Kann sich jemand an eine Bildungsstudie erinnern, die Anlass zur Freude war? Vielleicht gab es mal etwas zum Rechnen? Oder im Bundesländervergleich? Beim Thema Lesen haben wir uns allerdings an die miesen Nachrichten gewöhnt, auch wenn es in diesem Falle nichts Dümmeres gibt als Gewohnheit. Am Montag wurde mal wieder eine Studie vorgestellt, die schlechtere Ergebnisse zeigt als die vorhergegangene. Es ist der Vorlesemonitor, für den repräsentativ in Familien mit Kindern zwischen einem und acht Jahren gefragt wurde, ob und wie oft vorgelesen wird. In vierzig Prozent der Familien kommt das Vorlesen nicht oder höchstens einmal pro Woche vor. Vor drei Jahren lag dieser Wert noch bei 32 Prozent.
Dass es in 44 Prozent der Familien keine oder höchstens bis zu zehn Kinderbücher gibt, mag man womöglich noch als Zeichen der fortschreitenden Digitalisierung werten. Die Soziologen fingen bei ihrer Zählung übrigens mit dem kleinen dünnen Pixi-Buch an, das es für 99 Cent zu kaufen gibt. Und sie fragten auch nach der gemeinsamen Nutzung von Apps und anderen elektronischen Hilfsmitteln.
Lesen ist wichtig für die Demokratie
Sich jetzt im Namen des Landes der Dichter und Denker zu schämen, bringt nichts, denn die alte Formel beschreibt bloß ein weiteres Problem, das wir nicht loswerden: die Bildungsungerechtigkeit. In Familien mit formal niedrigerer Bildung wird besonders selten vorgelesen. Es geht aber gar nicht um die schöne Geschichte, um das Gefühl, mit einem Buch eine andere Welt zu betreten. Lesen ist eine Schlüsseltechnologie fürs Gehirn. Man braucht es, um Zeitungsartikel, Politikerporträts und Unterschriftensammlungen zu verstehen, um Fake News zu erkennen. Lesen zu können ist eine Voraussetzung für die Demokratie. Und, das ist bewiesen, das Lesen lernt sich leichter, wenn man es von klein auf als selbstverständlich erlebt.
Die Buchkäufer wandern ins Internet, aber nicht mehr nur zu Amazon
Die Fragen für den Vorlesemonitor wurden im Frühjahr dieses Jahres erhoben, also nach den großen Corona-Wellen, als es keine Schulschließungen mehr gab. Das war reichlich ein Jahr nach Ausrufung des Nationalen Lesepakts im März 2021. „Über drei Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland können nicht richtig lesen, das wollen wir ändern!“, hieß es damals, die Bedeutung des Vorlesens für das Lesenlernen wurde gepriesen. Durchgesickert ist es offenbar nicht.
Verlage werden um kostenlose Bücher gebeten
Als die Autorin Kirsten Boie vor vier Jahren die Initiative Jedes Kind muss lesen lernen startete, unterstützt vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels und der Schriftstellervereinigung PEN, wurde viel und aufmunternd genickt. Die Bildungsministerin nahm die Unterschriftenliste entgegen. Doch eine Studie von 2021 zur Lesekompetenz bei Viertklässlern zeigte, dass die Fähigkeiten seit Corona weiter nachgelassen haben. Boie, die selbst Bücher schreibt, die das Mitfiebern und Mitdenken fördern, machte sich damals besonders Sorgen um den Sprung vom Buchstabieren zum flüssigen Erfassen. Und nun zeigt der Vorlesemonitor, dass es vor allem Eltern von sieben- bis achtjährigen Kindern nicht mehr für nötig halten, vorzulesen. Allerdings wäre es gerade so wichtig, hier gemeinsam die Hürde zu nehmen.
Leseförderung: Ein Pakt ist kein Plan
Kurz vor der Frankfurter Buchmesse beklagte übrigens der Interessenverband deutschsprachiger Kinder- und Jugendbuchverlage den schlechten Bestand an Büchern in Kitas und Schulen. 48 Verlage gaben an, allein von Januar bis August mehr als 9200 Anfragen um kostenfreie Bücher für Kita-, Klassen- und Schulbibliotheken sowie für die Arbeit der Lehrkräfte erhalten zu haben. Zur Begründung hörten sie, dass die finanziellen Mittel zur Anschaffung fehlten. Nur ist es nicht die Aufgabe von Verlagen, die ja Autorinnen und Illustratoren zu bezahlen und Kosten für Herstellung und Vertrieb der Bücher haben, diese Titel dann umsonst an die Einrichtungen zu geben. Das ist eine Sache der Bundesländer und Kommunen – und dies umso mehr, wenn das Lesen in den Familien nicht selbstverständlich ist.
Was machen wir mit den schlechten Nachrichten? Von Politikern werden die Appelle offenbar nur freundlich entgegengenommen und letztlich doch ignoriert. Das muss sich ändern. Vielleicht hilft es im Kleinen, wenn wir Bürger noch sensibler werden, lieber Bücher als Süßigkeiten verschenken, als Besucher in Familien auch einmal vorlesen. Aber das reicht natürlich nicht. Berlin hat 82 öffentliche Bibliotheken, die Nutzung ist für Kinder und Jugendliche kostenlos, die Gebühr für Erwachsene beträgt zehn Euro pro Jahr. Übrigens: Das gemeinsame Anschauen von Büchern mit Kindern und das Vorlesen macht großen Spaß. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es dazu eine Gegenmeinung gibt.
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