Analyse

„Das Ende der Geschichte“: Warum niemand je wirklich daran geglaubt hat

Francis Fukuyamas These vom Ende der Geschichte wird seit 30 Jahren diskutiert. Ein Blick zurück lässt jedoch Zweifel aufkommen, dass sie je ernst gemeint war.

Nils Schniederjann
6 Min
Winkende Jugendliche vor der Ehrentribüne: Pfingsttreffen der FDJ 1989 in Ost-Berlin, DDR.

Winkende Jugendliche vor der Ehrentribüne: Pfingsttreffen der FDJ 1989 in Ost-Berlin, DDR.

© imago/Stana

Im Sommer 1989 erscheint in der Zeitschrift The National Interest der Artikel „The End of History?“ von Francis Fukuyama. Wenige Wochen später kann der Autor in der New York Times lesen, wie der Herausgeber der Zeitschrift seine Meinung zu Fukuyamas Thesen gibt: „Ich glaube davon kein Wort.“ Für die meisten Autoren wäre eine derartige Einschätzung desaströs. Fukuyama aber wird das nicht interessiert haben. Sein Artikel erregte größere Aufmerksamkeit als alles, was der Herausgeber je schreiben würde. Nicht nur erscheint in wenigen Tagen mit „Der Liberalismus und seine Feinde“ erneut ein Buch, in dem er sich mit der politischen Gemengelage auseinandersetzt. Noch heute wird auch seine These von damals herangezogen – oft um zu zeigen, wie falsch sie schon vor 30 Jahren war.

Seit dem Krieg in der Ukraine dient sie jedoch auch dazu, die veränderte Situation feuilletonistisch zu greifen: 30 Jahre lang lebten wir demnach am sogenannten Ende der Geschichte – ab jetzt in der Zeitenwende. Ein Blick auf die Geschichte des Textes zeigt, dass Fukuyama eventuell gar nicht recht haben, sondern vor allem provozieren wollte. Und dass nicht nur der Herausgeber ihr von Anfang an keinen Wert beimaß.

Der Kampf zwischen Faschismus, Sozialismus und Kapitalismus sei, so Fukuyamas Grundthese, an sein Ende gekommen. Kapitalismus (von ihm liebevoll „Liberalismus“ genannt) und Demokratie hätten in politischer wie ökonomischer Hinsicht gesiegt. In konservativen Kreisen lag dieser Blick auf die Liberalisierung sozialistischer Staaten wie China oder der UdSSR bereits länger in der Luft, sie war an sich also nicht besonders originell. Mehrere Monate vor Fukuyama schrieb etwa bereits Charles Krauthammer in der Washington Post: „Nachdem wir alle politischen Systeme ausprobiert haben, schließen wir dieses Jahrtausend mit der Gewissheit ab, dass wir die beste Form in der liberalen, pluralistischen, kapitalistischen Demokratie gefunden haben.“ Das ist Fukuyama in a nutshell, hat aber niemanden interessiert. Wieso war Fukuyamas Version also überhaupt so erfolgreich?

Blick auf die Fifth Avenue in New York City, 2008.

Blick auf die Fifth Avenue in New York City, 2008.

© imago/Becker&Bredel

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Mit Hegel für den Kapitalismus

Ein Alleinstellungsmerkmal: Die hochtrabende These stammte nicht von einem Professor. Fukuyama war nicht einmal an einer Universität angestellt, sondern arbeitete im amerikanischen Außenministerium. Publiziert wurde sein Aufsatz auch nicht in einer wissenschaftlichen Zeitschrift mit entsprechenden Peer-Review-Verfahren, sondern in der vergleichsweise kleinen The National Interest. Die damalige Auflage: 6000 Exemplare. Ihr Gründer Irving Kristol, der „kein Wort“ von Fukuyama glaubt, galt als einer der wichtigsten Neokonservativen der USA. Finanziell mit Mitteln reicher, konservativen Industrieller ausgestattet, schuf er die Zeitschrift, um einen harten Kurs in der US-Außenpolitik zu popularisieren. Ein theoretischer Beitrag, der alle nicht demokratischen Staaten zu Verlierern der Geschichte macht, passte da grundsätzlich ins Konzept.

