Unser Hund meditiert jetzt. Ich weiß, das klingt völlig absurd, aber es ist so. Jeden Abend rollen wir vor unserem Weimaraner Dobby eine grob gewebte Decke mit orangenen Mustern aus, die meine Freundin einmal auf einem Bob Dylan Konzert gekauft hat und auf die sich der Hund dann setzt. Von diesem Moment an darf er nicht mehr aufstehen, egal was vor ihm passiert. Egal, ob Herrchen und Frauchen, also wir, plötzlich anfangen zu klatschen, einfach den Raum verlassen oder – ja tatsächlich – um ihn herum im Kreis tanzen, als seien wir Mitglieder eines indigenen Stammes in den Amazonaswäldern und er ein Schrein, zu dem wir beten.
Nach jeder Aktion, jedem Klatschen, Raumverlassen oder Tanzen, bekommt der Hund ein Leckerli, wenn er sitzen geblieben ist. Es geht dabei aber nicht darum, ihm das Sitzen beizubringen, sondern ihn die Kunst der Entspannung zu lehren. Nur leider klappt das bisher noch nicht so gut. Weder der Hund noch wir sind nach seiner Meditation entspannt. Stattdessen wartet er mit aufgestellten Ohren und forderndem Blick darauf, dass wir sein Spielzeug verstecken, damit er es suchen kann, oder ihm ein Leckerli geben oder mit ihm raus in den Wald gehen. Seine innere Mitte zu suchen, das bedeutet für den Hund Aufregung – und für uns Stress. Das lege sich mit der Zeit, sagt unser Hundetrainer Michael.
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Zu Michael, der in Grünau eine hübsche Wohnung mit Blick auf die Dahme hat, fahren wir seit ein paar Wochen jeden Sonntag. Wir tun das gerne, denn er ist ein sehr guter Lehrer, aber wir müssen auch zu ihm fahren, das ist eine Auflage des Bezirksamtes. Denn bevor Dobby begann, mit uns den Weg des Buddhas zu beschreiten, war er leider ein Rüpel.
Es war im Sommer dieses Jahres, meine Freundin und ich machten gerade Urlaub in Spanien, da bekamen wir einen Anruf unserer Bekannten, die in Berlin auf unseren Hund aufpassen sollte. Sie klang verzweifelt und geschockt. Dobby habe auf der Wiese einen anderen, kleinen, provozierend kläffenden Hund angegriffen, und als dessen Halterin sich einmischte auch sie. Die Frau hatte den kleinen Spitz an der Leine hochgerissen und ihn auf den Arm genommen, was bei unserem Weimaraner den Jagdinstinkt auslöste und ihn nach der vermeintlichen Beute schnappen ließ. Leider hatte unsere Bekannte ihn nicht angeleint. Und so hatte nun die Frau einen dicken blauen Fleck am Arm und war sehr empört. Dem kleinen Hund ist nichts passiert.
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Es ist ja unter Hundehaltern so eine Sache, wenn sich ihre Vierbeiner streiten. Wahrscheinlich ist das ähnlich wie bei Kindern. Geht etwas kaputt oder verletzt sich jemand, glaubt jeder natürlich, das eigene Kind beziehungsweise der eigene Hund habe sich absolut richtig verhalten, der andere sei das Problem. Auch bei uns. Für die verletzte Frau war unser Hund ein zähnefletschendes Monster, das in Tötungsabsicht auf den kläffenden Hund und dann auf sie losgegangen war. Für unsere Bekannte hatte auch der kleine Hund seinen Anteil durch sein Kläffen und die Frau zumindest eine kleine Mitschuld an ihrer Verletzung, weil sie in den Hundekampf eingegriffen und sich dadurch selbst in Gefahr gebracht hatte.
Die Frau sah das natürlich nicht so und von nun an war ihr erklärtes Ziel offenbar, uns den Hund zu entziehen – obwohl wir ja selbst überhaupt nicht dabei gewesen waren. Sie ging zum Arzt, sie erstatte Anzeige bei der Polizei wegen Körperverletzung, sie informierte das Ordnungsamt über unseren in ihren Augen gemeingefährlichen Hund, sie rief etliche Male bei unserer Versicherung an und forderte Schmerzensgeld für ihr erlittenes Trauma. Sie könne nicht mehr vor die Tür treten aus Angst vor großen Hunden, schrieb sie einmal. Es scheint zur Obsession geworden zu sein. Neulich erzählte uns unser Versicherungsberater, die Frau habe ihn gar bedrängt, unsere Adresse herauszugeben. Durch ihr Engagement jedenfalls erhielten wir einige Wochen später Post vom Bezirksamt: Die Amtstierärztin müsse nun prüfen, ob Dobby überhaupt sozialverträglich sei.
