Pop

Reinhard Mey zum 80sten: Praktische Lieder für Alltag und Familie

Der Berliner Musiker hat 28 Studioalben veröffentlicht, mehr als 500 Songs. In der DDR wollte man ihn nicht haben, gehört wurde er dort aber auch.

Cornelia Geißler
Cornelia Geißler
5 Min
So hat ihn jeder schon gesehen: Reinhard Mey mit Gitarre und Lederjacke.

So hat ihn jeder schon gesehen: Reinhard Mey mit Gitarre und Lederjacke.

© imago

Es ist ziemlich leicht, Reinhard Mey nicht zu mögen. Man kann Zeilen aus seinen Songs zusammenstoppeln und sie banal finden. Es reicht, aus „Über den Wolken“ zu zitieren, dem Flugzeuglied, das mit der Annahme spielt, oben verschwänden alle Ängste, alle Sorgen. „Was uns groß und wichtig erscheint“, würde plötzlich nichtig und klein. Das gehört zwar in den deutschen Volksliedschatz, doch ist da noch mehr?

Einfache Antwort: ja. Man muss nicht 80 sein, so alt, wie Reinhard Mey an diesem Mittwoch wird, um im Laufe der Zeit so einiges mindestens mit einem halben Ohr gehört zu haben und für brauchbar zu halten. Beim Durchschauen seiner langen Songliste bei Wikipedia, seiner Bücher „Alle Lieder“ und „Bis heute“ klickt es bei etlichen Titeln, die mal im Radio liefen, mit denen er irgendwo im Fernsehen auftrat. 28 Studioalben hat er veröffentlicht, insgesamt mehr als 500 Lieder.

Die Schlacht am kalten Buffet

Da sind die „Männer im Baumarkt“, die sich wie Kinder in der Spielzeugabteilung verhalten, „Stehn vor kleinen Monitoren / Mit offnem Mund und roten Ohren, / Lernen Fräsen, Schleifen, Bohren.“ Wo die Werkzeuge landen, besingt er mit „Irgendein Depp bohrt irgendwo immer“, und zwar so: „Der bohrt sich in Ekstase in blindwütigem Eifer / Der kriegt Schaum vor’n Mund und sabbert grünen Geifer / Da hilft kein Stromausfall, da hilft kein Voodoozauber / Jeder Psychopath hat einen Akkuschrauber.“ Anderntags, andernorts tobt die heiße „Schlacht am kalten Buffet, / da zählt der Mann noch als Mann / Und Auge um Auge, Aspik um Gelee, hier zeigt sich, wer kämpfen kann“. Und „Es gibt keine Maikäfer mehr“.

Wenn er wie sein Hund wäre, hätte er nur „zwei Int’ressen / Erstens Schlafen, zweitens Fressen / Und was sonst schöngeistige Dinge angeht / Wäre ausschließlich Verdauung / Der Kern meiner Weltanschauung“ und „Der Mörder ist immer der Gärtner“ – kurz: Reinhard Mey hat in den Jahrzehnten seiner Plattenproduktion und Bühnenauftritte ein breites Spektrum an Themen gefunden. Mit dem Lied „Anspruchsvoll“ (1980) macht er sich über die Hochkultur lustig. „Sag’ nur, dein Müll ist Kunst und schon steh’n alle Affen / Vor Hochachtung starr, während du dich schimmlig lachst!“ – kein Wunder, dass er nie der Liebling des Feuilletons wurde.

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Der dichtende und Gitarre spielende Sänger versteht er sich als Begleiter seiner Zeit, oft melancholisch, kritisch fragend, zuweilen mit Witz. „Der Steuermann lügt, der Kapitän ist betrunken / Und der Maschinist in dumpfe Lethargie versunken“, heißt es im „Narrenschiff“. Es fällt leicht, ihn abzugrenzen von Berufskollegen mit Bildreichtum und politischem Biss wie Wolf Biermann, Bettina Wegner, Franz-Josef Degenhardt und Gerhard Gundermann. Mey dichtet eher in der Tradition Erich Kästners, aufmerksam, zuverlässig, praktisch. Am nächsten dürfte ihm der ebenfalls aus Berlin stammende Chansonnier Klaus Hoffmann sein, dessen Stimme im Vergleich geschmeidiger, weicher klingt.

Im Sonderzug nach Dresden

In der DDR hat man den Sänger nicht haben wollen, anders als Hannes Wader zum Beispiel, mit dem Mey gelegentlich zusammen aufgetreten ist. So wie Udo Lindenberg sich den „Sonderzug nach Pankow“ wünschte, klagte Reinhard Mey 1983: „Ich würde gern einmal in Dresden singen / In Jena, Leipzig, Rostock und Schwerin / Und hören, dass die Lieder hier wie drüben klingen / In einem wie im ander’n Frankfurt, im einen wie im ander’n Berlin“. Erst im Januar 1989 bekam er eine Einladung zu einer Fernsehsendung nach Dresden für den kommenden Herbst. Bei der Probe am 8. November wurde ihm noch klargemacht, dass er „Über den Wolken“ nicht singen dürfe.

Davon erzählt er in einem Interview mit seiner Tochter, das er zum Geburtstag auf seine Website geladen hat. Beim Konzert zwei Tage später war das Lied von der grenzenlosen Freiheit plötzlich hochaktuell. Dass dies überhaupt sein größter Hit würde, hatte er nicht ahnen können, als er es auf seiner Langspielplatte „Wie vor Jahr und Tag“ 1974 auf die B-Seite packte.

Von der Tochter interviewt zu werden, passt zu ihm, Reinhard Mey ist der Familienmensch unter den deutschen Liedermachern. In mehreren Songs spricht er seine Kinder an, begrüßt Geburt und Aufwachsen, er wendet sich an Vater und Mutter, er hat einen Sinn dafür, wie es den Alten geht, die übrig bleiben. Alltagstauglich klingen die Zeilen, unter den Youtube-Videos reihen sich die Kommentare gerührter Hörer. Und früh schon dachte er über das Ende des irdischen Seins nach. Er möchte im Stehen sterben, sagte sein lyrisches Ich 1974, da war er 32 Jahre alt, im Song „Wie ein Baum, den man fällt“. Damit soll er mal noch warten.

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