Von Tomaten kriegt Susann Pophal nie genug. „Als Pastasoße, Chutney zum Gegrillten, frisch oder getrocknet zum Snacken mit Brot – ich esse viele davon.“ Dank Urin-Ersatz-Dünger war der Nachschub aus ihrem Pankower Kleingarten in diesem Sommer besonders reichhaltig.
Als Teilnehmerin der Studie „Urban Cycles“ des Leibniz-Instituts für Gemüse- und Zierpflanzenbau in Großbeeren forscht die 34-Jährige mit. „Die Ergebnisse sind klasse“, freut sie sich. Der Erfolg ist schon auf den ersten Blick sichtbar, die mit Urin-Dünger versorgten vier Pflanzen im Hochbeet tragen mehr und größere Früchte.
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Immer waren die Pflanzen früher reif
19 reife Tomaten, insgesamt 802 Gramm, betrug die Ernte am Tag, als die Berliner Zeitung vor Ort war. Das andere Hochbeet – die Kontrollgruppe, gedüngt mit Brennnesseljauche – hingegen hatte zwar mit 18 Tomaten fast genauso viele Früchte, aber kleinere. Das Gesamtgewicht betrug nur 556 Gramm. Einmal in der Woche erntet Susann Pophal seit Juni. „Stets war an den Pflanzen des Urin-Dünger-Beets mehr dran und die Früchte wurden auch früher reif.“
Corinna Schröder vom Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau checkt die Lage im Tomatenbeet.
© Gerd Engelsmann
Ob kleiner und in gelber Farbe wie die „Goldene Königin“ mit ihrem typisch sanft-fruchtigen Geschmack oder größer und sattrot wie die feste aromatische „Dorenia“: Beide schon mehrere Jahrzehnte bewährte Sorten der Nachtschattengewächse bekamen auf ihren Beeten jeweils fünfmal 50 Milliliter pro Pflanze vom Dünger.
Corinna Schröder, die als Wissenschaftlerin das Projekt mit begleitet, erklärt, warum im Projekt der Urin-Dünger aus künstlichen Stoffen zusammengesetzt ist. „In Deutschland ist Urin-Dünger noch nicht zugelassen.“ Auch ob die notwendige Reinigung von Krankheitskeimen und Medikamentenrückständen die Urin-Dünger-Produktion nicht sehr verteuert, gelte es zu berechnen.
Aber genau daran forscht das Leibniz-Institut. Ist der Dünger aus menschlichem Urin doch viel billiger und vor allem reichhaltiger vorhanden als das Mineral Phosphor, das ein natürlicher endlicher Rohstoff ist. Hinzu kommt, dass die Düngemittelherstellung zurzeit äußerst bedroht ist: Dazu ist Gas nötig, dessen immens gestiegener Preis die Hersteller bereits zur Drosselung ihrer Produktion zwingt. Ohne Dünger um bis zur Hälfte geringere Ernteergebnisse und daraus folgende weiterhin steigende Lebensmittel sind die zu erwartenden Folgen.
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Es ist an der Zeit, die Landwirtschaft anders aufzustellen. Selbst Vegetarier Cem Özdemir, Deutschlands Landwirtschaftsminister, plädiert für Tierhaltung. Kuh und Co. hinterlassen unentgeltlich Gülle und Mist – sogenannten Wirtschaftsdünger.
Mit Susann Pophal arbeiten beim Projekt „Urban Cycles“ noch 13 weitere Kleingärtner darauf hin, menschlichen Urin als Dünger einzusetzen. Corinna Schröder bilanziert schon vor Abschluss der Untersuchungsergebnisse: „Wir haben bisher bei der Hälfte der Pflanzen Unterschiede im Wachstum oder der Fruchtbildung bei den Pflanzen beobachtet.“ In einigen Gärten, die die Kontrollgruppe nicht extra gedüngt hat, habe man teilweise wirklich sehr große Unterschiede sehen können. „In einem Garten doppelt so große Zucchini- und Radicchio-Pflanzen wie in der Kontrollgruppe, in einem weiteren Garten dreimal so große Tomatenpflanzen.“
Natürlich zählt für maximalen Erfolg auch die Erde, in der die Pflanzen wachsen. Susann Pophal hat die ihre mit frischem Kompost, gehäckseltem Gehölz und Gestrüpp gepimpt. Die Tomaten dankten es ihr. Um der Erntemassen Herr zu werden, probiert Susann Pophal jetzt auch neue Verarbeitungsformen. „Beim Fermentieren verändert die Frucht völlig ihre Aromen, aber schmeckt auch“, berichtet sie erstaunt.
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