UPDATE

Verkehr

Berlin: U-Bahn-Tunnel unterm Alexanderplatz um mehrere Zentimeter abgesackt

Neben einer Hochhausbaustelle musste die BVG ein Gleis der U2 sperren. Auf unabsehbare Zeit, wie es nun heißt. Sensoren hatten schon seit längerem gewarnt.

Peter Neumann Ulrich Paul
6 Min
Berlin: Im U-Bahnhof Alexanderplatz ist das Gleis nach Pankow gesperrt. Mitarbeiter des Betriebsdienstes gehen über dem Bahnsteig.

Berlin: Im U-Bahnhof Alexanderplatz ist das Gleis nach Pankow gesperrt. Mitarbeiter des Betriebsdienstes gehen über dem Bahnsteig.

© Volkmar Otto

Für die Fahrgäste der U-Bahn-Linie U2 können die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) noch keine Entwarnung geben. Weil sich der Tunnel im Bahnhof Alexanderplatz um mehrere Zentimeter gesetzt hat, kann dieser Abschnitt seit Freitagabend auf unabsehbare Zeit nur eingleisig befahren werden. „Wie lange noch umgestiegen werden muss, können wir nicht sagen. Das wäre spekulativ“, sagte Jannes Schwentu, Sprecher des Landesunternehmens, am Montag. Inzwischen wurde bekannt, in welchem Maße sich das Tunnelbauwerk bewegt hat – und dass dies schon länger bekannt ist.

Seit Freitag gegen 23 Uhr steht der U2 im Bahnhof Alexanderplatz, einer der am stärksten genutzten Stationen an der Ost-West-Linie, lediglich noch ein Gleis zur Verfügung. Der Schienenstrang in Richtung Pankow liegt seitdem ungenutzt da. Die Fahrgäste müssen zwischen Klosterstraße und Senefelderplatz auf den Pendelverkehr umsteigen, der nur im 15-Minuten-Takt verkehren kann.

Bauunternehmen Covivio hat die Arbeiten schon vor Tagen eingestellt

Während das französische Immobilienunternehmen Covivio nebenan ein 130 Meter hohes Hochhausensemble mit 33 ober- und drei unterirdischen Geschossen errichtet, überwachen Sensoren das Tunnelbauwerk. Wie jetzt bekannt wurde, haben die Messfühler schon vor einiger Zeit gemeldet, dass der Boden sich in diesem Bereich bewegt – dass also etwas Unerwünschtes passiert. Setzung: So lautet der Fachbegriff, wenn während oder nach Baumaßnahmen der Untergrund nachgibt. Solche Bewegungen können zu Bauwerksrissen führen – das ist offenbar auch hier der Fall.

Am Dienstag vergangener Woche war davon die Rede, dass der Tunnel bereits um fast vier Zentimeter abgesackt ist. Auch der Senat weiß nach Informationen der Berliner Zeitung seit einer Woche Bescheid. „Vorsorglich haben wir die Bauarbeiten auf unserer Baustelle am Alexanderplatz bereits vor einigen Tagen eingestellt“, teilte Covivio-Sprecherin Barbara Lipka mit.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

U-Bahnerin: „Das war für uns keine Überraschung mehr“

Noch am Donnerstag hielt man es bei der BVG für möglich, das Fahrtenangebot auf der U2 in vollem Umfang aufrechtzuerhalten. „Uns ist bewusst, welche Folgen ein eingleisiger Betrieb für die Fahrgäste hat“, hieß es intern. Sie müssen bereits am Gleisdreieck umsteigen, weil die Linie U2, die normalerweise darüber hinaus nach Pankow führt, wegen der Bauarbeiten am Gleisdreieck verkürzt werden musste.

Am Freitag sahen sich die Infrastrukturexperten der BVG aber dann doch dazu gezwungen, die Reißleine zu ziehen. Nachdem sich dies schon am Nachmittag angekündigt hatte, teilte das Unternehmen um 19.22 Uhr mit: „Da die Messung für das Gleis in Richtung Pankow sich nun einem Grenzwert nähert und Sicherheit oberste Priorität hat, lässt die BVG die U2 im Bereich des Alexanderplatzes bis auf weiteres vorsichtshalber nur noch auf dem gegenüberliegenden Gleis fahren.“ Eine U-Bahn-Mitarbeiterin sagte am Montag: „Das war für uns keine Überraschung mehr.“

Zwei U-Bahn-Garnituren sind nun als Pendelverkehr auf dem verbliebenen Gleis zwischen Senefelderplatz und Klosterstraße eingesetzt. Weil die Sperrung des Pankow-Gleises nicht nur den Bahnsteigbereich unter dem Alexanderplatz, sondern auch anschließende Gleisabschnitte und Weichen betrifft, sei es nicht möglich, häufiger zu fahren, hieß es beim U-Bahn-Personal. Folge für die Fahrgäste: Wartezeiten.

„Die Arbeiten auf der Baustelle des Hochhausprojekts ruhen derzeit“, teilte die BVG mit. Bauexperten und Gutachter untersuchen den Bereich des U2-Bahnhofs. „Erste Ergebnisse der Untersuchungen werden in rund zwei Wochen erwartet“, hieß es.

