so Gritsfeldt. Wer seine Marke trage, fühle sich wie ein Superstar, meint er. Und: „Jeder Ukrainer und jede Ukrainerin, der oder die nicht aufgibt, ist ein Superstar für mich.“ Die glamourösen Kreationen im Berliner Salon sollen das unterstreichen. 

Es ist zwar schön, dass wir hier unsere Fashion Shows machen dürfen, aber es ist auch so, dass wir keine andere Wahl haben.

Kristina Bobkova

Gritsfeldt ist für seinen unermüdlichen Optimismus bekannt. Auf die Frage, wie er immer noch durchhält nach über einem halben Jahr Krieg, antwortet er: „Ich versuche, auch die schlechten Dinge als Chance zu begreifen. Trotzdem muss ich zugeben, dass es viele Kämpfe und Hürden gibt. Manchmal sitze ich auch in meinem Zimmer und weine einfach. Aber ich sage mir jedes Mal: Jetzt weinst du, aber gleich musst du aufhören.“

Kristina Bobkova kann und will ihre Trauer nicht so verstecken wie Jean Gritsfeldt. Im Gespräch wirkt sie ernst, sie lernt erst noch Englisch, braucht eine Dolmetscherin. Aber auch sie lächelt tapfer, wechselt das Thema, weg von ihrer Show hier in Berlin hin zu ihrem Zuhause. Immer wieder muss sie schlucken und sichtlich mit den Tränen kämpfen.

Platz für Newcomer: Mode von Liliia Oliinyk auf der Neo.Fashion-Show.

Platz für Newcomer: Mode von Liliia Oliinyk auf der Neo.Fashion-Show.

© NEO FASHION

„Wir schätzen es wirklich sehr, dass Deutschland uns so unterstützt“, sagt sie. „Für uns ist das sehr wichtig.“ Bobkova betont aber auch, dass es dabei um mehr als eine nette Geste gehe: „Es ist zwar schön, dass wir hier unsere Fashion Shows machen dürfen, aber es ist auch so, dass wir keine andere Wahl haben. “ Als Modedesignerin brauche man Produktionsmöglichkeiten, die Aufmerksamkeit, die eine Modenschau mit sich bringt.

Es passieren viele schlimme Dinge in der Welt. Wir müssen die sein, die Gutes schaffen.

Jean Gritsfeldt

In Zeiten, in denen für ihre Heimat alles auf dem Spiel stehe, sei es ihr umso wichtiger, ukrainische Traditionen durch ihre Kleider sichtbar zu machen und zu wahren. „In unsere Kollektion haben wir handgemachte Schmuckkugeln eingearbeitet, die wir im Westen der Ukraine haben anfertigen lassen“, so die Designerin. „Das ist traditionell ukrainisch.“ Außerdem inspirierte sie hinsichtlich der Farbkomposition die Blütezeit der Rosskastanie, des Symbols von Kiew.

Kristina Bobkova und Jean Gritsfeldt wollen nicht aufgeben und jetzt umso mehr weitermachen, auch um ein Zeichen für ihr Heimatland zu setzen. „Es passieren viele schlimme Dinge in der Welt“, sagt Gritsfeldt. „Wir müssen die sein, die Gutes schaffen.“

Abgang bei der Show von Bobkova: Ganz auf eine Präsentation verzichten, kann und will die Designerin nicht.

Abgang bei der Show von Bobkova: Ganz auf eine Präsentation verzichten, kann und will die Designerin nicht.

© Imago

Neben den beiden etablierten Namen der ukrainischen Modeszene konnten sich auf der Berliner Modewoche auch einige Newcomerinnen und Newcomer des Landes präsentieren: Das Format Neo.Fashion, das stets die besten Absolventinnen und Absolventen deutscher Modeschulen für eine Schau nach Berlin lädt, veranstaltete dieses Mal auch eine Show für den ukrainischen Nachwuchs.

Sechs Modestudentinnen und -studenten der Nationalen Universität für Technologien und Design in Kiew zeigten dabei ihre Entwürfe. Die Berliner Fashion Week haben diese Schauen durchaus bereichert. Und trotzdem hofft wohl jeder, dass die Designerinnen und Designer ihre Mode bald wieder in ihrer Heimat präsentieren können.

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