Endlich wieder Glühwein und Gemütlichkeit – so oder so ähnlich sehnen Adventsromantiker die Zeit der Weihnachtsmärkte herbei. Die Realität sieht dann meistens anders aus, zumal im grauen, meist schneefreien Berliner Winter. An den meisten Buden zwischen Spandau und Köpenick braucht es schon reichlich Heißgetränke (mit Schuss), um den Ramsch drumherum zu ertragen.
Dabei ist die Auswahl groß: Fast 80 Weihnachtsmärkte listet das Stadtportal berlin.de, darunter Klassiker wie die Winterwelt am Potsdamer Platz, Lucia in Prenzlauer Berg oder den Weihnachtsmarkt am Schloss Charlottenburg, der in diesem Jahr zum letzten Mal stattfindet. Wo man am liebsten seine Karussellrunden dreht und den halben Meter Bratwurst verspeist, ist freilich Geschmackssache. Unsere Autoren allerdings machen um einige Märkte künftig lieber einen großen Bogen.
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„Winterzauber Berlin“ an der Frankfurter Allee
Vorab ein dickes Sorry. An die Frau vom Glühweinstand, die mich freundlich anlächelte, obwohl ich nichts kaufte. An die nette ältere Dame, die ebenso ehrfürchtig wie ich auf das halsbrecherische Fahrgeschäft „Take Off“ blickte. Ich entschuldige mich auch bei den zwei Teenagern, die fröhlich-kreischend eben dieses Fahrgeschäft nutzten, um ihren Adrenalinspiegel in einer mit atemberaubender Geschwindigkeit rotierenden Gondel in die Höhe zu treiben.
Kreischzentrale: Das Fahrgeschäft „Take Off“ bringt Farbe ins Wohngebiet.
© Anne Vorbringer
Sie alle können rein gar nichts dafür, dass der als „Winterzauber Berlin“ getarnte Weihnachtsrummel an der Frankfurter Allee in Lichtenberg bei mir einen schaurig-schalen Eindruck hinterlässt. Die Kulisse der umstehenden Hochhäuser erschwert einen romantischen Zugang, dass man großteils über eigens ausgelegte Gummiplatten läuft, trägt auch nicht gerade zur Besinnlichkeit bei.
Keine Frage: Karussell-Fanatiker und Adrenalin-Junkies kommen hier voll auf ihre Kosten. Der Kettenflieger „Around the World“ schraubt sich 60 Meter in die Höhe, es gibt eine „Supermouse“-Achterbahn, Breakdancer und natürlich die Kreischzentrale „Take Off“. Bei einem abendlichen Rundgang versteht man sofort die Anwohner, die sich im Vorfeld gegen den Rummel gewehrt haben.
Der „Winterzauber“ ist der Nachfolger des „Wintertraums am Alexa“. Hier gibt es sie noch, Jahrmarkt-Evergreens wie Wurf- und Schießbuden, Gruselkabinett, Autoscooter. Kulinarisch blieb man irgendwo zwischen Bratwurst und Crêpe hängen, der 4-Euro-Glühwein wird in neckischen Stiefeltassen ausgeschenkt. Den Glühwein braucht man wohl auch, um sich den blinkenden Neon-Irrsinn ringsum irgendwie schön zu saufen. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass Menschen noch Geld in Greifautomaten mit Kuscheltieren werfen. In Lichtenberg wird man eines Besseren belehrt: An jeder Ecke ein Teddy-Groschengrab, an dem Menschen enttäuscht feststellen, dass wieder kein Gewinn am Greifarm hängen bleibt.
Plüsch- und Plunderwahnsinn an der Frankfurter Allee
© Anne Vorbringer
Zu allem Überfluss gibt es auch noch gruselige Spielautomaten namens „Pink Date“, in denen riesige Plüschtiere hinter grellbunten Gewinntüren vor sich hindämmern. Trauriger wirds dann auch nicht mehr. Anne Vorbringer
„Winterwelt“ am Potsdamer Platz
Es gibt durchaus einen Grund, den Weihnachtsmarkt am Potsdamer Platz zu besuchen. Davon kann selbst Paris Hilton ein Liedchen trällern. 2007 war die Hotelketten-Tochter ins winterliche Berlin und mithin an den Potsdamer Platz gereist. Eine Mütze mit der Aufschrift „Rich Prosecco“ auf der blondierten Mähne, eine absurd große Sonnenbrille auf dem Stupsnäschen, das beste Fotogesicht aufgelegt, steuerte sie zielsicher auf die künstliche Rodelbahn zu – und wenige Minuten später sauste Hilton fröhlich quiekend die kunstschneebedeckte Piste runter.