Nach Grundwassereinbruch war die U2 wochenlang unterbrochen

„Wir haben Kenntnis von den Messungen des Überwachungssystems für den Tunnel“, sagte Barbara Lipka von Covivio. „Gemeinsam arbeiten die BVG, Bauunternehmen, Ingenieurbüros und Covivio intensiv an der Ursachenforschung und Lösung. Sobald die Untersuchungen weiter fortgeschritten sind, können wir mehr sagen.“

Die Teilsperrung der U2 unter dem Alexanderplatz ist nicht die erste Beeinträchtigung, die diese Innenstadtstrecke durch benachbarte Bauprojekte erfährt. So musste die BVG den U-Bahn-Betrieb zwischen Mohrenstraße und Potsdamer Platz vom 30. März bis 12. Mai 2012 komplett einstellen. In die Großbaustelle der heutigen Mall of Berlin am Leipziger Platz, die von dem Tunnel gekreuzt wird, war plötzlich Grundwasser eingebrochen. Die BVG musste einen Schienenersatzverkehr einrichten.

Im November 2015 machte dann die Baustelle für das Motel One an der Grunerstraße Schlagzeilen. Unter der Baugrube gab der Boden um sechs Zentimeter nach. Bohrarbeiten für die Gründung des 19-Etagen-Hochhauses führten dazu, dass die darunter gelegenen U-Bahn-Tunnel absackten und leicht zur Seite kippten. Dort wurde entschieden, die U2 weiterfahren zu lassen – wenn auch nur mit 15 Kilometer pro Stunde. Für das Hotel wurde ein Baustopp verhängt, der im März 2016 endete.

Ein anderes Hochhausprojekt sorgte für eine mehrjährige Auseinandersetzung zwischen dem Bauherrn, dem US-Investor Hines, und der BVG. Es geht um das bis zu 150 Meter hohe Gebäude, das am Rand des Alexanderplatzes auf einem Fundamentblock von 1930 errichtet werden soll, durch den die U5 nach Hönow fährt. 2019 schlossen beide Seiten eine Vereinbarung. Sie sah vor, dass die U-Bahn-Anlage durch ein unterirdisches Bauwerk geschützt wird – ohne dass der BVG Kosten entstehen.

U-Bahn-Tunnel verläuft dicht unter der Oberfläche

Die geplanten Zwillingstürme der Covivio entstehen neben dem Gebäudekomplex, zu dem das Hotel Park Inn und der Textildiscount Primark gehören. Der Entwurf, der vom Architekturbüro Sauerbruch Hutton stammt, sieht 60.000 Quadratmeter mit verschiedenen Nutzungen vor – Büros und Geschäfte, aber auch Wohnungen. Die Tiefbauarbeiten für das 130 Meter hohe Ensemble, das mehr als eine halbe Milliarde Euro kosten soll, haben im April des vergangenen Jahres begonnen.

Seit 1913 hält nebenan die heutige U2, die dicht unter der Oberfläche verläuft – in nur 4,60 Meter Tiefe. „Es kommt nun schon zum dritten Mal vor, dass diese wichtige Strecke von benachbarten Bauprojekten betroffen ist“, sagte Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB. Der Senat müsse dafür sorgen, dass die Berliner Infrastruktur künftig besser vor solchen Einwirkungen geschützt wird. Und die BVG sei dafür verantwortlich, die Fahrgäste besser zu informieren. „Sie muss Personal einsetzen, damit sie richtig gelenkt werden“, forderte Wieseke. Die BVG kündigte an, die Information zu verbessern.

Auch an der U8 könnte es Probleme geben

Nach Informationen der BVG ist nicht ausgeschlossen, dass in diesem Teil von Mitte weitere spürbare Beeinträchtigungen des U-Bahn-Verkehrs folgen. Dem Vernehmen nach steht auch die U8 auf dem Abschnitt zur Jannowitzbrücke unter Beobachtung. Der grundwasserreiche, oft sandige Untergrund Berlins führt bei Bauprojekten immer wieder zu Überraschungen und unerwünschten Setzungen. Nicht ausgeschlossen, dass dies in naher Zukunft weitere U-Bahn-Fahrgäste betreffen könnte.

„Es ist eine Katastrophe“, kommentierte der Linken-Verkehrspolitiker Kristian Ronneburg. „Durch die durch Baumaßnahmen hervorgebrachten Risse und die entsprechenden Maßnahmen der BVG im Untergrund ist Pankow nun von der Innenstadt faktisch abgekoppelt. Als Linke haben wir stets auf die zu erwartenden Probleme mit dem Bau von Hochhäusern auf dem Alex aufmerksam gemacht, gleiches gilt für das geplante Hines-Hochhaus über der U5.“ Der Alex sei eine Lebensader für die Stadt, so der Abgeordnete. „Nun müssen ernsthafte Sicherheitsprüfungen stattfinden, denn wir dürfen nicht riskieren, dass in Zukunft weitere tiefgreifende Einschränkungen im U-Bahn-Bereich die Folge sind. Es muss auch mit Hochdruck daran gearbeitet werden, dass die U2 wieder normal verkehren kann."


Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner