Der 1. FC Union Berlin ist auch nach sieben Spieltagen Tabellenführer der Fußball-Bundesliga, mit fünf Punkten Vorsprung auf den FC Bayern. Und das kommt nicht von ungefähr. Das Team von Trainer Urs Fischer bringt jedenfalls alles mit, um sich auch in dieser Saison selbst zu übertreffen. Um es tatsächlich fertigzubringen, dass die eisernen Fans am Ende der Saison womöglich nicht mehr nur zum Spaß ihr „Wer wird Deutscher Meister, nur der FCU“ anstimmen. Hier sind sechs Anhaltspunkte für die Möglichkeit, dass die Köpenicker in dieser Spielzeit gar etwas Wundersames schaffen.
Die mit dem Know-how
In einem Interview mit dem Eisern Magazin hat Manager Oliver Ruhnert über Trainer Urs Fischer Folgendes gesagt: „Er formt aus den Ideen des Scoutings heraus eine Mannschaft, verbessert in der Praxis die Spieler so, wie ich mir das in der Theorie vorstelle.“ Der Schweizer ist in der Tat das, was andere Trainer gern mal von sich behaupten, aber im Endeffekt nicht sind: ein Bessermacher. Ein Fußballlehrer im besten Sinne, der mit seinem vergleichsweise kleinen Trainerstab Großes leistet.
Um nachhaltig erfolgreich zu sein, braucht der 56-Jährige nicht mehr als einen Assistenten, auf dessen Loyalität und Urteil er sich verlassen kann: Markus Hoffmann. Dazu noch einen weiteren Assistenten, der sich als Spielerflüsterer und Klubversteher einbringt: Sebastian Bönig. Einen fähigen Torwarttrainer: Michael Gspurning. Schließlich noch zwei Fachleute, die sich um die Physis der Profis kümmern: Athletiktrainer Martin Krüger und Rehatrainer Johannes Thienel. Weniger ist mehr. Das passt zu Fischer, der der eisernen Unternehmung mit seiner anstehenden Vertragsverlängerung noch einen weiteren Impuls geben wird.
Die mit dem Lauf
Die beiden lassen Erinnerungen wach werden an Zeiten, als in Deutschland ein 4-3-3-System mit Viererkette und Außenangreifern noch als spinnerte Idee der Niederländer erachtet wurde. Ein Libero musste es hierzulande sein, ein Spielmacher, na klar, und ein Pärchen ganz vorne, das sogenannte Sturmduo. Müller/Seeler und Völler/Klinsmann schrieben mit der Nationalmannschaft Fußballgeschichte, in der Bundesliga staunte man über Verbindungen wie Dörfel/Seeler, Müller/Hoeneß, Heynckes/Simonsen, Elber/Bobic, Ailton/Klasnic und Dzeko/Graffite.
Reden hilft: Jordan Siebatcheu (l.) und Sheraldo Becker.
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Die Rede ist natürlich von Jordan Siebatcheu und Sheraldo Becker, die am Sonntag beim 2:0 gegen den VfL Wolfsburg mal wieder groß aufgespielt haben. Becker, der in einem 4-3-3 ausgebildet wurde, aber offenbar in einem 3-5-2 als ungebundener Angreifer sein Potenzial noch besser ausschöpfen kann, ist derzeit der spektakulärste und beste Offensivspieler der Bundesliga. Sechs Treffer hat er bereits erzielt, vier Tore vorbereitet. Siebatcheu (fünf Saisontreffer) wiederum glänzt als Stoßstürmer im Stile seines Vorbilds Harry Kane. Er verführt gegnerische Abwehrspieler zu Fehlern, schafft Räume, bringt Becker mit klugen Pässen ins Laufen, um im Anschluss bei Beckers Flanken zur Stelle zu sein. Wo dieses Miteinander hinführen kann? Nun, siehe Dzeko/Graffite, die in der Saison 2008/09 Wolfsburg mit ihren 54 Toren zur Meisterschaft schossen.
Die mit dem Stoppschild
Auch viele andere Trainer in der Bundesliga wollen, dass ihre Mannschaften so spielen wie die Unioner: möglichst eklig. Also so aggressiv gegen den Ball, wie es im Fachjargon heißt, wie nur irgendwie möglich. Das beginnt bei der Elf von Fischer zumeist bei den Angreifern und den offensiven Mittelfeldspielern, die sich bei Ballbesitz des Gegners als erste Verteidiger einbringen, erfährt eine Fortsetzung bei Rani Khedira, der sich im Zentrum als gnadenloser, aber auch schlauer Zerstörer einbringt. Und wenn es der Gegner tatsächlich mal geschafft hat, die erste und zweite Verteidigungslinie der Eisernen zu überspielen, werden die mit dem Stoppschild aktiv. Und das sind Robin Knoche, Diogo Leite, Paul Jaeckel, Danilho Doekhi und Timo Baumgartl. Drei von den fünfen bilden Woche für Woche eine Dreierkette, die von Gegnern als Kette des Bösen wahrgenommen wird. Wobei Knoche und Leite im Endeffekt gesetzt sind.
