Als ich mit Christa Kozik und Jutta Schlott Grappa trank, wurde mir in meinem wohlig warmen Kopf manches klar. Mir wurde klar, dass es eine große Lücke im kollektiven Gedächtnis 2022 gibt, was die Zeit zwischen 1949 und 1990 angeht. Die Namen Christa Kozik und Jutta Schlott könnten einigen Leser:innen aus ihrem Kinderzimmer in der DDR bekannt sein. Die beiden Frauen schrieben Romane für Kinder und Jugendliche, die in Auflagen von mehreren 10.000 Exemplaren in der DDR gedruckt und verkauft worden sind.
Als ich am Samstagabend des 9. September in einem Potsdamer Italiener mit den beiden Grappa trank, bekam ich nicht nur einen Einblick in ihre Lebensgeschichten, sondern auch in ein Stück Geschichte, das für mich bisher unerzählt war. Ich wusste bis dahin kaum etwas über die Literatur, die damals für Kinder und Jugendliche geschrieben wurde, und noch weniger wusste ich, was eigentlich mit ihr nach dem Untergang der Deutschen Demokratischen Republik passiert ist.
„Leseland DDR“: Eine schmerzliche Liebesgeschichte
Wie die Tagung mit dem schlichten Titel „Kinder- und Jugendliteratur in der DDR“, die an diesem Wochenende an der Potsdamer Universität stattfand und der Anlass unseres Grappa-Trinkens war, nahelegte, beruht das nicht auf einer individuellen Wissenslücke meinerseits, sondern unterliegt einem strukturellen Nicht-Erzählen. Nach der sogenannten Wende 1989–90 geriet die Kinder- und Jugendliteratur der DDR in Verruf – sowohl in der Gesellschaft als auch in der Wissenschaft.
Die Literaturforschung zeigte nach der „Wende“ kein großes Interesse an den Texten, die ca. 17 Millionen Menschen in ihrer Kindheit und Jugend gelesen haben. Es schien die Übereinstimmung zu herrschen, dass diese Texte vielmehr Propaganda als Literatur seien. Die Literaturwissenschaftlerin Prof. Karin Richter aus Thüringen hat bis zu ihrem plötzlichen Tod im April 2022 dafür gekämpft, die Texte aus der Ecke herauszuholen, in die sie gestellt wurden – häufig nämlich in dieselbe Ecke der NS-Kinder- und -Jugendliteratur.
Die Geschichte des Romans „Kicki und der König“ von Christa Kozik erzählt zudem davon, wie auf dem Markt der „wiedervereinigten“ BRD kein Platz mehr für die Texte von Schriftsteller:innen aus der DDR war. Ihr Buch war 1989 in den Druck gegangen, kein Jahr später fanden sich die 20.000 Exemplare nicht in den Regalen von Buchhandlungen wieder, sondern auf einer Müllhalde in Plottendorf bei Leipzig. Sie galten als unverkäuflich.
Krise im Buchhandel: Kaufen Sie doch mal wieder ein Buch
Auch Jutta Schlott musste schmerzlich erfahren, dass mit dem Systemwandel auch ein Zeitenwandel für sie begonnen hatte, der ihre Tätigkeit als Autorin infrage stellte. Die Buchhandlungen im ehemaligen Osten wurden zumeist von westdeutschen Buchhandelsketten aus dem ehemaligen Westen aufgekauft und es fand eine große Aussortierung statt.
In den Buchhandlungen der 90er war kein Platz mehr für die Literatur, die die Menschen über vier Jahrzehnte lang gelesen hatten. Jutta Schlott erzählte, wie sie in dieser Wendezeit einen verzweifelten Anruf von einer Buchhändlerin bekam, dass sie doch bitte vorbeikommen und sich so viele ihrer Bücher mitnehmen solle, wie sie tragen könne, bevor sie weggeschmissen wurden.
Zum Glück gab es Menschen, die sich gegen die Zerstörung der Bücher einsetzten. Der Pfarrer Martin Westkott rettete insgesamt fast 800.000 Bücher aus der DDR. 1991 fuhr er zu einer Müllhalde bei Leipzig, wo Tausende von Büchern von DDR-Schriftsteller:innen verschimmelten. Er verstaute die Bücher in Bananenkisten, um sie gegen kleine Spenden zu verschicken.
Ich habe ausgerechnet, wie viele Bücher ich noch lesen kann, bevor ich sterbe
Auch Christa Kozik erwarb einige solcher Kisten mit ihren Büchern und wir haben es diesem Engagement zu verdanken, dass die Bücher heute in Bibliotheken und Privathaushalten doch noch zu finden sind. Die von Prof. Dr. Carsten Gansel und Dr. Monika Hernik organisierte Tagung am zweiten Septemberwochenende zu eben jener weggeschmissenen Literatur hat zudem gezeigt, wie wichtig es ist, die Bücher nun auch endlich wieder aus den Bücherregalen zu nehmen.
Denn dabei geht es um nicht weniger als darum, ein Stück kulturelles Wissen zu wahren. Diese Kinder- und Jugendliteratur kann uns heute einen Einblick in die Vergangenheit von vielen Menschen geben. Sie kann uns davon erzählen, wovon die Menschen damals geträumt haben, welche Vision sie von der Gesellschaft, von der Welt hatten. Und wie die Texte von Kozik und Schlott mir zeigten, kann diese Literatur auch Erwachsene im 21. Jahrhundert noch unterhalten und amüsieren. Ich kann nur empfehlen, das Regal zu Hause abzusuchen, und wenn auf Buchrücken die Namen Christa Kozik oder Jutta Schlott stehen, das Buch zur Hand zu nehmen. Vielleicht in der anderen Hand ein Glas Grappa …
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