Viel befahrene Straßen, hupende Autos, der Potsdamer Platz – wenn da mal keine Feststimmung aufkommt!
© Emmanuele Contini
Die alljährliche Rodelbahn am Potsdamer Platz hat schon was. Gerade weil man eben keine Millionenerbin sein muss, um sich den Spaß zu gönnen. Gerade mal 1,50 Euro kostet die Abfahrt – an dessen Ende der Spaß dann allerdings echt vorbei ist. Denn was der Weihnachtsmarkt, von Veranstaltern auch ein bisschen arg schönmalerisch „Winterwelt“ genannt, ansonsten zu bieten hat, ist nicht gerade viel. Pommes-Stand und Bratwurst-Bude, gebrannte Mandeln und kitschige Laubsägearbeiten, das übliche Vorweihnachts-Allerlei eben. Das wäre auch okay, wenn der Markt nicht stünde, wo er eben steht: auf dem unbeliebtesten Platz der Stadt nämlich.
Irgendwie zwischen DB-Gebäude und S-Bahnhof gewurschtelt, zu zwei Seiten hin von mehrspurigen, verkehrsintensiven Straßen begrenzt, laut und voll und stinkig – um da festliche Stimmung zu bekommen, müssen dem Glühwein schon ein paar mehr Schüsse Schnaps zugegeben worden sein. Fast will man sich in Anbetracht dieses unglückseligen Ortes ins Warme, Trockene verziehen, in einen geschlossenen Raum, als der sich hier die salzburgerisch inspirierte „Schmankerl“-Hütte oder die „Salzburger Stiegl Alm“ zeigen.
Winterhütten vor dem DB-Gebäude – fast wähnt man sich auf verschneiten Berggipfeln. Aber nur fast.
© Emmanuele Contini
Zwei als urige Holzhäuser getarnte Bretterbuden, in denen nach Herzenslust gefuttert und gesoffen werden kann – wie beim Skiurlaub in Österreich. Blöd nur, dass sich auch das hiesige Publikum so gibt wie beim Après-Ski-Gelage: drängelig, touristisch und oftmals schwer betrunken. Also schnell wieder raus aus den Fake-Berghütten – nur um draußen angetütert festzustellen, dass man eben doch nicht auf den schneebedeckten Gipfeln weilt. Sondern am Potsdamer Platz. Manuel Almeida Vergara
Weihnachtsmarkt am Roten Rathaus
Man muss schon ganz genau hinsehen, um den „Altberliner Flair“ auf dem Weihnachtsmarkt am Roten Rathaus zu entdecken. Und was genau soll das überhaupt sein, „Altberliner Flair“ – Lungenhaschee in einer Zille-Kneipe? Egal, von Flair irgendeiner Art ist der Weihnachtsmarkt am Roten Rathaus jedenfalls weit entfernt. Von vorweihnachtlicher Besinnlichkeit sowieso.
Rad im Rücken: Rund um den Neptunbrunnen kann man eislaufen. Immerhin.
© imago/Olaf Schuelke
Eine Mischung aus Jahrmarkt, Open-Air-Diskothek, begehbarer Pilzpfanne und Glühweinwanne lockt alles herbei, was aus den BVG-Katakomben des Alexanderplatzes den Weg zum Neptunbrunnen findet. Dort, eingekeilt zwischen den Rathauspassagen und zwei brausigen Hauptstraßen, kommt alles Mögliche auf, aber sicherlich keine Weihnachtsstimmung. Es sei denn, man betrachtet Weihnachten als eine Art geilen Open-Air-Absturz. Marcus Weingärtner
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