Unions Abwehrchef Robin Knoche nimmt Lukas Nmecha vom VfL Wolfsburg den Raum zum Spaßhaben.
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Keine andere Mannschaft führt so viele Zweikämpfe, gewinnt so viele Kopfballduelle und lässt letztendlich so wenige Chancen zu wie die des FCU. Und ja, keine andere Mannschaft foult so oft. Wobei es natürlich darauf ankommt, wie und wann man dazwischenfährt. Die Köpenicker sind jedenfalls auch in der Fairplay-Tabelle der Bundesliga mit gerade sechs Gelben Karten in sieben Spielen die Nummer eins.
Die mit dem Schwung
Nach dem Erfolg gegen den VfL Wolfsburg berichtete Urs Fischer von der Verlegenheit, dass er sich Mitte der zweiten Hälfte nicht so ganz sicher war, wen er denn nun einwechseln solle. Er brachte schließlich Morten Thorsby, der gleich mal eine ziemlich gute Chance hatte, aber auch Paul Seguin, der in der 77. Minute mit einem gefühlvollen Pass auf Becker das 2:0 einleitete. Auch Jaeckel, Sven Michel und Kevin Behrens kamen noch zum Einsatz, während Genki Haraguchi, Milos Pantovic und Julian Ryerson außen vor blieben. Dass Fischer sich nicht gezwungen sah, einen formstarken Spieler wie Ryerson zu bringen, spricht für sich.
Die Bank macht’s also auch bei Union, die Profis, die neuen Schwung ins Spiel bringen, wenn die Kollegen infolge der hohen Laufleistung etwas müde werden. So ist auch Fischer selbst in einer der zahlreichen Statistiken ganz oben zu finden, nämlich in der Statistik „Goldenes Händchen“. Vier Tore und sieben Torbeteiligungen hatten seine Einwechslungen zur Folge. Da kann nur Dortmunds Coach Edin Terzic mithalten.
Die mit dem Herzen
An dieser Stelle besingen wir die schon oft besungene Fanschar der Eisernen. Inwieweit ihr Support zum Aufschwung des Klubs beigetragen hat, ist nur schwer zu bemessen. Fakt ist, dass die 20.000 Glücklichen, die bei den Heimspielen mit dabei sein dürfen, nicht nur aus Neugier oder Sympathie ins Stadion An der Alten Försterei kommen. Alle, wirklich alle – und das ist der Unterschied zu vielen anderen Klubs in der Liga – sind mit vollem Herzen dabei, peitschen die Mannschaft voller Inbrunst nach vorne oder spenden eben mit aufmunterndem Applaus Trost, wenn es mal nicht so gut gelaufen ist. Diese besondere Bindung zwischen Tribüne und Team ist fraglos einzigartig.
Besondere Bindung: Die Profis des 1. FC Union feiern mit ihren Fans.
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Spannend an der Sache mit den Fans ist die Tatsache, dass die Mannschaft über weite Strecken ihrer noch jungen Bundesligageschichte wegen der Corona-Pandemie ohne den direkten Beistand der Anhänger auskommen musste, aber dennoch großartige Ergebnisse erzielt hat. Nun allerdings darf und sollte der Faktor Fans in einer Hochrechnung für den Ausgang der Saison mit berücksichtigt werden. Und es ist im Fall des 1. FC Union wohl kein unwesentlicher Faktor.
Die mit den Problemen
Mit Ausnahme des SC Freiburg und der TSG Hoffenheim konnten alle anderen Bundesliga-Klubs, die sich zumindest einen Platz in der oberen Tabellenhälfte zum Ziel gesetzt haben, bis dato nicht wirklich überzeugen. Die Bayern sind in ihre erste ernsthafte Krise seit dem Herbst 2017 geschlittert und derzeit weit von der Souveränität vergangener Monate entfernt. Es fehlt ihnen einer wie Robert Lewandowski, der ihnen mit einem frühen und einfachen Tor an einem auch mal schwächeren Tag auf die Sprünge hilft. Das gilt in gewisser Weise, da Erling Haaland nicht mehr mitmischt und dessen Ersatz Sébastien Haller nicht einsatzfähig ist, auch für die Dortmunder, die unter Terzic zwar ordentliche Ergebnisse erzielen, aber noch nicht als Einheit mit entsprechender Selbstverständlichkeit agieren.
Hinzu kommt, dass die Profis der Bayern, aber auch die der Dortmunder, Leverkusener, Mönchengladbacher und Frankfurter en gros im November und Dezember an der Weltmeisterschaft in Katar teilnehmen und dort allerlei Kräfte lassen werden. Bei den Unionern hingegen ist die Zahl der WM-Teilnehmer überschaubar. Ein Vorteil, den die mit dem Know-how (siehe oben) tatsächlich zu ihrem Vorteil nutzen könnten.
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