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Bei uns war die Sorge groß. Denn schaut man in die entsprechende „Verordnung zur Durchführung des Hundegesetzes“, wird dort ein bunter Strauß an Horrorszenarien aufgeführt, mit denen der Hund geprüft werden soll. Ein Auszug aus der Verordnung: „Zur Durchführung des Wesenstests werden
1. mindestens zwei Hilfspersonen,
2. zwei bis vier weitere Hunde: Rüde, Hündin, kleiner Hund, durch Bellen, Knurren, Körperanspannung provozierender Hund,
3. ein Kinderwagen,
4. eine Babypuppe mit Geräuschfunktion,
5. ein Besen,
6. ein langer Mantel oder ein ähnliches Kleidungsstück benötigt.“
Was bitte ist das für eine irrsinnige Liste? Zum Glück beschränkte sich die zuständige Amtstierärztin bei uns auf einen kurzen Spaziergang mit Dobby und riet uns dann, zu einem Hundetrainer zu gehen, der vor allem auf die Sensibilität unseres Hundes eingehe. Denn ja, Dobby sei sehr sensibel. So kamen wir zu Michael nach Grünau.
Schon sein ganzes Leben lang lebt Michael, der in Kanada aufgewachsen ist, mit und unter Hunden. Seine Familie züchtet schon seit einigen Generationen auf einer Farm selber Pferde und Hunde und bildet sie zu Jagdhunden aus. Zur ersten Stunde bei Michael sollten wir Stift und Papier mitbringen. Am Anfang gebe es bei ihm immer erstmal anderthalb Stunden Theorie, schrieb er uns vorher.
Unser Hund ist hyperaktiv
Es gibt, das haben wir in den letzten Wochen gelernt, sehr unterschiedliche Auffassungen davon, wie Hunde zu trainieren sind. Grob zusammengefasst, kann man vielleicht sagen: Es gibt den Oldschool-Weg und die neue, progressive, verhaltenspsychologische Variante. Beim Oldschool-Weg, der sich meist an der sogenannten Dominanz-Theorie orientiert, geht es darum, den Hund seinem Herrchen zu unterwerfen und hierfür notfalls auch Bestrafungen einzusetzen. Diese Variante ist, wenn man sich mit Tierärzten und Hundetrainern unterhält, die inzwischen völlig überholte. Und trotzdem gibt es noch immer viele Trainer in Berlin, so hört man, die nach dieser Methode arbeiten und ihr veraltetes Wissen an ihre Kunden weitergeben.
Bei der neuen, verhaltenspsychologischen Herangehensweise wird dagegen vor allem versucht, positives Verhalten zu bestärken. Und es wird sehr genau auf die individuellen Eigenschaften des Hundes eingegangen. Ist er ängstlich, aggressiv oder frustriert? Gibt es medizinische Gründe für sein Verhalten? Je nach Beantwortung dieser Fragen wird das Training mit ihm angepasst.
Michael ist sich ziemlich sicher, dass Dobby ADHS hat, ja hyperaktiv ist. Vor allem in aufregenden Situationen, wie auf dem Weg in den Wald oder in einer unbekannten Umgebung, ist es schwer, den Hund ruhig zu halten. Am liebsten würde er dann überall gleichzeitig seine lange Nase hinbewegen, zu diesem Baum, zu jenem Strauch und dann bitte ganz schnell weiter. Kommandos, die sonst perfekt funktionieren, sind wie vom Winde verweht.
Für solche Hunde, sagt Michael, sei das „Entspannungsprotokoll“ Gold wert. Es ist das, was ich in diesem Text als Meditation bezeichne, weil er diese Metapher dafür wählte: Eine Serie von Übungen, deren Ziel es ist, dass sich der Hund entspannt. Das Konzept geht zurück auf die australische Tierärztin und Verhaltenspsychologin Karen Overall, und dass es funktioniert, ist wissenschaftlich belegt.
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„In neun von zehn Fällen“, sagt Michael, „verändert sich der Hund schon nach ein paar Wochen.“ Die anfängliche Nervosität nach der Meditation sei völlig normal. Man müsse nur kontinuierlich mit dem Hund meditieren. Jeden Tag und immer mit der nur dafür bestimmten Decke. Dann – irgendwann – werde der Hund schon beim Anblick der Decke tiefe, schläfrige Augen bekommen, vielleicht ein bisschen sabbern und sich idealerweise ganz selbstverständlich hinlegen, um in die Transzendenz abzudriften – all den Radau ignorierend, den wir singend und tanzend um ihn herum veranstalten.
Noch habe ich gewisse Zweifel, ob das wirklich funktionieren kann. Andererseits: Neulich sind Dobby und ich auf der Straße mal wieder einem kleinen, kläffenden Hund begegnet. Schon von weitem hatte er angefangen zu bellen, sein Herrchen hatte an der Leine gerüttelt und geschimpft, den kleinen Hund aber interessierte das überhaupt nicht. Er kläffte weiter. Dobby hingegen hat nur einmal gelassen den Kopf gehoben und sich dann interessiert schnüffelnd einem Grasbüschel zugewandt. Ich glaube, allmählich kehrt Ruhe in ihn ein.
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