Epidemiologie

Polio breitet sich aus: Kommt die Kinderlähmung auch nach Deutschland?

Es gibt viele Fälle selbst in wohlhabenden Ländern wie den USA, Israel und Großbritannien. Ist Deutschland auch gefährdet? Ein Infektionsepidemiologe klärt auf.

Liudmila Kotlyarova Valentin Raskatov
4 Min
Eine Mitarbeiterin des pakistanischen Gesundheitswesens verabreicht einem jungen Mädchen im Rahmen einer Imfpkampagne eine orale Schluckimpfung gegen Polio. 

Eine Mitarbeiterin des pakistanischen Gesundheitswesens verabreicht einem jungen Mädchen im Rahmen einer Imfpkampagne eine orale Schluckimpfung gegen Polio. 

© AP/Chaudary

Poliomyelitis ist eine ansteckende Infektionskrankheit, die Lähmungen auslösen und zum Tod führen kann. Auch unter dem Namen Kinderlähmung bekannt, gilt sie in den wohlhabenden Ländern als ausgerottet. Dennoch kommt es auch in diesen Ländern immer wieder vereinzelt zu Erkrankungen, wie Fälle aus dem Jahr 2022 in New York, in Israel und in Großbritannien zeigen.

Kommt Polio jetzt zurück oder sind das nur Ausnahmen, wie sie hin und wieder vorkommen? Und kann die Krankheit auch nach Deutschland rüberschwappen, das seit 30 Jahren keinen Fall mehr zu verzeichnen hatte?

Polio in Deutschland: Was die Infektionsepidemiologie dazu sagt

Nach Deutschland kommen kann das Virus schon, aber sich ausbreiten zurzeit wohl kaum, meint Jürgen May, Leiter der Abteilung Infektionsepidemiologe am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin im Gespräch mit der Berliner Zeitung. „In Deutschland haben wir eine sehr gute Impfquote von fast 95 Prozent. Es ist wichtig, dass diese Impfquote auch so hoch bleibt, denn der Nutzen steht in unverhältnismäßig hohem Verhältnis zu den seltenen und leichten Nebenwirkungen, die auftreten können“, erläutert May. „Aber solange die Quote so hoch ist, ist zumindest keine Ausbreitung möglich.“

Vereinzelte Polio-Fälle dagegen könnten durchaus auch in Deutschland auftreten, denn auch eine hohe Impfquote bietet einem ungeimpften Menschen keinen Schutz, wenn er in Kontakt mit einer infizierten Person kommt. Es kommt nur zu keiner lawinenartigen Infektionskette in der Gesellschaft. Anders könnte es laut May in den USA laufen: „Da ist die Impfquote deutlich niedriger und liegt bei etwa 70 Prozent. Das ist nicht ausreichend, um eine mögliche Ausbreitung sicher zu verhindern.“

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Übertragung von Polio: Hygienestandards als Risikofaktor

Optimal sollte die erste Polio-Impfung bei Kindern schon im Alter von zwei Monaten erfolgen. Die zweite Impfdosis bekommt das Kind im Alter von vier Monaten und die letzte Teilimpfung im Alter von elf Monaten.  Neben der Impfquote spielt der Übertragungsweg eine zentrale Rolle, der bei Polio – im Gegensatz zu Sars-CoV-2, dem neuartigen Coronavirus also – typischerweise nicht direkt von Mensch zu Mensch verläuft. „Das Poliovirus wird fäkal-oral übertragen, das heißt: Man infiziert sich durch kleinste Mengen von Stuhlresten, die oral aufgenommen werden oder durch Verunreinigungen mit nicht ausreichend geklärtem Abwasser“, betont May. Grundsätzlich ist Deutschland also auch hier gut aufgestellt, generell haben jedoch Kleinkinder während der oralen Phase ein größeres Infektionsrisiko.

Die wirkliche Gefahr geht von Polio für Länder mit niedrigem Einkommen oder stagnierenden Impfkampagnen aus. „Zum einen sind die hygienischen Verhältnisse dort oft problematisch, darunter auch die Trinkwasseraufbereitung, was dem Virus eine bessere Ausbreitung ermöglicht. Gerüchte in manchen Ländern, dass die Impfung unfruchtbar mache, waren zudem ein großer Rückschlag für die Durchimpfung der Bevölkerungen“, erklärt der Experte. 

Im weltweiten Schnitt nimmt Polio jedoch wieder zu

Und das führt jetzt dazu, dass die unheilbare Krankheit sich nun weltweit verstärkt verbreitet. Auch in Kriegsgebieten wie etwa in Syrien gibt es einen Aufwärtstrend bei den Polio-Fällen. Auf dem afrikanischen Kontinent, wo der Wildtyp als ausgelöscht gilt, kommt es trotzdem immer wieder zu Fällen von Kinderlähmung. Die Epidemiologen erkennen Probleme in der Kommunikation zur Impfung an. „Die Fälle in Afrika haben mit dem oralen Lebendimpfstoff zu tun, der dort verabreicht wird, im Gegensatz zu Deutschland, wo mit abgetöteten Viren geimpft wird, die sich nicht vermehren können. Wenn zu viele Menschen in der Bevölkerung ungeimpft sind, dann kann das abgeschwächte Virus aus dem Lebendimpfstoff ausgeschieden werden, die Ungeimpften befallen und schließlich wieder zu einem gefährlichen Erreger mutieren“, so der Infektionsepidemiologe May.

Fazit des Experten: Hohe Hygienestandards, eine hohe Impfquote und die Vergabe von Totimpfstoff machen die Infektion bei einzelnen Kindern sowie auch die Möglichkeit unwahrscheinlich, dass eingeschleppte Polio-Fälle hierzulande zum Problem werden könnten. Einzelne direkte Ansteckungen sind trotzdem auch in Deutschland nicht auszuschließen.  

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