Serie: Wohn-Wahnsinn Berlin

Neu-Berliner aus Lateinamerika: „Der Wohnungsmarkt bestimmt alles“

Cecilia Maas engagiert sich im Bloque Latinoamericano in Berlin. Das wichtigste Thema für die Gruppe: Die Wohnungsnot und bürokratische Hürden in der Stadt.

Maria Häußler
6 Min
Cecilia Maas trifft sich gerne mit ihrer Nachbarschaft am Spreeufer.

Cecilia Maas trifft sich gerne mit ihrer Nachbarschaft am Spreeufer.

© Sebastian Wells/OSTKREUZ

Tief über den Tisch gebeugt schreiben etwa 15 junge Erwachsene einen Text über ihre Traumwohnungen in Berlin. Einige Minuten ist es still im Kieztreff „Mahalle“ in Kreuzberg, nur das leise Kratzen der Stifte ist zu hören. Dann liest eine Frau mit kurzem Topfschnitt und Kapuzenpulli ihren Text vor, auf Spanisch, vorher und nachher ordnet sie ihn ein. Die anderen hören aufmerksam zu und nicken, an einer Stelle müssen alle laut lachen.

„Es geht darum zu begreifen, dass unsere Erfahrungen nicht individuell, sondern kollektiv sind“, sagt Maria Nicolellis, die eben ihren Text vorgetragen hat und sich bei dem Kollektiv „Bloque Latinoamericano“ engagiert. Zweimal im Monat trifft sich die Community von Spanisch und Portugiesisch sprechenden Menschen, die aus unterschiedlichen Ländern nach Berlin gekommen sind, im „Mahalle“. Im Kern sind es 30 Mitglieder, bis zu 70 kommen und gehen. Sie arbeiten daran, ein Netzwerk zur gegenseitigen Unterstützung aufzubauen und formulieren politische Forderungen. Heute ist Workshop-Tag, den Schreibkurs haben Gäste organisiert.

Cecilia Maas ist schon politisch aktiv, seit sie 16 Jahre alt ist.

Cecilia Maas ist schon politisch aktiv, seit sie 16 Jahre alt ist.

© Sebastian Wells/OSTKREUZ

Der Bloque Latinoamericano hat auch eine „Arbeitsgruppe Wohnen“. Das große Sorgenthema der Stadt beschäftigt auch Menschen, die aus dem Ausland nach Berlin gezogen sind. An einem Nachmittag am Ufer der Spree erzählt Cecilia Maas davon. Die Sonne scheint, die 33-jährige Argentinierin legt ihre Jacke und den roten Schal neben sich auf die Bank. Sie sei aufgeregt wegen des Interviews, sagt sie, wirkt beim Erzählen aber durchgehend selbstsicher und reflektiert.

Das Kollektiv gibt es seit 2018, Maas war von Anfang an dabei. Die Arbeitsgruppe Wohnen habe sich dann nach dem Erfolg des Volksentscheides „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ gebildet. „Uns war klar: Jetzt kommt der schwierige Teil. Nun müssen wir solide Strukturen etablieren“, sagt Maas. Damit meint sie die Mithilfe beim Versuch, sich in Nachbarschaften zu organisieren, im Kiez zu vernetzen und Mieterräte aufzubauen. In ihrer eigenen Nachbarschaft im Baumschulenweg arbeitet sie selbst an einem solchen Netzwerk. Am kommenden Sonntag organisiert Maas mit Freundinnen und Freunden beispielsweise ein Spielstraßenevent, auf einem derzeit gesperrten Teil der Köpenicker Landstraße. Wie eine solche Selbstorganisation aussehen kann, trägt sie dann in die lateinamerikanische Community.

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Ohne Meldeadresse geht gar nichts

Zunächst gehe es in der Arbeitsgruppe Wohnen um Informationen für Neuankömmlinge: Welche Unterlagen brauche ich, um eine Wohnung zu mieten? Wie funktionieren die Prozesse? Was sind meine Rechte und Pflichten? „Das alles allein zu verstehen, ist total frustrierend“, sagt Maas und runzelt die Augenbrauen. Ein Bekannter habe so damit zu kämpfen gehabt, dass er beschloss, lieber wieder nach Barcelona zurückzugehen. „Es lohnt sich einfach nicht“, sagt sie.

Deshalb analysiert, übersetzt und systematisiert der Bloque Latinoamericano die Informationsflut rund ums Wohnen in Berlin. Am Abend im Kieztreff teilt sich die Gruppe auf, fünf Personen verzichten auf den Schreibkurs und verfassen gemeinsam einen Leitfaden zur Wohnungssuche. „Warum ist es so schwer eine Wohnung in Berlin zu finden?“ steht ganz oben. Ein hoch gewachsener Mann mit kurzen blonden Locken leitet diesen Teil des Treffens an. Lucio Piccoli hält in der linken Hand einen Mateteebecher, mit der rechten scrollt er durchs Dokument und liest vor, was sie erarbeitet haben. Einige Worte sind auf Deutsch, zwischendurch hält Piccoli inne und erklärt: „Bürgschaft“ ist zum Beispiel eine „garantía personal“.

Wie wichtig eine Meldeadresse ist, sei vielen Deutschen gar nicht bewusst, sagt Cecilia Maas. Sie haben bereits eine Steuer ID und Sozialversicherungsnummer und könnten notfalls bei ihren Eltern gemeldet bleiben. „Der Wohnungsmarkt bestimmt alles in dieser Stadt“, sagt Maas, „alles“ betont sie dabei. Ohne Anmeldung könne man keinen Arbeitsvertrag bekommen. Das Kollektiv kritisiert diesen bürokratischen Mechanismus. Viele Menschen aus Lateinamerika kämen ohne ein konkretes Jobangebot, zum Beispiel mit einem „Working Holiday Visum“, das dafür gemacht sei Jobs zu besetzen, die viele Deutsche nicht machen wollen, meint Maas. Zum Beispiel bei Lieferdiensten, als Putzkraft oder in der Pflege.

Cecilia Maas kam vor sechs Jahren aus Buenos Aires, um in Berlin ihre Doktorarbeit zu schreiben. Die Historikerin fand mit ihrem österreichischen Partner schnell eine Wohnung zur Untermiete. Doch auch sie brauchte eine Meldeadresse, um ihren Lohn zu erhalten und der Hauptmieter wollte nur einer Person die Wohnungsgeberbestätigung ausstellen. Ihr Freund verzichtete zu ihren Gunsten, als Österreicher war die fehlende Meldeadresse für ihn ein kleineres Problem.

Maas sagt, sie habe sich schon während ihrer Schulzeit in Buenos Aires politisiert. Sie sei in einer Krise des Neoliberalismus aufgewachsen, ab 2001 gab es in Argentinien deshalb viel Mobilisierung. An der Universität arbeitete sie dann an einem Projekt mit, dass sich dafür einsetzte, Menschen im Gefängnis ein Studium zu ermöglichen.

Im Kleinen anfangen für hohe Ziele

In Argentinien gebe man für die Miete oft die Hälfte des Gehalts aus, sagt Maas. In Berlin sagt man, dass es nicht mehr als ein Drittel sein sollte. Wegen der prekären Arbeitsverhältnisse, in denen sie arbeiten, würden viele Neuankömmlinge aber mehr zahlen, sagt Maas. „Nur weil es in unseren Herkunftsländern teilweise noch schlimmer war, heißt das nicht, dass wir das akzeptieren müssen!“, sagt sie.

Die Forderungen des Kollektivs zum Thema Wohnen: Erstens die Vergesellschaftung von Wohnungskonzernen, so wie es die Kampagne„ Deutsche Wohnen & Co enteignen“ vorschlägt. Zweitens ein Preisdeckel für Energiekosten – die durch den Ukraine-Krieg entstandenen Mehrkosten sollten die großen Energiekonzerne bezahlen, meint Maas. Und drittens eine Änderung der bürokratischen Prozesse. Eine Meldeadresse soll nicht mehr zwingend notwendig sein, um zu arbeiten.

Die Gruppe Bloque Latinoamericano hat weitere Anliegen. Die Mitglieder befassen sich mit gerechter Arbeit, setzen sich für Klimagerechtigkeit ein, dafür, dass die Perspektiven des globalen Südens in die Debatte einbezogen werden. Außerdem sind Genderthemen wichtig. Das Kollektiv versucht bei allen Themen feministische Perspektiven zu integrieren, erklärt Maas.

Viele Menschen aus Lateinamerika seien in der ersten Generation in Berlin, sie finden sich gerade erst als Community zusammen, erklärt Cecilia Maas. Im Bloque Latinoamericano teilt man, was man hat: Die Mitglieder und ihr Netzwerk bieten Hilfe bei Vertragsabschlüssen an, eine deutschsprachige Begleitung beim Gang zum Amt. Oder einfach eine weitere Decke, um Heizkosten sparen zu können.

„Das allein ist keine Lösung“, sagt Cecilia Maas bestimmt. „Teilen in der Gemeinschaft ist schön. Aber es muss eine breitere Umverteilung geben.“

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