Satire

Ein halbes Jahrhundert westdeutscher Muff: Über das Erbe der Ricarda Willimann

Ein Sensationsfund vor dem Marbacher Literaturarchiv soll das satirische Erbe Ricarda Willimanns zutage gefördert haben. Unser Autor hat es sich angesehen.

Alexander Schnickmann
5 Min
Ricarda Willimann

Ricarda Willimann

© Die Andere Bibliothek

Was, wenn es sie nicht gäbe – und was, wenn doch? Vor einigen Tagen hat sie, das Phantom, ihren 80. Geburtstag gefeiert. Wobei, so genau kann man das eigentlich nicht wissen. Denn vor zwölf Jahren ist Ricarda Willimann, die Grande Dame der deutschen Komik, abgetaucht und spurlos verschwunden. Niemand hat sie seither gesehen, und wer es getan hat, spricht darüber nicht in der Öffentlichkeit. Überhaupt ist es mit der Öffentlichkeit eine schwierige Sache. Ihr ist Ricarda Willimann so gut wie unbekannt. Mit jedem und überall hat sie bereits gearbeitet. Sie teilt das leidige Schicksal der Gag- und Ghostwriter – immer zitiert, aber nie genannt.

Ich gebe zu, auch mir war Willimann lange Zeit kein Begriff. Hätte man ihren Namen mir gegenüber fallen lassen, hätte ich womöglich wissend genickt und rasch das Thema gewechselt. Das hat sich mittlerweile geändert. Denn vor Kurzem stieß der Comiczeichner Elias Hauck bei einem Spaziergang zufällig auf einige Sperrmüllkisten, die unachtsam vor dem Literaturarchiv Marbach abgestellt worden waren. Darin entdeckte er Notizhefte, Tagebücher, Zeichnungen und Fotografien: den sogenannten Marbacher Vorlass Ricarda Willimanns. Zweifellos ein Sensationsfund, den Hauck umgehend zu ordnen und zu erschließen begann. Ein halbes Jahrhundert westdeutsche Geschichte und westdeutscher Muff lagen in diesen paar Umzugskartons am Straßenrand versteckt.

Mit Margarete Stokowski im KaDeWe klauen gehen

In der Berliner Anderen Bibliothek erschien nun eine Auswahl mit Texten, Aufzeichnungen und Skizzen aus Ricarda Willimanns Nachlass – präsentiert von Elias Hauck und ergänzt um Texte komischer Persönlichkeiten, die mit Willimann auf die eine oder andere Weise bekannt gewesen sein wollen. Fast unvorstellbar, dass Margarete Stokowski noch 2010, also kurz vor Willimanns Verschwinden, mit ihr das KaDeWe besucht (und bestohlen!) hat – fast unvorstellbar, dass es sie wirklich gegeben hat.

Mit wenigen Ausnahmen, und eine habe ich schon genannt, sind mir auch die Namen dieser Persönlichkeiten und überhaupt die meisten Namen, die in diesem Buch auftauchen, gänzlich unbekannt. An dieser Stelle wieder wissendes Kopfnicken – und Themenwechsel. Das liegt aber nicht daran, dass sie alle seit zwölf oder fünfzig Jahren abgetaucht, verschollen und vergessen sind, sondern daran, wie fremd mir – als durchaus westdeutsch sozialisiertem Menschen – dann doch jenes eher kulturell als geografisch abgesteckte bundesrepublikanische Gebiet ist, in dem alle diese Geschichten spielen. Auch Willimanns New York, das in letzter Zeit wieder Gegenstand allerlei sehnsuchtsvoller Erinnerungen zu werden scheint, gehört dazu. BRD-Noir und BRD-Nostalgie: Ich spüre sie hier auf jeder Seite, und jede Seite riecht ein bisschen nach Stuyvesant.

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Hatte Willimann tatsächlich den Verkauf des Buchs untersagt?

So in etwa roch es auch, oder man meinte es zu riechen, in einem etwas schaurigen Veranstaltungssaal in Charlottenburg, wo der Archivfund und das daraus entstandene Buch jüngst vorgestellt wurden. Viele der in diesem Band versammelten Autor:innen waren gekommen und lasen aus ihren Beiträgen vor, immer nur kurze Auszüge, denn die Verbreitung des Buches war mittlerweile von Willimann selbst untersagt worden. Mit wenig Erfolg, wie mir scheint, denn kaufen kann man es ja immer noch. Der Veranstaltung selbst blieb Willimann fern, oder sie gab sich zumindest nicht zu erkennen. Sodass man dann auch den Blick über all die Pelzmäntel und auffälligen Hüte streifen lassen konnte – ob sie wohl gekommen ist? Wie sie wohl aussehen mag?

Wie auch an diesem Abend überwiegen im Band der Anderen Bibliothek Beiträge aus dem Umfeld der Frankfurter Witzezeitschrift Titanic. Sie zeigen vor allem, wie wenig die sogenannte Neue Frankfurter Schule selbst zustande gebracht hat. Und wie viel von dem, was man daran lustig finden kann, auf Willimann zurückgeht. Warum haben sie, warum hat überhaupt nie jemand öffentlich darüber gesprochen? Warum antwortet niemand, wenn man nach Willimann fragt? Ja, warum kennt denn niemand diese Frau? Sie selbst ist am Obskurantismus, der ihre Person umgibt, nicht ganz unschuldig. Es existiert kein einziges veröffentlichtes Interview mit Ricarda Willimann. Ein rechtlich zumindest fragwürdiger Abdruck eines unautorisierten Gesprächs mit Alexander Kühn findet sich im Band. Die Presse war ihr verhasst, so weit verständlich, Termine werden verpasst, und auf Anfragen wird nicht geantwortet. Zweifellos, hätte es Ricarda Willimann nicht gegeben – man müsste sie erfinden.

Mit dem Marbacher Archivfund ist der deutsche Humor auf eine gewisse Weise beendet. Nachtrauern muss man ihm nicht wirklich. Eine geplante Willimann-Ausstellung im Caricatura Museum Frankfurt scheiterte 2010, als die Künstlerin sich entschloss, nicht mehr komisch zu sein. Auch ich möchte mir das zu Herzen nehmen. Kurz darauf verschwand Ricarda Willimann spurlos. Nur nachvollziehbar, ihre Arbeit war getan.

Ricarda Willimann: Wer war ich? Die Andere Bibliothek, Berlin 2022. 309 Seiten, 44 Euro.

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