Der Essay selbst bietet nur vage Anhaltspunkte, um seine Wirkmacht zu erklären. Neben dem griffigen Slogan zeichnete er sich durch polemische Schärfe aus. Etwa wenn es hieß, das US-amerikanische System habe „politisch die liberale Demokratie und ökonomisch den Zugang zu Videorekordern und Stereoanlagen“ zu bieten – und hätte mit diesen einfachen Mitteln den Sozialismus sowie den Faschismus auf den Zuschauerplatz der Geschichte verbannt.

„Der Sozialismus siegt.“

„Der Sozialismus siegt.“

Einzigartig war außerdem der Bezug auf ein reichlich zurechtgestutztes hegelianisches Erbe. Dessen Dialektik etwa reduziert er auf den Gedanken, alles habe Anfang, Mitte und Ende – nicht unbedingt falsch, hat aber nichts mit Hegel zu tun. Er nutzt ihn aber sowieso nur als Einstieg, um sich dann über die Interpretation des französischen Philosophen Alexandre Kojève am hegelianischen Idealismus zu bedienen. Den braucht er, um seine These überhaupt plausibel zu machen. Schließlich stand zum Zeitpunkt der Publikation noch die Berliner Mauer, die UdSSR war noch immer ein mächtiger Gegner und die Samtene Revolution in der Tschechoslowakei Monate entfernt. Der Clou des Textes: Zwar hätten sich Kapitalismus und Demokratie noch nicht überall durchgesetzt, ideell aber könne es kein System mehr mit ihnen aufnehmen. Dieses intellektuelle Ausweichmanöver war zwar originell, erklärt aber immer noch nicht die immense Aufmerksamkeit, die Fukuyama durch den Text zuteilwurde. Die Erklärung liegt vielmehr in der Geschichte seiner Rezeption.

Das Erfolgsrezept heißt Widerspruch

Nachdem der National-Interest-Redakteur Owen Harries Fukuyamas Thesen in einer frühen Version als Vortrag hörte, fragte er eine verschriftlichte Version beim Redner an. Der Herausgeber muss dann erkannt haben, was mittlerweile zum Grundrepertoire eines jeden Medienproduzenten zählt und für viele Klicks, aber wenig Erkenntnis sorgt: Eine falsche, aber provokante These ist besser als eine richtige, aber langweilige.

Es ist schwierig, in der Rezeptionsgeschichte des Textes überhaupt jemanden zu finden, der Fukuyamas Thesen wirklich zustimmt. Kurz nach Erscheinen wandelte das Magazin Time den Titel des Aufsatzes ab in den „Beginn des Blödsinns“; im New Statesman hieß es, dass es sich bloß um Selbstbeweihräucherung handle, die zur Philosophie erhoben wird. Die Verbreitung des Textes wurde getragen durch den Widerspruch, den er erfuhr. Es brauchte bis zur Finanzkrise 2008, bis dies in Vergessenheit geriet. Da begannen die Ersten, das „Ende der Geschichte“ als hartnäckigen Mythos zu behandeln, der endlich durch die realen Entwicklungen widerlegt werde. Das „Ende des Endes der Geschichte“ sei nun erreicht worden, wie es bei Newsweek hieß und bis heute auch in deutschen Feuilletons wiederholt wird. Noch diese Woche titelte die FAZ: „Das ‚Ende der Geschichte‘ ist zu Ende“.

Francis Fukuyama 1992 in München, drei Jahre nach Erscheinen seines Artikels „The End of History?“.

Francis Fukuyama 1992 in München, drei Jahre nach Erscheinen seines Artikels „The End of History?“.

© imago/Wolfgang Maria Weber

Dabei stand nicht einmal Francis Fukuyama selbst hinter seinen Thesen. Wenige Wochen nach Erscheinen seines Ursprungstextes fragte ihn ein entgeisterter Reporter der New York Times, ob er wirklich an das glaube, was er da schreibt. Dass das liberale Amerika eigentlich der Utopie von Karl Marx entspreche; dass die Ansichten der Menschen außerhalb der Großmächte irrelevant seien; dass die Herrschaft der Nationalsozialisten bloß ein kleiner Ausrutscher war, es in Europa aber sonst immer nur bergauf gehe. Seine Antwort: „Ich glaube, das will ich nicht beantworten. Alles, was ich sagen kann, ist, dass manche Leute keinen Spaß verstehen ...“ Alles also nur ein großer Spaß? Für Fukuyama, zurzeit Professor an der renommierten Stanford-Universität, hat sich der Scherz jedenfalls gelohnt.

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