Ficki, ficki, sagte der Ferienwohnungsvermieter Peppino, der uns zu einem opulenten Willkommensmahl eingeladen hat. Ich dachte kurz, ah, da ist der Haken, aber dann verstand ich, dass von fichi, also Feigen die Rede ist. Er hatte sie mit Honig in Wodka eingelegt, sie stammten aus seinem Garten, der von der Ferienwohnung direkt bis hinunter ans Meer reichte. Wir saßen auf der Terrasse, blinzelten über Zitronenbäume ins Abendlichtgeglitzer, steckten uns die triefenden Früchte in den Mund und heraus quoll der Geschmack von Sonne. Euphorie stieg mit dem Alkohol direkt in den Kopf und entfaltete dort eine vielschichtige Süße. Dass sich in der Frucht, strenggenommen in der nach innen gekehrten Blüte, ein Todesdrama abgespielt haben muss, davon wusste ich Ignorant nichts. Wenn auch der Leser und die Leserin weiter unschuldige Freude am Genuss von Feigen haben möchten, sollten sie hier die Lektüre einstellen.
So eine Feige besteht in frischem und reifen Zustand zu vier Fünfteln aus Wasser, fast 13 Prozent sind Kohlehydrate, dazu kommen Ballast- und Mineralstoffe und viel Vitamin B, aber auch über ein Prozent Protein und ein halbes Prozent Fett. Enthalten ist nämlich auch der zersetzte Kadaver einer Feigenwespe, die in einer nicht untoxischen symbiotischen Beziehung zur Feige steht.
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Es ist komplizierter, aber vielleicht reicht es, für den Smalltalk-Gebrauch Folgendes zu wissen: Die Feigenwespe schlüpft in der männlichen Blüte der Bocksfeige, das ist praktisch, da gibt es gleich Proviant. Sie wächst heran, bohrt sich frei und nimmt Blütenstaub mit. Eine trächtige Wespe quetscht sich zur Eiablage in Feigenblüten, bei männlichen Blüten injiziert sie die Eier im Fruchtfleisch und die nächste Wespengeneration kann ungestört heranwachsen. Gerät die Wespe aber in eine weibliche Blüte, erfüllt sie zwar ihre symbiotische Pflicht, indem sie die Blüte befruchtet.
Das einsame Sterben der Mutterwespe
Diese weibliche Blüte ist aber so eng, dass das Wespenweibchen beim Hineinschlüpfen mit seinem Eistachel nicht ans Fruchtfleisch heranreicht. Das Tier schiebt sich immer tiefer, verliert Flügel, teilweise auch Fühler und Gliedmaßen in dem klebrigen Kanal, und kann sich so lädiert nicht mehr zurück ins Freie retten. Das Wespenweibchen stirbt und verbleibt in der Blüte. Die Feige dankt für die Pollen und speist die tote Wespe in ihren Stoffwechselprozess ein. In der reifen Frucht ist dann kein Kadaver mehr zu sehen, aber doch sind im Fruchtfleisch sozusagen zersetzte tierische Anteile enthalten.
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Außer Acht lassen wollen wir für unsere Betrachtung, dass es auch Feigenarten gibt, die selbstbefruchtend sind, also keine aufopferungsvolle Hilfe bei der Bestäubung brauchen. Auf diese Feigen mag der Veganer zurückgreifen, der die Begründung für seine Ernährungsweise auf formale Aspekte reduziert. Zumeist haben sich Veganer jedoch aus gut nachvollziehbaren moralischen Überlegungen dazu entschieden, auf Fleisch und tierische Produkte zu verzichten.
Ein Akt der Verschwisterung
Und unter moralischen Gesichtspunkten stellt sich die Sache anders dar: Tiere zu essen, die aus freien Stücken in den Tod gegangen sind, könnte mancher sogar als tugendhafter empfinden als den Verzehr von Pflanzen, die bei ihrer Ernte sterben. Kann man bei der Wespe von einem Freitod sprechen? Vielleicht nicht in individueller Hinsicht. Aber um als Art zu überleben, müssen sich weibliche Wespen opfern, auf dass es fürderhin Feigen gibt, in denen die Nachkommen aufwachsen können. Opfer für künftige Generationen zu bringen, das ist oft der Grundimpuls für die vegane Ernährung. Das Verspeisen von Feigen erscheint in diesem Licht als ein Akt der Verschwisterung.
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