Deutsche Literatur

Für diesen Roman könnte man die Literaturgeschichte umschreiben

Eine fulminante Wiederentdeckung: Ruth Rehmanns früher bundesdeutscher Angestelltenroman „Illusionen“ aus der Zeit der „Blechtrommel“.

Helmut Böttiger
5 Min
Ruth Rehmann, Anfang 1980er-Jahre

Ruth Rehmann, Anfang 1980er-Jahre

© Fotosammlung Ruth Rehmann - Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg

Diesem Roman stand eine große Zukunft bevor. Die 36-jährige Ruth Rehmann las 1958 auf der Tagung der Gruppe 47 aus dem Manuskript von „Illusionen“, und sie ließ sofort aufhorchen. Der begehrte Preis der Gruppe schien ihr sicher zu sein. Kurze Zeit später betrat jedoch ein völlig unbekannter unrasierter bildender Künstler die Szene und las aus einem Roman, der „Die Blechtrommel“ heißen sollte. Er fegte damit alles hinweg. Binnen weniger Minuten wurde Günter Grass zu einem Star, und natürlich ging auch der Preis der Gruppe 47 an ihn.

Verglichen mit diesem anarchischen Mahlstrom war Ruth Rehmanns Text eher leise, mit feinen Schraffuren und dezenter Ironie. „Illusionen“ kam 1959 heraus, gleichzeitig mit der „Blechtrommel“, es erhielt durchaus glänzende Kritiken. Aber im selben Jahr erschienen nicht nur „Illusionen“ und die „Blechtrommel“, sondern auch Uwe Johnsons „Mutmassungen über Jakob“ und Heinrich Bölls „Billard um halb zehn“. Man sprach von einem annus mirabilis der jungen bundesdeutschen Literatur, doch Ruth Rehmann blieb im Schatten ihrer lautstärkeren Kollegen. Wenn der Berliner AvivA-Verlag jenen ersten Roman der 2016 gestorbenen Ruth Rehmann jetzt wieder auflegt, reibt man sich umso mehr die Augen. Man ist geneigt, die Literaturgeschichte ein bisschen umzuschreiben.

Es geht in diesem Buch um ein Bürohochhaus in einer westdeutschen Großstadt, das  „neue Verwaltungsgebäude des Wellis-Konzerns“ mit 23 Stockwerken. Die ersten Seiten drehen sich tatsächlich nur um Architektur – in sachlichen, technisch präzisen Sätzen, die überhaupt nichts mit den wabernden, schwülstigen und raunenden Texten zu tun haben, die damals üblich waren. Als erster tritt ein Fensterputzer in Erscheinung, der von außen in die Büroräume blickt und dadurch offenkundig mehr über die Angestellten weiß, als diese jemals übereinander in Erfahrung bringen werden. Man merkt den zeitlichen Abstand zu heutigen Erfahrungen kaum: „Illusionen“ ist ein Roman über kapitalistische Versprechen, über die Wohlstandsgesellschaft, über Firmenführung und Verwaltungseffizienz; vor allem entwirft er psychologisch differenzierte Profile jener Bürokräfte.

Ruth Rehman schreibt kühl und ohne Illusionen 

Langsam gerät ein Raum im 13. Stock in den Mittelpunkt. Dort sitzen vier Personen, die im weiteren Textverlauf minuziös verfolgt werden. Es ist Freitagnachmittag, das Wochenende steht bevor, und wie dieses Wochenende bei den einzelnen, auf den ersten Blick äußerst unterschiedlichen Büroinsassen genau aussieht, bildet den Inhalt dieses kühl distanzierten, scharf sezierenden und illusionslosen Romans.

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Die Chefsekretärin Gertrud Schramm wirkt zunächst wie das unantastbare Zentrum des Büros. Sie ist in einem Alter, in dem sie kurz vor der Rente steht, aber das verdrängt sie mit allem, was sie zur Verfügung hat. Das ist vor allem die Identifikation mit dem Betrieb und dem um einiges jüngeren Chef. Ihn idealisiert sie, trotz seiner eher ungelenken Versuche, eine Führungsperson auch darzustellen. Man erfährt das alles durch die raffiniert angelegte Erzählperspektive des Romans. Sie wechselt zwischen einem scheinbar objektiven Blick von außen und erlebter Rede, die sich zeitweilig sogar in einen inneren Monolog der Handelnden verwandeln kann. Und so erscheint die Chefsekretärin als ein Musterbeispiel für den deutschen Untertanen, für den autoritären Charakter. Ihre Bereitschaft zu Anpassung und Unterordnung ist ihrer Karriere bereits in der Nazizeit nützlich gewesen; kurze Rückblenden in die Vergangenheit zeigen unmissverständlich, welche Abgründe sich unter der glatt und poliert erscheinenden unmittelbaren Gegenwart verbergen. Frau Schramm steht beiläufig für eine unheimliche deutsche Kontinuität, gerade in ihrer Alltagsnormalität.

Als ihre Nachfolgerin steht schon länger die extravagante rothaarige Carmen Viol bereit. Sie, um die vierzig, gehört der nächsten Generation an, und sie ist durchdrungen von Glücksversprechen, von Einsamkeit und der Sehnsucht nach Geliebten, die sich vorübergehend an Stränden des Mittelmeers konkretisieren – eine sprachlich raffinierte Frauenskizze, die für die damalige Zeit herausragt. Die Wochenendfantasien dieser Carmen, in denen sie anhand verschiedener Kleider erotische Affären nachstellt und eher verschwommene Erinnerungen zum eigentlichen Lebensinhalt stilisiert, changieren in Ruth Rehmanns Sätzen zwischen realistischen Schilderungen, traumhaften Sequenzen und grotesken Überzeichnungen.

Manchmal wirkt der Roman frappierend zeitlos

Ergänzt wird das Tableau durch die orientierungslose 19-jährige Therese, die gern einer jeunesse dorée angehören möchte, aber von den Konsummöglichkeiten bereits überfordert ist – das hat etwas frappierend Zeitloses. Man merkt diesen Szenen die 50er-Jahre atmosphärisch kaum an, hat die hier skizzierten Personen trotzdem konkret vor Augen. Auch bei dem kleinbürgerlichen Paul Westermann, der das Ensemble vervollständigt, fällt der nüchterne Ton auf, mit dem die Autorin einzelne Details hervorhebt und sich erfrischend abhebt von der Dumpfheit und dem Mief ihrer Zeit. Er sehnt sich nach dem großen Leben, von dem er nur Klischeevorstellungen hat, und imaginiert sich deshalb seinen bankrotten Jugendfreund Mark vergeblich als Lebemann.

Untergründig ist „Illusionen“ eine brillante Gesellschaftsanalyse, ein literarisch vielschichtiger Text über die frühen Wirtschaftswunderjahre der Bundesrepublik, der die Verdrängung der Nazizeit und die Traumgespinste des Wohlstandsversprechens entlarvt. Ruth Rehmann hat einen Angestelltenroman geschrieben, bevor man in der Bundesrepublik das Phänomen dieser neuen, dem amerikanischen Geschäftsmodell angepassten Beschäftigten als Erzählgegenstand überhaupt erfasst hatte. Schon der unbedingte, schonungslose Blick auf die Gegenwart, ohne die damals übliche Verklärung einer besseren Vergangenheit oder eines höheren Lebens, hatte etwas von einer Provokation.

Vielleicht erklärt dies das Unbehagen, das Rehmanns Roman wohl doch auch auslöste: Er traf einen Nerv, den man Ende der 50er-Jahre noch gar nicht so richtig benennen konnte. Zweimal fällt in „Illusionen“, an unterschiedlichen Stellen, der Satz: „Irgend etwas stimmte nicht.“ Er klingt zunächst fast harmlos, entfaltet dann aber eine schleichende, nachhaltige Wirkung. Dieses Buch hätte das Zeug gehabt, zu einem bundesdeutschen Klassiker zu werden.

Ruth Rehmann: Illusionen. Roman. Hg. und mit einem Nachwort von Werner Jung. AvivA Verlag, Berlin 2022. 318 Seiten, 24 Euro

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